Interview mit Harald Schmidt „Ich bin keine Sopranistin“
Wolfram Goertz, 31.01.2012 21:30 Uhr
Immer  mal was Neues: „Dirty Harry“ widmet sich dem Musiktheater. Foto: dpa
Immer mal was Neues: „Dirty Harry“ widmet sich dem Musiktheater. Foto: dpa

Stuttgart - Harald Schmidt, der gelernte Schauspieler, als geistreicher Opernmoderator – in dieser Rolle präsentiert sich der TV-Star in einem Konzert mit dem Ensemble Concerto Köln am 18. Februar in der Liederhalle. Gemeinsam wollen sie Mozarts kaum je gespieltes Singspiel „Schauspieldirektor“ von 1786 bieten.


Herr Schmidt, ist dieser „Schauspieldirektor“ wirklich so unverdaulich, wie er gilt?
Ich halte ihn für schwer aufführbar, weil die endlosen Dialoge mit ihren Verwirrungen und Ohnmachtsanfällen heute nicht mehr zu kapieren sind. Aber wenn man sie rafft und die Musik für sich bestehen lässt, kann man einen schönen Erfolg erzielen.

Und was erzählen Sie den Leuten?
Ich erzähle ihnen, vor welchen Problemen ein Opern- oder Schauspieldirektor heute steht, wenn die Sänger die Disposition für die nächsten fünf Jahre in der linken und ein paar Flugtickets in der rechten Hosentasche stecken haben. Hinter diesen Kulissen kenne ich mich ja aus.

Das ist doch ein Traumjob für Sie: Sie haben wenig zu tun, stehen aber hinterher als Held des Abends da.
Ein Traumjob ist es insofern, als ich bei einer schönen Produktion dabei sein kann, und die Hauptarbeit leisten die Sänger und das Orchester.

Das Stück ist für die Sänger, vor allem für die Soprane, nicht ganz ohne. Da geht es mehrfach in hochalpine vokale Bereiche.
Das kann ich nicht beurteilen, ich bin ja zum Glück keine Sopranistin. Aber es hilft zu wissen, dass Mozart das Opus schon parodistisch angelegt hat, und er geht ja mit der Virtuosität des Koloratursoprans ein wenig karikierend um. Aber wie gesagt: bei allem Größenwahn halte ich mich fern davon, Mozart beurteilen zu wollen. Ich könnte allenfalls eine frühe Klaviersonate vom „Figaro“ unterscheiden, aber das ist es auch schon.

Sollte man nicht häufiger Opern mit einem schwer verstehbaren Stoff – wie Verdis „Macht des Schicksals“ – mit einem Moderator versehen, der den Leuten die Handlung erklärt? Das wäre eine schöne Lebensaufgabe für den reifen Harald Schmidt.
Absolut. Die Besucher sind doch glücklich, wenn es in einem Opernhaus heißt: Heute streikt die Technik, wir machen es konzertant. Die Leute wollen die Musik hören, schöne Sängerleistungen geboten bekommen, und wenn man ihnen viel Gespiele zwischendurch erspart, erntet man – diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht – gewisse Dankbarkeit und Erleichterung.

Das glauben Sie nicht im Ernst, dass Opernbesucher auf tolle Bühnenbilder und Verwandlungszauber verzichten wollen.
Dann müssen Sie mir aber mal sagen, wo tolle Bühnenbilder und Verwandlungszauber zu sehen sind. Wenn in der Kölner Philharmonie Wagners „Parsifal“ konzertant geboten wird, ist die Hütte voll.

Gehen Sie hin?
Nein. Ich nehme es mir immer vor, aber mich schreckt dann doch die Länge des Werks. Bei der „Matthäus-Passion“ kann ich sie mir zumuten, bei „Parsifal“ noch nicht. Wagner steht bei mir auf der Liste aber ganz oben.

Das haben Sie in Interviews vor ein paar Jahren auch schon gesagt.
Ja, kann sein. In meinem Stereotypen bleibe ich mir also treu. Hauptsache, man spricht darüber und ermutigt andere. Außerdem ist es doch schön, wenn man noch Ziele hat.

