Interview mit Frank Lutz
"Chinesen werden Konkurrenten"
Harry Pretzlaff,
06.09.2010 06:56 Uhr
Bis zum Ende des Jahres soll die Kurzarbeit in den MAN-Fabriken beendet sein. Foto: AP
""Alle Lastwagenhersteller fahren die Produktion deutlich hoch.""
MAN-Finnzvorstand Lutz zur Lage der Branche
Beim Engagement in China gründen die meisten Fahrzeughersteller ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem chinesischen Partner. MAN dagegen hat sich am chinesischen Lastwagenhersteller Sinotruk direkt mit 25 Prozent plus einer Aktie beteiligt. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Wir waren der Meinung, dass es an der Zeit ist, einen neuen Weg zu beschreiten. Dabei hat auch die Diskussion über die Sicherung des geistigen Eigentums eine Rolle gespielt. Wir entwickeln nun gemeinsam mit unserem chinesischen Partner auf der Basis der von uns lizenzierten Technologie einen schweren Lastwagen und erhalten für unser Knowhow Lizenzgebühren. Zudem ist Sinotruk an der Börse in Hongkong notiert, was eine hohe Transparenz schafft.
Wie viele dieser schweren Lastwagen wollen Sie verkaufen?
Es ist ein jährlicher Absatz von 50.000 Fahrzeugen geplant, die unter einer neuen Marke in China und Schwellenländern verkauft werden sollen. Man muss dabei berücksichtigen, wie stürmisch der Markt wächst. Im vergangenen Jahr hat Sinotruk 125.000 Fahrzeuge verkauft, in diesem Jahr allein in den ersten sechs Monaten bereits 115.000 Lkw.
Sehen Sie nicht das Risiko, dass chinesische Hersteller mit deutscher Unterstützung lernen, wie man moderne Lastwagen baut, und dann als Konkurrenten auftreten?
Grundsätzlich gilt: wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss die technologische Führerschaft anstreben und verteidigen. Früher oder später werden die Chinesen - ganz gleich ob mit oder ohne fremde Hilfe - in der Lage sein, uns Konkurrenz zu machen, und dann muss man immer einen Schritt voraus sein. Den Dieselmotor gibt es auch schon lange, und wir haben kein Patent auf den Dieselmotor, obwohl er einst bei uns entwickelt worden ist. Trotzdem sind wir erfolgreich, weil wir die Technik ständig verbessern.
Werden die Chinesen auch einmal Lastwagen in Europa verkaufen?
Davon bin ich fest überzeugt. Wann das sein wird, ist jedoch schwer zu sagen.
Anders als in China hat MAN im Zukunftsmarkt Indien vor vier Jahren ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Lastwagenhersteller Force Motors gegründet. Doch die hohen Erwartungen haben sich bisher nicht erfüllt. Warum?
Wir sind dort in der Tat noch nicht so weit, wie wir gern sein würden. Wir haben gemeinsam ein Fahrzeug entwickelt und dann feststellen müssen, dass die Zulieferer nicht die von Europa gewohnte Qualität bringen. Deshalb haben wir viel Energie und Ressourcen in die Entwicklung der Zulieferer stecken müssen.
Also ist dies ein Zuschussgeschäft?
Nein. Wir verkaufen zwar bisher nur rund 3000 Fahrzeuge im Jahr, aber selbst mit diesen kleinen Stückzahlen erwirtschaften wir ein ausgeglichenes Ergebnis. Und wir sehen gute Chancen für einen höheren Absatz, auch durch einen Export in Länder wie Südafrika. Dies wird sich auch auf die Ertragslage auswirken.
VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat mit zäher Energie Scania erobert und dringt jetzt als MAN-Aufsichtsratschef auf eine enge Allianz zwischen der VW-Tochter Scania und MAN. Wie ist der Stand der Dinge?
Wir untersuchen seit einigen Wochen Möglichkeiten zur Kooperation und kommen gut voran. Im Mittelpunkt stehen Fahrzeugkomponenten wie etwa Achsen und Getriebe. Zudem prüfen wir eine Kooperation bei der Beschaffung, wobei wir aber immer die kartellrechtlichen Grenzen beachten müssen. Klar ist auch: alles, was die Identität der beiden Marken berührt, etwa Fahrerkabinen und Motoren, wird nicht angefasst.
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