Stuttgarter Komödiant Michael Gaedt „Ich habe eher Angst vorm Leben als vorm Tod“

Von Martin Haar 

Demnächst wechselt Komödiant Michael Gaedt ins ernste Fach. Er spielt im Stück „Die Bestatter“ im Theaterhaus mit. Im Doppelinterview mit der Stuttgarter Bestatterin Andrea Haller verrät er, dass er eigentlich vom Fach ist: „Ich habe Steinmetz gelernt.“

Profi-Bestatter  trifft   Quereinsteiger: Andrea Maria Haller und Michael Gaedt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Profi-Bestatter trifft Quereinsteiger: Andrea Maria Haller und Michael Gaedt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart -

Wie hätten Sie’s denn gern, Herr Gaedt?
Gaedt: So, wie jetzt. Alles ist angenehm, Zeit spielt keine Rolle, und ich weiß nicht, was kommt.
Haller: Sie wollten doch wissen, wie er ­sterben will – oder?
Nein, Frau Haller, wie er mal bestattet werden will.
Gaedt: Keine Ahnung.
Und Sie, Frau Haller?
Haller: Da müsste ich jetzt länger drüber nachdenken.
Gaedt: Also, ich kann reden, ohne nachzudenken. Ich glaube, man macht es sowieso für andere. So wie wir unseren Geburtstag eigentlich für andere feiern. Auch wenn du gehst, ist es eigentlich nicht deine Show. Aber ich will unbedingt einen Ort haben, den man aufsucht.
Liegen Sie beide damit im Trend?
Haller: Ja, so ein Ort ist auch für die Lebenden ganz wichtig. In dieser Frage gibt es zwischen den Angehörigen und dem Freundeskreis oft Konflikte. Soll der Verstorbene an dem Ort, wo er geboren wurde oder wo er gelebt hat, bestattet werden.
Und wie löst man solche Konflikte unter den Hinterbliebenen?
Haller: Da uns Wahlfamilien und Freundschaften immer wichtiger werden, sollte man frühzeitig die Bestattungsfürsorge an jemanden übertragen.
Frau Haller, Sie haben Michael Gaedt nun bei den Proben zum Stück „Die Bestatter“ erlebt. Könnte er bei Ihnen anfangen?
Haller: Uuuuh. Der Herr Gaedt ist schon recht auffällig. Das würde die Angehörigen doch sehr ablenken, wenn dieser populäre Herr hier wäre. Gaedt: Ich könnte ja Autogramme schreiben. Nein, im Ernst. Ich kann auch zuhören und verschwinden. Ich muss nicht immer präsent sein.
Haller: Andererseits käme ihm sein Schaupiel-Talent entgegen. Denn manchmal muss man bei uns eben traurig schauen, obwohl man gerade glücklich gestimmt ist.
Im Stück spielen Sie den Quereinsteiger, der vom Alles-und-nix-Könner zum Bestatter umsattelt. Könnten Sie sich das vorstellen?
Gaedt: Auf jeden Fall. Ich würde nicht mal fragen: Wie geht das? Ich würde einfach weniger schwätzen und mehr zuhören. Fertig. Zudem habe ich ja Steinmetz gelernt, mir ist das nicht fremd hier. Ich habe den Grabstein meiner Großeltern gemacht und ihn gesetzt.
Haben Sie eine Ahnung, warum der Regisseur ausgerechnet Sie für diese Rolle wollte?
Gaedt: Wahrscheinlich, weil er meint, das Thema Bestatter ist zu weit weg von mir.
Mit welchen Augen sehen Sie den Beruf, nachdem Sie sich damit auseinandergesetzt haben?
Gaedt: Mit einem tieferen Blick – und zwar ins Leben.
Haller: Jetzt sagen Sie doch, dass wir viel netter sind, als Sie gedacht haben.
Gaedt: Für mich ist wirklich erstaunlich, wie viel Leben hier herrscht. Die Beschäftigung mit dem Stück, dem Tod und diesem Beruf ist eigentlich eine Beschäftigung mit dem Leben. Alles, was ich erlebt habe, war sehr lebendig und aufschlussreich. Dass ich so viel Tolles über den letzten Gang gelernt habe, macht mein Leben schöner. Nur eine Sache blieb ungeklärt.
Welche?
Gaedt: Die Hallers wissen auch nicht, wie es weitergeht.
Haller: Tja, der Tod ist immer etwas, das nur den anderen passiert. Sonst könnten wir ja auch nicht leben.
Frau Haller, ist Ihr Beruf hart?
Haller: Er ist spannend und herausfordernd. Natürlich kommt man manchmal an Grenzen. Aber das sind Momente, in denen einen das Schicksal der verzweifelten Angehörigen tief berührt. Das geht an die Nieren. Aber gleichzeitig hat man das Gefühl, viel Gutes tun zu können.
Manche Bestatter sprechen nicht gerne über ihren Job. Der Tod und das Geschäft damit lösen Angst und Schrecken aus. Wie halten Sie’s, wenn Sie jemand nach Ihrem Beruf fragt?
Haller: Ich zögere den Moment endlos hinaus. Aber ich habe meinen Beruf noch nie nicht verraten, weil er Angst und Schrecken auslöst, sondern weil die Leute danach über nichts anderes mehr reden wollen.
Herr Gaedt, damit sind Sie vom Komödianten endgültig im ernsten Fach gelandet. Können Sie’s überhaupt? Nimmt man Ihnen solche Rollen ab?
Gaedt: Das müssen andere beurteilen.
Haller: Total.
Frau Haller, hatten Sie anfangs Bedenken, dass der als lustiger Vogel bekannte Michael Gaedt Ihren Beruf verballhornt?
Gaedt: Moment mal, ich hab als Steinmetz keine Treppen gesetzt, sondern tatsächlich Friedhof gemacht.
Haller: Zudem kann man sich dem Thema auch mit Humor nähern. Denn das gehört ja alles auch zum Leben.
Warum eigentlich dieses Stück? Warum so ein Theater zum Thema Begräbnis?
Gaedt: Ja, weil es noch kein Stück dazu gibt. Und die vornehmste Aufgabe des Theaters ist ja, Sachen und Menschen, das Leben und den Tod darzustellen.
Haller: Durch die Parodie und Überspitzung im Stück wird die Wirklichkeit wie in einem Brennglas gezeigt. Insofern ist das Stück wichtig.
Frau Haller, kann man sich den Tod heute in Stuttgart eigentlich noch leisten?
Gaedt: Da wird man ja nicht gefragt.
Haller: Also für sozial schwache Menschen in den unteren Gehaltsgruppen wird es ­tatsächlich schwierig.
Was kostet es in Stuttgart, sich ohne viel Schnickschnack bestatten zu lassen?
Haller: Unter 3000 Euro kommen Sie in Stuttgart kaum unter die Erde.
Denken Sie oft über den Tod nach?
Gaedt: Ja, das hat wohl was mit meinem ­Alter zu tun.
Mit Angst?
Gaedt: Nein, ich hab eher Angst vorm Leben als vorm Tod. Oder besser gesagt: Respekt vorm Leben.
Wären Sie gerne unsterblich?
Gaedt: Um Gottes willen. Ewig leben? Nee. Ich bin ja sterblich schon so anstrengend genug für andere. Das ganze Leben funktioniert ja nur, weil es endlich ist und wir nicht wissen, wann es zu Ende geht. Und das macht es schön.