Sie haben im Fernsehen vor ein paar Jahren in einer denkwürdigen Sendung die Cembalosonaten von Domenico Scarlatti vorgestellt. Hören Sie den immer noch?
Absolut, das ist die richtige Musik fürs Auto und für Staus: Kamener Kreuz, Warten vor dem Elbtunnel oder vor Parkhäusern – da hilft Scarlatti ungemein. Momentan höre ich auch Musik von Henry Purcell. Der hilft grandios gegen den derzeitigen Aggressionsstandard deutscher Autofahrer.

Wie kamen Sie denn auf Purcell?
Ich habe kürzlich in England häufig BBC gehört und eine Reihe, die hieß: „Entdecke London über Musik“. Da wurde unter anderem die Musik gespielt, die Purcell für die Beerdigung von Queen Mary II. komponiert hat. Das ist fast das Beste, das ich zu diesem Thema kenne. Bei uns werden doch viele Menschen noch mit Whitney Houston von CD hinausbegleitet.

Mit Trauergottesdiensten kennen Sie sich aus, Sie haben ja ein katholisches Kirchenmusikerexamen. Wissen Sie noch, was Sie bei der Prüfung auf Klavier und Orgel gespielt haben?
Auf dem Klavier den ersten Satz aus dem „Italienischen Konzert“ von Bach und den ersten Satz aus Beethovens früher f-Moll-Sonate, auf der Orgel eine Toccata von Max Reger und ein für mich relativ kompliziertes Choralvorspiel von Bach, vermutlich einer von den Schübler-Chorälen. Das dritte Stück war von Ernst Pepping. Daran habe ich aber überhaupt keine Erinnerung mehr.

Könnte man Ihnen heute auf der Orgel ein Kirchenlied aus dem Gesangbuch hinlegen? Bekäme Harald Schmidt einen vierstimmigen Satz hin?
Das klingt ganz gut bei mir, da sind auch ein paar Harmonien drin, die da nicht reingehören und aus der Tradition von Reger kommen. Jedenfalls bin ich ein guter Schmierant, der muss man als Organist im Gottesdienst etwa am Ende der Kommunion auch sein, wenn man Zeit überbrücken muss, weil der Pfarrer mit dem Reinigen des Kelches und dem Rückräumen in den Tabernakel noch nicht fertig ist.

Wann haben Sie zuletzt Orgel gespielt?
Ich durfte vor einiger Zeit mal die Finger auf die Tasten der Kölner Domorgel legen, da stand der Domorganist Winfried Bönig hinter mir und ermunterte mich zu spielen. Aber ich bin da doch mittlerweile bescheiden, man muss auch Respekt vor so einer Domorgel haben. So ein paar Grundakkorde klingen natürlich bombastisch, wenn man da einfach ins Tutti geht und alle Register zum Klingen bringt.

Was zeichnet den fantasievollen Organisten aus?
Die großen Toccaten und Präludien von Bach runterdonnern – das können große Organisten alle. Für mich fängt der Spaß dann an, wenn ich fünf Strophen eines Weihnachtsliedes höre und jede anders harmonisiert ist. Ich war Weihnachten im Pontifikalamt im Kölner Dom, und da einen Könner wie Bönig zu hören, war schon beeindruckend.

Haben Sie es irgendwann bedauert, dass Sie nicht als Organist, sondern als TV-Mensch zum Star geworden sind?
Mir wurde die Gnade zuteil, dass ich rechtzeitig gemerkt habe, wo meine Grenzen sind. Bei mir war zum Beispiel das Fach Gehörbildung ein Desaster. Bei einem Musikdiktat mit zwölf aufeinanderfolgenden Harmonien musste ich mir alles mühsamst zusammenbasteln. Rechts von mir saßen dann in der Kirchenmusikschule Leute, die haben das einfach mitgeschrieben und zwei Minuten später abgegeben. Da hab ich kapiert: Das ist eine andere Liga. So kam ich dann zum Theater und auf die Bühne.
Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift