ExklusivInterview mit Nike Wagner Erinnerung an knirschende Kieswege

Von Thieme, Goetz 

Nike Wagner, die Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, hat ihre Kindheit in Bayreuth verbracht. Die Eröffnung der sanierten Villa Wahnfried und des Wagner-Museums mit neuer Ausstellung hat sie mit gemischten Gefühlen verfolgt.

Wagners  Villa Wahnfried in Bayreuth,   das später erbaute Siegfried-Wagner-Haus (li.) sowie  der Museumsneubau (re.) Foto: Marcus Ebener
Wagners Villa Wahnfried in Bayreuth, das später erbaute Siegfried-Wagner-Haus (li.) sowie der Museumsneubau (re.)Foto: Marcus Ebener
Stuttgart – - Bei der Einweihung des Wagner-Museums am 26. Juli hat Nike Wagner die Eröffnungsrede gehalten. Die 1945 geborene Intendantin des Beethovenfests Bonn ist in Wahnfried aufgewachsen.
Frau Wagner, „Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter“, heißt es bei Novalis. Entspricht das dem, was Sie mit Wahnfried verbinden? Und wann sind Sie dort „aufgewacht“ – in dem Sinne, dass Sie das Haus als auch politisch belasteten Ort erkannten?
Warum soll ich aufwachen aus dem goldenen Zeitalter? Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Schon gar nicht, wenn man im Wahnfried Wieland Wagners aufgewachsen ist, in Freiheit und Kunst, inmitten einer Geschwisterschar und inmitten eines unendlichen Gartens, mit vielen Hunden und geheimnisvollen Kartoffelkellern, mit den alten Cosima-Reisekoffern auf dem Dachboden und den herumliegenden Brillen von Richard Wagner. Wir wurden nicht erzogen im eigentlichen Sinne, sondern durften überall teilnehmen, ob bei den Tisch-Gesprächen, Künstler-Abenden oder bei den Proben im Festspielhaus. Das familiäre Klima war warmherzig, es wurde herumgesessen, gespielt, erzählt, vor allem Opernhandlungen. Und bald haben wir auch die ersten wilden Partys gefeiert.
Hat die Entdeckung der belasteten Vergangenheit Wahnfrieds Ihr emotionales Verhältnis zu diesem Terrain verändert?
Das politische Erwachen hat daran nichts geändert. Die Schuldige, meine Großmutter Winifred Wagner, saß ja drüben im Siegfried-Wagner-Haus und dass mein Vater dieses Haus nie betrat und gegen seine Nazimutter eine Mauer im Garten baute, fanden wir eher aufregend und wir solidarisierten uns. Die Belastungen, in die mein Vater selber verstrickt war, kamen kaum zur Rede, er starb früh, und wir nahmen seine Arbeit an der sogenannten Entrümpelung der Wagner-Bühne auch als politisches Bekenntnis wahr. In den Jahrzehnten danach, über die Trauerarbeit, die meine Mutter leistete, wurde dann manches zurechtgerückt, der Kern von Liebe und einem tieferen Verstehen der väterlichen Problematik aber nie berührt. Was wir unser Wahnfried nannten, das zerbombte Nachkriegsprovisorium, war mit dem Jahr 1976, mit seiner Wiedererstehung in Originalgestalt und als Museum, ohnehin weg, war ein anderes geworden.
Wenn Sie den heutigen Zustand nehmen, dazu den Ergänzungsbau von Volker Staab, haben Sie da überhaupt noch ein Verhältnis zu diesem Ort?
Wahnfried wirkt wie eine Wahrnehmungsstörung. Dasselbe Haus und doch ein ganz anderes, ähnlich und doch völlig verzerrt. Kalt gemacht. Wahnfried klingt auch anders. Statt der gemütlich knirschenden Kieswege ist alles nun asphaltiert und zugepflastert. Musste diese Maßnahme sein? Sie war wohl für die kommenden Besuchermassen gedacht. Der neue Ergänzungsbau ist gut und diskret. Aber der Entscheid für diese große Lösung bedeutet auch Opfer: das Opfer ist hier die historische Gartenanlage. Schlimmeres wurde Gott sei Dank verhindert.
Wie sehen Sie die Rekonstruktion der Räume im Erdgeschoss von Wahnfried? Zum Konzept gehört etwa, dass fehlendes Originalmobiliar mit von Hussen überzogenen Stellvertretern angedeutet wird.
Damit wir uns verstehen: es ist hoch zu preisen, dass von der öffentlichen Hand so viele Millionen bereitgestellt wurden, um Wahnfried zu retten, den Bestand insgesamt zu sichern und zu rekonstruieren, wo es möglich war und überhaupt das ganze Areal zusammenzusehen. Richtig war auch das Konzept eines Musée sentimental, dass man versucht, die Lebenswelt des Komponisten zu zeigen. Dann aber beginnen tödliche Fehler. Wagners Einrichtung war stickig, historisch, übervoll. Diesen Eindruck hätte man herstellen müssen. Entweder durch Nachbauen des Mobiliars oder durch beharrliches Zusammenführen jener alten Möbel und Gegenstände, die sich in den Händen der Erben befinden. Nun haben wir die Leichentücher und die Leere. Sehr unwagnerisch. Man wird den Museumsdirektor von seinen Irrtümern nicht freisprechen können.
Ein wichtiger Impuls für die Sanierung der historischen Gebäude und den Ausbau des Museums war, eine angemessene Darstellung der Festspiele und ihrer Ideologiegeschichte zu leisten. Dazu gehören die Verbindungen der Familie Wagner zu Adolf Hitler. Ist dieser Teil der Ausstellung im Siegfried-Wagner-Haus gelungen und ausreichend?
Natürlich ist es richtig, die Ideologiegeschichte der dreißiger Jahre hier in den authentischen Räumen zu vermitteln. Aber auch hier fehlt Lebendigkeit. Der einzigartige Dokumentarfilm von Hans-Jürgen Syberberg über Winifred Wagner hätte sie vermitteln können. Wenn man den Film komplett gezeigt hätte, und nicht nur als Clip der heißen Sprüche. Der Cineast hatte sein Dokument dem Museumsdirektor angeboten. Nun gibt es nicht mal eine DVD davon im Museumsshop. Man darf auch Überlegungen anstellen, die analog zu Wahnfried laufen. Das Mobiliar Winifred Wagners ist vollständig erhalten und eingelagert. Hätte es die Unheimlichkeit der Räume nicht erhöht, stünden diese Obersalzberg-ähnlichen Möbel hier?
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