Interview mit Joachim Löw "Spanien bleibt die Herausforderung"
Marko Schumacher, 12.12.2010 13:56 Uhr
Joachim Löw will nicht zulassen, dass die Nationalelf ihren Weg verlässt. Foto: dpa
Joachim Löw will nicht zulassen, dass die Nationalelf ihren Weg verlässt. Foto: dpa
""Er ist eines der größten Talente der letzten Jahre und hat alle Möglichkeiten für eine große Karriere.""
Löw über den 18-jährigen Dortmunder Mario Götze

Stuttgart - Die deutsche Nationalmannschaft hat sich in diesem Jahr weltweit Sympathien erworben. Bei der WM ist sie Dritter geworden und hat die Fans mit spektakulärem Offensivfußball verzückt. Der Plan des Bundestrainers Joachim Löw ist also aufgegangen. Am Ziel ist der 50-Jährige aber noch lange nicht.

Herr Löw, was machen Sie als Hobbybergsteiger in den Weihnachtsferien? Folgen auf den Kilimandscharo nun die Anden?


Die Anden werde ich in Angriff nehmen, wenn ich mehr Zeit habe und keine Verpflichtungen. In der Winterpause gehe ich vielleicht mal auf den Feldberg im Schwarzwald. Der ist knapp 1.500 Meter hoch und leichter zu bewältigen.

Wenn Sie dort oben das Jahr Revue passieren lassen: Wie fällt Ihr Fazit aus?


Für mich ist das eher ein Zwischenfazit, denn wir sind auf dem Weg zu einem neuen Turnier. Und ich werde es nicht zulassen, dass wir auch nur ein Stück von unserem Weg abkommen. Wenn ich aber zurückschaue, glaube ich, dass wir dieses Jahr unter schwierigen Bedingungen hervorragende Leistungen gezeigt haben. Gerade im fußballerischen Bereich waren die Fortschritte größer als in den Jahren zuvor. Wir spielen mittlerweile einen Qualitätsfußball, für den wir auch aus dem Ausland viel Lob bekommen. Das hat es früher nicht gegeben.

Was sind die entscheidenden Merkmale dieses Spiels?


Mir war vor der WM klar, dass diejenigen Mannschaften um den Titel spielen würden, die das Spiel nicht nur verwalten, sondern in der Lage sind, offensiv zu agieren, ein schnelles Spiel zu pflegen und wenig Fouls zu begehen. All das ist uns gelungen, das belegen die Analysen, die wir anschließend vorgenommen haben.

Was haben diese ergeben?


Wir haben bei der WM von allen Teilnehmern am seltensten gefoult, wir hatten die meisten Ballgewinne im Zweikampfverhalten. Wir waren auch die Mannschaft, die am schnellsten nach Ballgewinn zum Abschluss kam. Und: auch in der Gesamtlaufleistung waren wir in der Spitze, mit durchschnittlich 12,8 Kilometern pro Spieler. Argentinien lag da im hinteren Drittel, weit unter dem Durchschnitt.

Gegen die Spanier hat es aber trotzdem nicht gereicht.


Aber wir haben uns angenähert, unser Spiel ist schneller geworden. 2005 dauerte es von der Ballannahme bis zum Abspiel im Schnitt noch 2,8 Sekunden. Das Spiel war in die Breite angelegt, es war langsam. Bei der EM 2008 haben wir uns dann auf 1,8 Sekunden verbessert, und bei der WM waren es nur noch 1,1 Sekunden. In den Spielen gegen England und gegen Argentinien sind wir sogar auf Werte von unter einer Sekunde gekommen. Nur die Spanier waren im Schnitt etwas besser.

Der spanische Fußball bleibt also das Maß aller Dinge?


Ich habe neulich den 5:0-Sieg des FC Barcelona gegen Real Madrid gesehen. Ein besseres Spiel habe ich in den vergangenen Jahren nicht erlebt, das war nahe an der Perfektion. Und da die spanische Nationalmannschaft die gleiche Philosophie verfolgt wie Barcelona, ist auch sie in der Lage, so dominant zu spielen. Spanien bleibt also die ganz große Herausforderung.

Wie kann man Spanien schlagen? Mit Härte, so wie es die Niederländer im WM-Finale versucht haben?


Auf keinen Fall. Härte ist nicht das geeignete Mittel, um die Spanier dauerhaft in Verlegenheit zu bringen. Mit ihrer Ballsicherheit und ihrem Passspiel ziehen sie einem den Nerv, weil man gar nicht in die Zweikämpfe kommt. Was uns im Halbfinale gefehlt hat, war der Mut, uns nach Ballgewinn zu lösen und schnell nach vorne zu spielen. Wir waren schon froh, wenn wir überhaupt mal am Ball waren. Das werden wir beim nächsten Mal besser machen, davon bin ich überzeugt.

Sie versuchen es mit immer mehr jungen Spielern. Woher kommen plötzlich all diese Talente?


Es ist nicht so, dass wir eine unendliche Fülle an hochtalentierten Spielern hätten. Es sind lediglich einige mehr als früher. Das wiederum liegt daran, dass einerseits die Ausbildung im technischen und taktischen Bereich viel besser geworden ist. Andererseits ist der Übergang von der Jugend zur Profimannschaft in vielen Clubs optimiert worden.

Inwiefern?


Vor einigen Jahren wurde noch gesagt: der 19-jährige Spieler hat zwar gute Anlagen, er muss sich aber noch zwei, drei Jahre gedulden. Dadurch haben viele Spieler wichtige Zeit verloren. Heute ist es anders, da sagt auch ein Louis van Gaal: "Ich erkenne die Qualitäten eines Holger Badstuber oder eines Thomas Müller, und ich will nicht, dass auf diesen Positionen irgendwelche Stars gekauft werden." Das war auch für die Nationalmannschaft gut. Bei der WM hat man gesehen, dass auch junge Spieler in der Lage sind, auf höchstem Niveau gute Leistungen zu bringen.

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