InterviewInterview mit Friedhelm Hengsbach "Abschied von der Solidarität in Europa"

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Was die Schuldenkrise betrifft, ist der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach optimistisch. Schrittweise bewege sich Europa in die richtige Richtung

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Stuttgart- Nur schrittweise bewege sich Europa bei der Lösung der Schuldenkrise in die richtige Richtung, urteilt Friedhelm Hengsbach. In spätestens fünf Jahren jedoch werde es gemeinsame Euroanleihen sowie einen Finanzausgleich durch einen Fonds geben, der Ungleichgewichte ausgleicht, sagt der Jesuit optimistisch voraus.

Herr Hengsbach, als Mann Gottes haben Sie bestimmt prophetische Gaben. Ist der Euro nun gerettet?

Der Euro ist überhaupt nicht in Gefahr. Man dürfte nur von einer Eurokrise reden, wenn der Euro im Vergleich zu anderen Währungen über- oder unterbewertet wäre. Im ersten Fall jammert die Exportindustrie, im zweiten jammern die Importeure. In Wirklichkeit geht es nicht um den Euro, sondern um die Folgen der Finanzkrise.

Die dreht eine Runde nach der anderen. Es begann mit einer Immobilienkrise, die griff auf die Banken über, dann ging es um Spekulationsblasen an den Rohstoff- und den Finanzmärkten. Jetzt trifft es die peripheren Staaten und ihre Staatsanleihen im europäischen Währungsverbund. Man muss also genau schauen, wo sich gerade die überschüssige Liquidität austobt.

Bei den EU-Gipfeln wollte die Politik doch aber vor allem dem Euro helfen?

Das sehe ich anders. Es ging um den Konflikt zwischen den Finanzmärkten und den nationalen Regierungen. Bisher treiben die Großbanken, Versicherungskonzerne und Investmentgesellschaften die Staaten vor sich her. Dabei sollten die Staaten bestimmen, wie die Zukunft Europas aussehen soll – und zwar im Sinne der Menschen.

Geht das auch konkreter?

Für ein stabiles Währungssystem ist ein wirtschaftlich starker Anker nötig, also womöglich Deutschland zusammen mit Frankreich und Großbritannien. Dann bräuchten wir eine Zentralbank, die nicht nur das Güterpreisniveau stabil hält, sondern auch Wachstum und Beschäftigung stimuliert. Das sollte europaweit koordiniert werden. Dazu müsste ein Fonds kommen, der die wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den Staaten ausgleicht.

Vom Sparen reden Sie gar nicht?

Sparen ist der Versuch, entweder umzuverteilen zu Lasten der öffentlichen und zu Gunsten der privaten Haushalte beziehungsweise zu Lasten der schwächeren und zu Gunsten der stärkeren Nationen in Europa. Oder zu schrumpfen mit der großen Gefahr einer Rezession.

Haben etwa die Griechen nicht über ihre Verhältnisse gelebt und müssen den Gürtel nun enger schnallen?

Das ist die Logik der schwäbischen Hausfrau. Die übersieht aber, dass alle Bürger Europas in einem Boot sitzen. Auch die Bundesrepublik bleibt stabil, solange die starken Länder für die schwachen im Finanzausgleich einstehen. Sich dagegen zu wehren, läuft auf eine Aufkündigung der Solidarität hinaus. Auch ein gemeinsames Währungssystem muss solidarisch verfasst sein. In Ansätzen ist das in Europa ja schon so. Es gibt einen Regionalfonds und die Agrarförderung, die der Kohäsion dienen. Solche Mechanismen werden wir künftig ausbauen müssen.

Die Deutschen sollen also noch mehr zahlen?

In Deutschland fangen die Baden-Württemberger an, sich dagegen zu wehren, dass Kinder in Bremen kostenlos in die Horte dürfen. Statt selbst solche Angebote zu machen, motzen die reichen Länder darüber, dass sie für die armen Länder, die sich in der Hängematte räkeln, zahlen sollen. Ähnlich ist der Abschied von der europäischen Solidarität als die Krankheit des vergangenen Jahres einzustufen. Durch Schuldenbremsen, Spardiktate und Stabilitätspakte versucht Deutschland die eigene Stärke zu erhalten und treibt die anderen dabei weiter in den Keller.

