Interview mit Jörg Sundermeier „Es herrscht ein Kampf um das Copyright“

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Am 24. Juni feiert das Stuttgarter Literaturhaus mit dem Festival „Wetterleuchten“ wieder die Welt der unabhängigen Verlage. Mit dabei ist auch der Berliner Verbrecher Verlag. Sein Gründer Jörg Sundermeier erklärt, was es mit literarischer Artenvielfalt auf sich hat und warum wir stachlige Texte brauchen.

Wirbt für mehr Neugierde: Der Verleger Jörg Sundermeier. Foto: Karsten Thielker
Wirbt für mehr Neugierde: Der Verleger Jörg Sundermeier. Foto: Karsten Thielker

Stuttgart - In die Branche ist Jörg Sundermeier mehr durch Zufall geraten, doch seit 22 Jahren behauptet sich der von ihm und seinem Studienfreund Wernder Labisch gegründete Verbrecher Verlag mit einem mutigen Programm, für das er immer wieder prämiert wurde. Im letzten Jahr erhielt Sundermeier den Karl-Heinz Zillmer-Preis für verdienstvolles verlegerisches Handeln. Worin dies besteht, erläutert er im Gespräch.

Herr Sundermeier, was treibt einen dazu, einen Verlag zu gründen?
Da kann ich nur mutmaßen, bei uns war es so, dass wir nur behauptet haben, wir gründen einen Verlag. Wir hatten während des Studiums von Manuskripten uns interessierender Autoren erfahren, die in absehbarer Zeit nicht veröffentlicht werden sollten. Da haben wir gedacht, wir geben uns als Verlag aus, um wirklich nur als Leser, für den Privatgebrauch, an diese Manuskripte zu kommen.
Erklärt das den Namen Verbrecher Verlag?
Wir haben vorgetäuscht, einen Verlag zu gründen, und mussten das dann wirklich tun, um die Täuschung nicht auffliegen zu lassen, so ist 1995 unser erstes Buch erschienen. Daher der Name, mit dem wir uns gewissermaßen moralisch entlasten wollten, wer einem Verlag mit diesem Namen etwas zuschickt, ist auch ein bisschen selbst schuld. Das war sicher ein ungewöhnlicher Weg. Aber was bei vielen Kolleginnen und Kollegen am Anfang steht, ist, dass man sich von der Literatur in Dienst nehmen lässt: Man glaubt am Anfang unbedingt bestimmte Bücher verfügbar machen zu müssen, und wächst dann da so rein.
Sie haben dann gleich das erste Buch von Dietmar Dath verlegt.
Er hat erst, nachdem das Buch schon erschienen war, erfahren, dass wir eigentlich niemals Verleger werden wollten. Als wir aber einmal damit begonnen haben, wollten wir es dann auch richtig machen, natürlich haben wir am Anfang trotzdem alles falsch gemacht.
Dietmar Daths Romane werden heute bei Suhrkamp verlegt, ist das wie im Fußball: die Kleinen ziehen die Talente groß, und am Ende landen sie beim FC Bayern?
Rowohlt und Fischer entsprechen heute eher Bayern München als Suhrkamp, zumindest was das Geld angeht. Es ist auch bei einem großen Verlag immer eine Wette darauf, was sich verkauft und wie es sich verkauft. Trotzdem ist ein größerer Verlag in der Lage, einen schönen Vorschuss zu zahlen, tut dies auch oft. Es wäre naiv von einem Autor, das abzulehnen, außer es gibt ganz besondere Bedingungen. Es wäre zum Beispiel unvernünftig, wenn jemand wie Giwi Margwelaschwili, dessen Werkausgabe bei uns erscheint, für ein Projekt zu einem größeren Haus wechseln würde, weil wir da etwas machen, was in seiner Stetigkeit kein anderer Verlag so schnell garantieren kann.
In ihrem Programm findet sich der Titel „Bibliodiversität“, der die Buchkultur gewissermaßen ins Verhältnis zur Biodiversität, der biologischen Vielfalt eines Ökosystems, setzt. Bedarf auch die literarische Artenvielfalt des Schutzes?
Das ist wie beim Igel. Das ist ein stachliges Tier, das sich nicht freut, wenn man es streichelt, er ist nicht besonders zutraulich; trotzdem erfreuen wir uns alle an ihm, und wollen, dass er seinen Lebensraum behält. Genauso ist es eben auch mit etwas stachligeren Texten. Und da gibt es schon einige Sachen, die zu schützen wären: Lyrik oder weitaus stärker noch dramatische Texte - Hörspiele, Stücktexte werden in der Regel gar nicht mehr in Buchform veröffentlicht. Dann die kleineren Sprachgemeinschaften.