InterviewInterview mit Heike Wiese „Niemand spricht nur Kiezdeutsch“

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Dialektsprecher sollten nicht diskriminiert werden, sagt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese im StZ-Interview. Wieses Spezialgebiet ist das sogenannte Kiezdeutsch, also die Milieusprache Jugendlicher.

Heike Wiese wünscht sich, dass Kiezdeutsch nicht als fehlgeschlagener Versuch, Standarddeutsch zu sprechen wahrgenommen wird. Foto: Steffi Loos
Heike Wiese wünscht sich, dass Kiezdeutsch nicht als fehlgeschlagener Versuch, Standarddeutsch zu sprechen wahrgenommen wird.Foto: Steffi Loos

Stuttgart - Dialektsprecher sollten nicht diskriminiert werden, sagt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese. Ein Essay von Wiese zum Thema Kiezdeutsch ist auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung zu finden.




Frau Wiese, Kiezdeutsch, also die Milieusprache Jugendlicher, hat keinen guten Ruf. Warum?
Unter Sprachwissenschaftlern sieht kaum jemand Kiezdeutsch als negativ an. Die Öffentlichkeit sieht es hingegen eher kritisch, da stimme ich zu. Der Grund ist einfach: Dialekten gegenüber hat man oft eine schlechte Meinung – vor allem, wenn es nicht der eigene ist. Gehen Sie mal durch Berlin und schwäbeln. Kiezdeutsch ist im Grunde ein deutscher Dialekt.

Was macht diesen Dialekt aus?
Zunächst ist die Sprache offen für neue Wörter, die aus anderen Sprachen importiert werden. „Yalla!“ etwa kommt aus dem Arabischen und heißt „Los!“. Außerdem kann man in Kiezdeutsch Ortsangaben nur mit Nomen ausdrücken, zum Beispiel: „Ich gehe Kino.“ Was das angeht, ist Kiezdeutsch reicher als das Standarddeutsche, wo man hierzu nur Wortstellung und Betonung nutzen kann. Dazu kommen Besonderheiten bei der Aussprache, etwa das gerollte r oder „isch“ statt „ich“. Das haben Sie auch in anderen deutschen Dialekten wie dem Fränkischen oder dem Hessischen.

Wer spricht Kiezdeutsch?
Wir haben einen hohen Anteil mehrsprachiger Sprecher, viele von ihnen sind jung. Für die ist es ganz normal, dass man Zusammenhänge in verschiedenen Sprachen ausdrücken kann, also auf teils ganz unterschiedliche Weise. Hinzu kommen Jugendliche, die einsprachig deutsch aufgewachsen sind. Kiezdeutsch ist ihre gemeinsame Sprache. Doch der Dialekt ist noch jung, dynamisch. Er ist im Werden.

Können die mehrsprachig aufgewachsenen Kiezdeutsch-Sprecher Standarddeutsch?
Dazu gibt es keine validen Daten. Aber grundsätzlich spricht niemand nur Kiezdeutsch, sondern immer auch andere Varianten des Deutschen – umgangssprachliche ebenso wie formellere. In Deutschland ist es generell so, dass der Gebrauch des Standarddeutschen stark von der sozialen Schicht abhängt, denn Standarddeutsch ist eng am Sprachgebrauch der Mittelschicht. Das hat aber nichts damit zu tun, ob jemand Kiezdeutsch spricht oder nicht.

Das heißt, die Gesellschaft im Allgemeinen und Erzieher sowie Lehrer im Besonderen sollten nichts gegen das Kiezdeutsch unternehmen?
Natürlich kann es nicht sein, dass kein Standarddeutsch mehr gelehrt wird. Es ist extrem wichtig in unserer Gesellschaft, das zu beherrschen. Doch ich wette, dass auch bei Ihnen im Sprachgebrauch Elemente sind, die wir auch in Kiezdeutsch finden.

Zum Beispiel?
Das Wörtchen „so“ als Marker für Wichtiges habe ich schon im Literarischen Quartett gefunden und bei Lessing. Oder dass wir die Präposition weglassen: „Steigen Sie Hauptbahnhof um.“ Oder „Lass ma ins Kino gehen“, da fehlt ein „uns“.
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Logik: Dummgelaber ist kein Dialekt, sondern Ausdruck mangelnder Bildung und defizitären logischen Denkens. Schüler, die keine korrekte Grammatik zustande bringen, verstehen meist auch mathematische Zusammenhänge nicht richtig. Sprache ist Logik, Mathematik ist Logik. Wer das Eine nicht kann, kann auch das Andere nicht. Bildung muß zuallererst die Fähigkeit zum logischen Denken heranbilden, denn sonst erschließen sich dem Geist auch die Lerninhalte nicht - sie bleiben dann oberflächlich und ohne Erkenntnisgewinn.

Lernt Kiezdeutsch!: Es gibt kaum einen Mumpitz, für den Sprachwissenschaftler nicht einen sprachtheoretischen Überbau zu basteln bereit sind. Na dann viel Spaß mit Kiezunterricht mit Anke Engelke: http://www.myvideo.de/watch/8455802/Lernt_Kiezdeutsch

Sehr amüsant....: Sehr amüsant, dass hier sofort Ausdrücke wie 'kulturelle Verwahrlosung' und 'Untergang des Abendlandes' fallen, wo doch der Großteil der Schwaben selbst kein Hochdeutsch beherrscht. Nein, ich will hier kein Kiezdeutsch verteidigen. Ja, ich bin selbst Schwabe. Aber ich bin der Meinung, dass man im Geschäftsleben, in der Politik, im Dienstleistungsgewerbe usw., durchaus Hochdeutsch reden können sollte, wenn man Ernst genommen werden will.

Yalla Digger: isch schwöre lan. Alda gehst du Bahnhof? Wiese treffen weiss du? Isch schwöre Digger, muss treffen diese Alde und sagen was geht und was geht nicht, isch schwör

Respekt: Ich habe großen Respekt vor Frau Wiese, weil sie sich an ein beim Bildungsbürgertum so unpopuläres Thema heranwagt. Irgendjemand MUSS doch aktuelle Entwicklungen innerhalb der deutschen Sprache untersuchen! Aber wenn sie darüber berichtet, dann fühlt sich jeder berufen, den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören -- darunter sicher viele, deren eigene Sprache dialektal geprägt ist. Erstens kann man selber wenig dafür, in welchem Umfeld man aufwächst; zweitens sagt Frau Wiese doch ganz deutlich, dass es zum beruflichen Weiterkommen gehört, dass die Kinder auch gutes Standarddeutsch lernen; drittens sind Dialekte aus linguistischer Sicht sicher höchst interessant; und viertens denke ich -- aber das ist meine persönliche Meinung -- dass weltoffene Menschen grundsätzlich Sprachenvielfalt toll finden sollten statt immer gleich mit der Keule draufzuhauen.

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