Wir sollen also bis 67 arbeiten, damit die Griechen früh in Rente gehen können?

Wir können gar nicht bis 67 arbeiten. Schon jetzt erreicht nicht mal jeder Zweite das normale Rentenalter. Die Rente mit 67 gehört zu den großen Parolen, die von den Politikern in Europa verbreitet werden, die aber mit der Realität nichts zu tun haben.

Wir haben aber zuletzt viel über Verschwendungen in Griechenland erfahren. Es fällt schwer, dafür die Zeche zu zahlen.

Ob da mehr verschwendet wurde als in Deutschland, weiß kein Mensch. Schlamperei und Steuerhinterziehung gibt es auch bei uns. Denken Sie an die Verschwendung in Gorleben oder die mögliche Verschwendung durch Stuttgart 21. Angela Merkel selbst hat sich an den Griechenland-Legenden beteiligt. Immer wieder werden Einzelne für gesellschaftliche Risiken haftbar gemacht. An der Massenarbeitslosigkeit sind die angeblich faulen Säcke oder die Unqualifizierten schuld. Genauso individualisiert man die Risiken, die aus Konstruktionsfehlern des Währungssystems herrühren.

Sie als Christenmensch argumentieren an dieser Stelle nicht für mehr Moral?

Es ist pharisäerhaft und unklug, wenn Deutschland sich als Moralapostel aufspielt. Die US-Amerikaner haben ihr Ansehen eingebüßt, seit sie sich als Friedensbringer aufspielen und Kriege für Öl führen. Wenn Deutschland den Aufpasser in Europa spielt, verliert es an Vertrauen. Außerdem ist es verfehlt, so zu argumentieren. Wenn Länder riesige Defizite aufhäufen, muss es auch Länder geben, die sich Zahlungsbilanzüberschüsse leisten. Beide sind für die Krise verantwortlich. Wir sollten nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern die strukturellen Schieflagen des Währungsraums beseitigen.

Die Strukturen in Europa werden doch angepasst, es soll eine Fiskalunion geben.

Mit Steuerpolitik allein kann ich kein vereinigtes Europa schaffen. Eine Anpassung zu Lasten der Schwächeren ist unfair und unsolidarisch. Die Unterschiede werden dadurch größer und nicht geringer. Das ist kurzsichtig und nicht nachhaltig. Die Kanzlerin schaut nicht über den Tellerrand hinaus. Sonst hätte sie nicht die Griechen, Spanier, Portugiesen und Italiener von oben belehrt, sondern eine Lösung gesucht, an der alle beteiligt sind.

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13 KommentareKommentar schreiben

@zahler: Sie sollten vielleicht mal darüber nachdenken, wer der Staat eigentlich ist. Das sind Sie selbst! Die Steuern sind dabei Ihr Beitrag für die Leistungen die Sie in Anspruch nehmen und genommen haben. Ihre Schulausbildung zum Beispiel hat Sie erst in die Lage versetzt, ein gutverdienender Steuerzahler zu werden. Andere Beispiele wären Straßen, Kanalisation... Ganz nebenbei, ohne Steuern hätten sie ihre Antwort sicherlich noch per Brief an die Redaktion senden müssen. Das Internet ist auch eine Errungenschaft, die es ohne gesellschaftliche Zusammenarbeit nicht geben würde.

Treffend analysiert: und ein in Deutschland seltener Blick auf die Krise zeigt: Die Euro-Krise ist eine Bankenkrise, die in eine Serie von Staatsschuldenkrisen umgeschlagen ist. Wie die amerikanische Krise resultiert auch die Eurozonen-Krise aus laxer Kreditvergabe der Banken an unsichere Kunden. In Europa u.a. an den spanischen Bausektor, an den irischen Immobiliensektor und den öffentlichen Sektor Griechenlands. Die europäischen Banken profitierten von den Hebeleffekten toxischer amerikanischer Aktiva. Als deren Werte zusammenbrachen, versuchten die europäischen Banken zwecks Rentabilitätssicherung, ihre Staatsanleihen der schwächsten Euro-Staaten gegen solche starker Euro-Staaten einzutauschen, was die Euro-Zonen-Krise auslöste. Der erste Reflex der Banken bei dieser Art von Krise ist, sich zunächst gespielt überrascht zu zeigen und dann den eigenen Kunden Leichtsinn, ja sogar Betrug vorzuwerfen. Dies verschleiert den Fakt, dass die Banken selbst zu leichtsinnig Kredite an ihre Kunden vergaben, um die dabei anfallenden, großzügig bemessenen Kommissionen einstreichen zu können. Aufgrund der Staatsgrenzen zwischen den Sitzen der Gläubiger-Banken und den Sitzen ihrer Schuldner und aufgrund der Verbindungen der europäischen Politiker zu ihren nationalen Banken-Champions funktionierte die Verteidigungsstrategie der europäischen Banken besser als in den USA. Europäische Politiker zögerten im Krisenkontext auch nicht, rassistische Klischees zu bedienen. Und die Finanzlage von Staaten ist immer auch Folge von Politik: so stieg die Staatsverschuldung Deutschlands in den zehn Jahren vor der Finanzkrise (2008) um knapp 500 Mrd. Euro - in der gleichen Zeit stieg das Privatvermögen um über 1.100 Mrd. Euro. Die Verteilung des Vermögens kann jeder selbst recherchieren.

Bitte über den Tellerrand sehen: @zahler Sie machen den üblichen Fehler und machen die Menschen für ihre Situation verantwortlich, denen es finanziell noch schlechter geht. Sie arbeiten und zahlen Steuern, das ist gut so und so soll es auch sein. Das sie mit Ihrer Situation nicht ganz zufrieden sind liegt aber an denen, die weitaus mehr als sie verdienen ohne Gegenleistung zum Schaden aller. Herr Hengsbach hat wie immer vortrefflich das Wesentliche formuliert. Die Fragen des Interviewers sind einem beim Lesen schon im Halse stecken geblieben - war das absichtlich so daneben und provokativ formuliert? Entsetzlich!!

@hajomueller: Sie behaupten: Die ersten vier Kommentatoren zeigen das Problem dieser Welt. Die Wirklichkeit wird bewusst ignoriert, da liegen sie auf der gleichen Wellenlänge wie BP Wulff oder der gelgeglättete Guttenberg. Die Gesellschaft wird durch neoliberales Handeln in den Abgrund getrieben und diese Leute wollen das nicht zur Kenntnis nehmen, nur weil sie bisher wohl von diesem unsozialen System profitierten. Ich frage mich, inwiefern ich als arbeitender gehaltsabhängiger Mensch von diesem 'System' so viel profitiert haben sollte, daß ich mir vorhalten lassen müßte, die Gesellschaft in den Abgrund getrieben zu haben. Ich sehe mich durch eigene Leistung als gutverdienender Steuerzahler eher in der Situation, vom Staat wegen der zu zahlenden Steuern und der aufzubringenden Sozialabgaben in Geiselhaft genommen zu sein. Ich muß für mein Alter vorsorgen, wie die meisten von uns. Das ist doch nicht verwerflich. Sie sollten mal Ihre Denke überprüfen, vermutlich sind Sie Beamter und wissen gar nicht, wo das Geld für den Staat herkommt.

Endlich!: Herr Hengsbach hat den Nagel auf den Kopf getroffe. Er sagt nämlich, dass Schulden nur dann abgebaut werden können, wenn im SELBEN Umfang auch Guthaben abgebaut werden. Er hat zweifelsfrei unser Geldsystem verstanden. Es ist tatsächlich ein Konflikt zwischen der weltweit operierenden Finanzoligarchie und den nationale Regierungen, die gegeneinander ausgespielt werden sollen. Das Spiel ist sehr durchschaubar! Gut, dass es Persönlichkeiten gibt, die mal Tacheles reden. Er hat absolut Recht, wenn er indirekt sagt, dass es in Europa nicht darum geht, wer ERSTER ist. Es geht um eine europäische Gesellschaft. Wer das nicht versteht, versteht die Idee von Europa nicht!

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