Interview mit Margaret Lambert "Vielleicht musste ich sie alle überleben"

Von Akiko Lachenmann 

Vor 75 Jahren wurden in Berlin die Olympischen Spiele ausgetragen, bei denen die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann ausgebootet wurde.

Hereinspaziert: Margaret Lambert, die bis 1937 Gretel Bergmann hieß, vor ihrem Haus in New York. Foto: Stolarik 2 Bilder
Hereinspaziert: Margaret Lambert, die bis 1937 Gretel Bergmann hieß, vor ihrem Haus in New York. Foto: Stolarik

NEW York - Das Backsteinhäuschen liegt versteckt in einer grünen Oase im New Yorker Stadtteil Queens, umgeben von Schnellstraßen und verwahrlosten Einwanderervierteln. Die Treppen sind gekehrt, im Vorgarten blüht rotes Springkraut. Hier wohnt seit Jahrzehnten Margaret Lambert, einst bekannt als das deutsche Hochsprungtalent Gretel Bergmann. Vor 75 Jahren hätte das jüdische Mädel aus dem oberschwäbischen Laupheim eine Medaille bei den Olympischen Spielen in Berlin holen können. Doch die Nazis pfiffen sie in letzter Minute zurück.

Frau Lambert, wo befanden Sie sich, als Adolf Hitler am 1. August 1936 die Olympischen Spiele in Berlin eröffnete?

Ich war bei meinen Eltern in Laupheim. Was ich gemacht habe, weiß ich nicht mehr, vermutlich Sachen an die Wand geschmissen. Wie so oft, wenn ich in Rage war.

War es auch diese Rage, die Sie zu Höchstleistungen angetrieben hatte? Zwei Wochen zuvor hatten Sie in der Adolf-Hitler-Kampfbahn in Stuttgart den deutschen Hochsprungrekord von 1,60 Meter erreicht.

Das schaffte ich nur wegen der Wut im Bauch. Ich erinnere mich gut, wie ich allein dasaß, abseits der anderen Wettkämpferinnen. Keiner sprach mit mir, nicht einmal der Bekannte vom Ulmer Fußballverein, der an mir vorbeilief. Er kannte mich von klein auf. Überall sah ich in den vorderen Zuschauerreihen die uniformierten Nazis. Und dann lief auf einmal ein Athlet von den Stuttgarter Kickers auf mich zu. Erich Scriba war sein Name. Er schoss ein Foto von mir. Ich rief ihm noch zu, er könnte Ärger kriegen, da ich eine Jüdin sei. Er sagte, das sei ihm egal. Ein echter Held.

Gab es nach Ihrem Sprung über die 1,60 Meter Applaus aus den Zuschauerreihen?

Ich glaube nicht, ich habe jedenfalls nichts gehört. Zwischen mir und den Zuschauern war eine Wand. Ich konnte mich auch nicht recht über die Siegermedaille freuen. Stattdessen ergriff mich eine große Furcht davor, dass mir die Nazis nun etwas antun würden, mir etwa die Beine brechen, damit bei den Olympischen Spielen in Berlin nur ja keine Jüdin aufs Treppchen steigt.

Sie erhielten dann eine Absage vom Reichsbund für Leibesübungen, nachdem sicher war, dass die Amerikaner ihre Boykottdrohung nicht wahrmachen würden. Waren Sie nicht auch etwas erleichtert?

Ein wenig schon. Wie oft hatte ich diesen Albtraum, in Berlin antreten zu müssen unter den Augen von Hitler und seinen Schergen, und die Muskeln versagten mir ihren Dienst. Andererseits werde ich nie verzeihen, wie dieses üble Regime mich und meine Familie zu Marionetten ihrer Rassenpolitik gemacht hat.

Ihre Teamkollegin Dora Ratjen, welche ein Mann war, wie sich 1938 herausstellen sollte, rückte zur Nummer eins auf. Sie war Ihre Zimmergenossin während des Trainings. Hatten Sie nie einen Verdacht?

Nein, nie! Sie zog sich zum Duschen zurück, und wir anderen hielten das für Schüchternheit. Dass Dora ein Mann war, erfuhr ich erst im Jahr 1966, als ich im Wartesaal von meinem Zahnarzt im "Times"-Magazin rumblätterte und "Die Geschichte vom Hochsprungbetrug 1936" fand. Ich musste schreien und lachen, und alle im Wartesaal dachten wahrscheinlich, ich sei komplett übergeschnappt.