Interview mit Joachim Schmidt „Der VfB ist eine absolute Größe“

Von Das Gespräch führten und  

Der Aufsichtsratschef Joachim Schmidt spricht über alte Werte und neue Strukturen beim VfB Stuttgart, bewertet die Arbeit des Präsidenten Bernd Wahler und des Managers Fredi Bobic – und er lockert die Vorgabe der schwarzen Null in der Stuttgarter Bilanz.

Joachim Schmidt ist seit knapp einem Jahr der Chef des VfB-Aufsichtsrats. Foto: dpa-Zentralbild
Joachim Schmidt ist seit knapp einem Jahr der Chef des VfB-Aufsichtsrats.Foto: dpa-Zentralbild
Der VfB hat eine völlig verkorkste Saison hinter sich – und der Stuttgarter Fußball-Bundesligist hofft, eine rosige Zukunft vor sich zu haben. Mit neuen Köpfen, neuen Ideen und einem Aufsichtsratschef, der nicht jedes Risiko scheut. „Ich stehe mit meinem Gremium im Transferbereich für eine kontrollierte Offensive“, sagt Joachim Schmidt (65).
Herr Schmidt, die gerade abgelaufene Saison war für den VfB sehr turbulent. Was bleibt, wenn Sie zurückblicken?
Sportlich ist die Saison in keinster Weise zufriedenstellend gelaufen. Darüber sind wir alle enttäuscht, und das arbeiten wir gerade im Detail auf. Es kann nicht der Anspruch des VfB sein, Platz 15 zu erreichen.
Um dies künftig zu verhindern, gibt es den Ansatzpunkt, mehr Fußballkompetenz in die Führungsetage des Vereins zu bringen. Laufen Bestrebungen, den Manager Fredi Bobic bei der Transferarbeit zu unterstützen?
Ich sehe das etwas differenzierter. Diese Kritik der mangelnden Fußballkompetenz höre ich derzeit fast jeden Tag. Ich weiß sie auch einzuordnen. Wir werden aber in dieser Richtung etwas machen. In welcher Form klären wir gerade. Bewerbungen gibt es aus dem Umfeld des VfB ja genug.
Wird es bereits zur nächsten Saison so eine Art Sportausschuss mit Leuten wie Jürgen Klinsmann, Ottmar Hitzfeld und Arie Haan geben, die eine VfB-Vergangenheit haben?
Das kann ich aktuell so nicht bestätigen. Vielleicht werden wir schon zur nächsten Mitgliederversammlung am 28. Juli ein Zeichen hinsichtlich Verstärkung der Sportkompetenz in den Gremien setzen.
Nach der Mitgliederversammlung 2013 gab es unter Ihrem Vorsitz im Aufsichtsrat die Idee einer Strukturkommission, um den Verein fit für die Zukunft zu machen. Arbeitet diese völlig im Verborgenen?
Ich habe immer von einer Art Strukturkommission gesprochen. Es ging also nicht darum, ein neues Gremium zu installieren. Wir haben den Vorstand, den Aufsichtsrat und den Ehrenrat. In diesen Gremien wurde einiges getan. Wir werden nun zur Mitgliederversammlung Vorschläge präsentieren, zum Beispiel auch zu Satzungsänderungen. Das Versprechen werden wir demnach einlösen. Ich möchte dem Ganzen nicht weiter vorgreifen.
Der Plan einer Ausgliederung der Profis aus dem Verein besteht aber schon länger.
Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit einer möglichen Ausgliederung. Ich glaube, dass wir mittelfristig auch nicht daran vorbeikommen. Das ist der Weg, den die meisten Vereine gehen. Das ist der Weg, der in die Zukunft führt. Das ist der Weg, der es uns ermöglicht, von Investoren zusätzliches Geld zu erhalten. Dafür werde ich mich massiv einsetzen. Aber wir haben auch immer gesagt, dass wir alle Mitglieder auf diesem Weg mitnehmen möchten.
Rechnen Sie mit massivem Widerstand?
