Interview mit Jugendforscher Gaiser
"Das Verständnis geht zurück"
Ulrike Frenkel,
24.08.2010 11:07 Uhr
Die ältere und die jüngere Generation findet immer seltener zueinander. Foto: dpa
Stuttgart - Das Bild der Öffentlichkeit von Jugendlichen wird durch junge problematische Männer geprägt, sagt der Soziologe Wolfgang Gaiser.
Die junge Generation leidet am meisten unter der Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Übergang zum Erwachsenenleben wird schwerer, weil der Arbeitsmarkt ihr statt der stabilen Strukturen inzwischen nur Praktika bietet und Flexibilität, Mobilität und die Annahme von Teilzeit- und befristeten Stellen abfordert. Gleichzeitig führt die demografische Entwicklung dazu, dass es weniger Jugendliche gibt und in bestimmten Regionen und Branchen Nachwuchsprobleme entstehen. So kommt es zu einer Spaltung innerhalb der jungen Generation. Viele Jugendliche sind gefragt, weil sie gut ausgebildet sind. Aber denen, die wenig gefragte Kompetenzen haben, droht das Risiko komplizierter biografischer Verläufe.
"Forever young" ist ein Traum der älter werdenden Erwachsenen, für junge Leute aber eher eine Schreckensvision. Die wollen ja nicht für immer jung und abhängig bleiben, sondern wollen nach einer Experimentierphase einen Status finden, wollen ihr Leben selbst gestalten. Bei diesem Schritt zum Erwachsenwerden ist die heutige Jugendgeneration angestrengter, engagierter, leistungsorientierter, bereiter, Hedonistisches zurückzustellen, als frühere Jugendgenerationen. Früher hat man Jugendliche viel stärker als Veränderungspotenzial der Gesellschaft betrachtet. Das wissenschaftliche Jugendbild fällt in Werteanalysen recht positiv aus. Das Bild in der Öffentlichkeit wird aber leider sehr stark von problematischen jungen Männern geprägt, die bestimmte Grenzen überschreiten, durch rechtsradikale Ausschreitungen oder Alkohol- oder Gewaltexzesse. Was auffällt: negative Verhaltensweisen, wie etwa fremdenfeindliche Einstellungen, werden oft der Jugend vorgeworfen, kommen aber bei älteren Menschen viel häufiger vor.
Wenn ich mit meinem wissenschaftlich sensibilisierten Blick in der Straßenbahn fahre und Jugendliche beobachte, die herumflegeln und laut sind, denke ich mir: Ja, so sind manche halt. Eine älteren Dame kann sich davon belästigt und gestört fühlt. Insgesamt geht das Verständnis gegenüber Jugendlichen eher zurück. Das hat auch mit mehr Fremdheit zu tun, weil die Kulturen vielfältiger geworden sind. Außerdem haben immer mehr Menschen im familialen Kontext keinen Umgang mehr mit Kindern und Enkelkindern.
Ich will als Beispiel meine alte Tante nehmen, die allein in ihrer Wohnung gelebt hat und regelmäßig von "ihren" Zivildienstleistenden total begeistert war. Sobald man sich nicht von Äußerlichkeiten abschrecken lässt und eine persönliche Interaktion beginnt, können sie praktisch mit jedem Jugendlichen, der zunächst vielleicht ruppig ausschaut, ein Gespräch führen. Sie müssen sich nur für ihn interessieren. Sobald man von einer abgrenzenden Betrachtung zur Kommunikation kommt, werden im Regelfall bereichernde Gespräche möglich. Viele Leute leiden ja selbst darunter, dass sie, durch schlimme Einzelfälle aus den Medien geprägt, insgesamt so ein negatives Bild von Jugendlichen haben, sie fühlen sich dadurch manchmal auch bedroht. Ein offenes Ohr für die nachwachsende Generation zu entwickeln kann einem da heraushelfen.
Herr Gaiser, was charakterisiert die Jugend im Jahr 2010?
Die junge Generation leidet am meisten unter der Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Übergang zum Erwachsenenleben wird schwerer, weil der Arbeitsmarkt ihr statt der stabilen Strukturen inzwischen nur Praktika bietet und Flexibilität, Mobilität und die Annahme von Teilzeit- und befristeten Stellen abfordert. Gleichzeitig führt die demografische Entwicklung dazu, dass es weniger Jugendliche gibt und in bestimmten Regionen und Branchen Nachwuchsprobleme entstehen. So kommt es zu einer Spaltung innerhalb der jungen Generation. Viele Jugendliche sind gefragt, weil sie gut ausgebildet sind. Aber denen, die wenig gefragte Kompetenzen haben, droht das Risiko komplizierter biografischer Verläufe.
