Interview mit Hermine Huntgeburth und Simon X. Rost „Ein großer Humanist auf Seiten der Schwachen“

Thomas Klingenmaier, 25.12.2012 13:42 Uhr

StuttgartWer über die Feiertage mit Kindern im Kino Spaß haben möchte, kann mit Hermine Huntgeburths „Die Abenteuer des Huck Finn“ wenig falsch machen. In ostdeutschen Gegenden lässt Huntgeburth Twains Südstaaten lebendig werden. Der Stuttgarter Autor Simon X. Rost geht einen Schritt weiter. Sein Krimi „Der Mann, der niemals schlief“ (Lübbe, 480 Seiten, 14,99 Euro) setzt Twains Geschichten fort und erzählt von Tom und Huckleberry in Mannesjahren.


Frau Huntgeburth, Herr Rost, was hat sie unter all den vielen Klassikern ausgerechnet zu Mark Twain hingezogen?
Huntgeburth Das liegt an meinen Kindheitserinnerungen. Der Adventsvierteiler, der 1968 erstmals im Fernsehen lief, hat mich damals schwer beeindruckt. Die Idee einer Neuverfilmung kam zwar vom Produzenten, aber ich war sofort begeistert: ein großer Rahmen, viele Kostüme, eine andere Zeit.
Rost Der Mann ist zeitlos aktuell. Er schreibt oft respektlos, pflegt den Realismus, aber gleichzeitig auch eine herzerwärmende Sentimentalität und Gutmütigkeit. Damals war er ja eher verpönt, als Autor für die Massen, auch weil er einen journalistischen Stil hatte und als einer der ersten Alltagssprache verwendete.

Waren Sie auch einmal versucht, die Figuren aus ihrer Zeit zu lösen und ins Heute zu verpflanzen, wie das ja viele Verfilmungen klassischer Kinderbücher mit Gestalten anderer Epochen tun?
Huntgeburth Das könnte man mit Tom und Huck wohl gut machen. Von Diskriminierung, Außenseitertum, Abenteuer und Sklaverei kann man noch immer erzählen. Aber uns ist keine Sekunde der Gedanke gekommen, das auch zu tun. Für uns war es lustvoller, die alte Zeit wieder auferstehen zu lassen.
Rost Mir wäre das zu naheliegend gewesen. Außerdem bin ich auf den Stoff gestoßen, als ich nach Lektüre für meine eigenen Kinder suchte. Da habe ich den „Tom Sawyer“ in die Hand genommen und im Nachwort den schönen Satz Twains gefunden, es könnte sich lohnen, später noch einmal nachzuschauen, was für Männer und Frauen aus den Kindern des Buches geworden seien. Damit hatte ich meinen Auftrag.

Nun ist Mark Twain nicht nur einer der noch immer meistgelesenen amerikanischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Er ist zumindest zuhause in den USA auch der meistzensierte. Ihm wird unreflektierter Rassismus vorgeworfen, gerade in der Beziehung von Huck zum vor der Sklaverei flüchtenden Erwachsenen Jim. Hatten Sie Schwierigkeiten mit unzeitgemäßen Haltungen bei Twain?
Rost Diese ganze Kritik hängt sich vor allem an Twains Gebrauch des Wortes Nigger auf. Dabei hat er nichts anderes getan, als die Sprache seiner Zeit zu benutzen. Es wäre komplett unrealistisch gewesen, hätten seine Figuren einen anderen Begriff benutzt. Twain wurde von seinen Lesern auch darum geschätzt, weil er nicht um den realen Sprachgebrauch herum schrieb. Der Rassismus-Vorwurf ist absurd. Twain war ein großer Humanist, der immer auf Seiten der Schwachen stand.
Huntgeburth Es gibt auch in Amerika ­viele Menschen, die begreifen, dass man das so belassen muss, um überhaupt Zugang zu dem historischen Stoff zu bekommen. Man darf das nicht schöner machen. Man erstickt doch jede Diskussion über die Verhältnisse von damals, wenn man alles egalisiert. Wir haben allerdings darauf geachtet, dass Jim im Film ein wenig gebildeter und erwachsener auftritt als im Buch, nicht mehr so tumb und kindlich. Huck kann von Jim nun lernen.

„Tom Sawyer“ und „Huck Finn“ kannte einst jeder, dem zuhause überhaupt der Weg zum Lesen geebnet wurde. Ganz so selbstverständlich ist die Begegnung junger Geister mit Twain heute nicht mehr. Um was beraubt man Kinder denn, wenn man ihnen Mark Twains Bücher vorenthält?
Huntgeburth Ob es lebensnotwendig ist, Twain gelesen zu haben, weiß ich nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine Bereicherung. Im „Huck Finn“, dem erwachseneren der beiden Bücher, geht es um elementare Dinge, um Abenteuer in der Natur, aber eben auch um Niedertracht und Menschenrechte.
Rost Die schon erwähnte Gutmütigkeit fehlt mir bei Filmen und Büchern von heute manchmal. Twain hat einen verschmitzten Blick, der nicht nur runtermacht, einen Blick für das Gute in den Menschen.

Was würden Sie denn erwachsenen Lesern aus dem großen restlichen Werk Twains noch empfehlen?
Huntgeburth Twain hat sehr interessant und amüsant seine Reisen durch Europa und Deutschland geschildert. Da gibt es viele Ausgaben.
Rost Wenn man die ganz andere Seite Twains kennen lernen will, empfehle ich „König Leopolds Selbstgespräch“, eine klare Anklage des Imperialismus.