Der Weg ist nicht einfach. Denn da gibt es zunächst einige formalistische Hürden. Der Präsident Bernd Wahler, der Finanzchef Ulrich Ruf und Stefan Heim, der Direktor für Mitglieder und Fanservice, haben diese Fragen mit Juristen und Vertretern der Vereine, die sich mit dem Thema bereits beschäftigt haben, erörtert. Den Stand der Überlegungen werden wir in der Mitgliederversammlung präsentieren, aber nicht in Form einer Abstimmung. So weit sind wir noch nicht. Zuvor wollen wir mit ­verschiedenen Interessensgruppen wie zum Beispiel dem Fanausschuss reden und versuchen, diese für unsere Idee zu gewinnen.
Mit welchen Argumenten?
Das A und O wird letztlich sein, dass wir mit einer Ausgliederung zusätzliche Geldquellen erschließen und damit die sportliche Situation verbessern können.
Hilfreich bei Ihrer Überzeugungsarbeit wäre es sicher, wenn Sie Investoren schon konkret benennen könnten. Sind Sie bis zur nächsten Mitgliederversammlung so weit?
Kann ich derzeit nicht sagen und auch nicht versprechen. Aber wenn wir die Ausgliederung bei den Mitgliedern zur Abstimmung stellen, was wie gesagt jetzt noch nicht passiert, dann müssten wir so weit sein.
Was für einen zeitlichen Rahmen haben Sie sich für die Umsetzung gesteckt?
Wir haben noch kein definitives Zeitfenster, es gibt einen Wunschtermin. Diesen möchte ich hier jedoch nicht artikulieren, denn dann gilt er sofort als Fakt.
Eine Ausgliederung in Stuttgart hat auch eine emotionale Seite. Wie weit sind Sie in dem Punkt, die Skeptiker umzustimmen?
Grundsätzlich ist es mir erst einmal wichtig zu betonen, dass wir fantastische Fans haben und dass sie uns im Abstiegskampf phänomenal unterstützt haben. Aber es ist anzumerken, dass sie von uns – auch auf Transparenten im Stadion – Veränderungen fordern, wir aber den e. V. gefälligst unangetastet lassen sollen. Das ist ein Widerspruch, es müssen Brücken überquert werden, um vorwärtszukommen. Wir werden allen erklären, was am Ende ein solcher Schritt wirklich für sie als Mitglied bedeutet. Wir wollen überzeugen.
Angeblich sieht das VfB-Modell vor, dass es nicht zwei, drei ganz große Investoren geben wird, sondern eher 20 mittlere mit Einlagen von jeweils zwei bis drei Millionen Euro.
Zunächst ist wichtig, dass wir weit über 50 Prozent der Anteile im Verein belassen. Angedacht sind sogar mindestens 70 Prozent. Erst danach stellt sich die Frage, wer die neuen Geldgeber sein werden. Dabei streben wir eine Mischung von ein paar wenigen größeren, aber auch von mehreren kleineren Investoren an.
Was ist der Vorteil?
Wir haben hier in der Region viele mittelständische Unternehmen, die bereit sind einzusteigen – wenn wir ihnen ein überzeugendes Konzept vortragen. Genau diese Investoren aus dem Großraum Stuttgart und aus Baden-Württemberg wollen wir. Es ist keinesfalls unser Ziel, Finanzinvestoren an Land zu ziehen.
Damit sind wir bei der Marke VfB angelangt.
Bernd Wahler und sein Team arbeiten intensiv daran, genau dieser Marke wieder mehr Profil zu geben. Stichworte wären da sicher Junge Wilde und auch Heimat. Denn wir sind hier ein sehr traditionsbewusster Verein. Und überall, wo ich hinkomme, ist zu spüren, dass der VfB den Leuten sehr viel bedeutet. Der VfB ist hier eine absolute Größe.
In der Vergangenheit gab es vom Aufsichtsrat immer die klare Vorgabe, dass die schwarze Null beim VfB stehen muss. Gilt das unter Ihrer Führung auch noch?
Natürlich muss der VfB mittelfristig positive Zahlen schreiben, denn er ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro auch ein Wirtschaftsunternehmen. Die Frage ist daher vielmehr, wie sklavisch man sich an dieser schwarzen Null orientiert. Da stehe ich mit meinem Gremium für eine kontrollierte Offensive. Wir können also durchaus auch einmal einen Transfer tätigen, wenn die Voraussetzung, einen anderen Spieler abzugeben, noch nicht erfüllt ist.