Der Begriff Jugend ist bei uns ja einerseits positiv besetzt - auch 50-Jährige wollen noch jung sein. Andererseits werden Jugendliche oft häufig als Problemfälle wahrgenommen. Wie passt das zusammen?
"Forever young" ist ein Traum der älter werdenden Erwachsenen, für junge Leute aber eher eine Schreckensvision. Die wollen ja nicht für immer jung und abhängig bleiben, sondern wollen nach einer Experimentierphase einen Status finden, wollen ihr Leben selbst gestalten. Bei diesem Schritt zum Erwachsenwerden ist die heutige Jugendgeneration angestrengter, engagierter, leistungsorientierter, bereiter, Hedonistisches zurückzustellen, als frühere Jugendgenerationen. Früher hat man Jugendliche viel stärker als Veränderungspotenzial der Gesellschaft betrachtet. Das wissenschaftliche Jugendbild fällt in Werteanalysen recht positiv aus. Das Bild in der Öffentlichkeit wird aber leider sehr stark von problematischen jungen Männern geprägt, die bestimmte Grenzen überschreiten, durch rechtsradikale Ausschreitungen oder Alkohol- oder Gewaltexzesse. Was auffällt: negative Verhaltensweisen, wie etwa fremdenfeindliche Einstellungen, werden oft der Jugend vorgeworfen, kommen aber bei älteren Menschen viel häufiger vor.
Wird in einer alternden Gesellschaft die Sturm-und-Drang-Zeit zum unerwünschten Ausnahmezustand? Mangelt es im Alltag, jenseits brutaler Gewalttaten, manchmal vielleicht an Verständnis den Jugendlichen gegenüber, für die die Umbrüche der Pubertät ja auch nicht nur ein Spaziergang sind?
Wenn ich mit meinem wissenschaftlich sensibilisierten Blick in der Straßenbahn fahre und Jugendliche beobachte, die herumflegeln und laut sind, denke ich mir: Ja, so sind manche halt. Eine älteren Dame kann sich davon belästigt und gestört fühlt. Insgesamt geht das Verständnis gegenüber Jugendlichen eher zurück. Das hat auch mit mehr Fremdheit zu tun, weil die Kulturen vielfältiger geworden sind. Außerdem haben immer mehr Menschen im familialen Kontext keinen Umgang mehr mit Kindern und Enkelkindern.
Wer mit Jugendlichen zu tun hat, trifft auf ganz andere Menschen, als sie oft in Erziehungs- oder Castingshows auftauchen. Wäre es nicht wichtig für die Gesellschaft, deren Kräfte stärker wahrzunehmen?
Ich will als Beispiel meine alte Tante nehmen, die allein in ihrer Wohnung gelebt hat und regelmäßig von "ihren" Zivildienstleistenden total begeistert war. Sobald man sich nicht von Äußerlichkeiten abschrecken lässt und eine persönliche Interaktion beginnt, können sie praktisch mit jedem Jugendlichen, der zunächst vielleicht ruppig ausschaut, ein Gespräch führen. Sie müssen sich nur für ihn interessieren. Sobald man von einer abgrenzenden Betrachtung zur Kommunikation kommt, werden im Regelfall bereichernde Gespräche möglich. Viele Leute leiden ja selbst darunter, dass sie, durch schlimme Einzelfälle aus den Medien geprägt, insgesamt so ein negatives Bild von Jugendlichen haben, sie fühlen sich dadurch manchmal auch bedroht. Ein offenes Ohr für die nachwachsende Generation zu entwickeln kann einem da heraushelfen.
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>

Verständniss
Als es noch nicht so viele Jugend-Experten und Forscher gab, die ihre Analysen unters Leservolk brachten, ging es den Jugendlichen insgesamt auch nicht besser oder gerade deswegen besonders gut. Noch mehr Analyse im Jugendbereich bringt aus meiner Sicht nur die eine Erkenntnis, das nichts so bleibt wie es war oder Jugend oft so expertisenhaft ausgewiesen wird wie sie real nicht ist. Meine Meinung ist, wenn wir denn so viele junge Menschen haben, die plan- und perspetivlos durch die Realität zappen, für die das Wort Verständnis nicht existent zu sein scheint, dann gibt es einen Vorlauf an täglichen Realitäten, für den diese Protagonisten, von denen hier auch die Rede ist eigentlich am wenigsten können. Ich rede von der Begrifflichkeit Verantwortung zu tragen. Wenn Gesellschaft ( Familie, Schule, Medien) keine Verantwortung sozusagen sinnstiftend und generationsübergreifend "verteilt", anders gesagt täglich permanent vermittelt, dann gibt es halt "Generation Praktikum" oder "Generation Hooligan" oder "Generation kein Bock", eine Zersplitterung in so viele Einzelgruppen, das es schwer werden wird, unsere Gesellschaft irgendwann noch als das Ganze zu erkennen.