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Interview mit Pfarrer Jürgen Kaiser "Aus nichts etwas machen"

Matthias Ring, vom 13.03.2010 09:30 Uhr
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Pfarrer Jürgen Kaiser. Foto: Steinert
Pfarrer Jürgen Kaiser. Foto: Steinert
Stuttgart - Jürgen Kaiser hat ein Sonderpfarramt inne - als Geschäftsführer des Evangelischen Medienhauses, einer Tochter der Evangelischen Landeskirche. Am Sonntag hält der Hobbykoch auf Einladung von Gemeindepfarrer Dieter Bofinger in der Friedenskirche eine "christliche Rede", die überschrieben ist: "Von der Kunst, geschmackvoll zu überleben - warum Schwaben die besten Köche sind."

Das Thema Genuss in der Kirche, und dann auch noch mitten in der Fastenzeit - wie ist Ihr Verhältnis als Protestant dazu?


Das Fasten wurde im Protestantismus erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. "Sieben Wochen ohne" - das kam als norddeutsche Idee immer weiter in den Süden runter. Ansonsten haben wir damit eigentlich nichts am Hut, denn eine traditionelle protestantische Speise war noch nie üppig. Das hat man immer den Katholiken überlassen. Ich selbst habe das Fasten schon relativ streng mitgemacht. Bei mir als Weinliebhaber heißt das auch dieses Jahr wieder sieben Wochen ohne Wein.

Sie haben es bereits angedeutet: das Problem der Protestanten mit dem Genuss, mehr noch das der Pietisten.


Ja, da haben wir im Süden eine besondere Einstellung. Bei den Pietisten hat alles, was mit Genuss oder "Luscht" zu tun hat, wie man im Schwäbischen sagt, einen negativen Beigeschmack und ist Sünde. Das kommt auch aus der Historie, denn Schwaben war ein bettelarmes Land, in dem es keinerlei Bodenschätze gab. Das schwäbische Realerbteilrecht bedeutete, dass gleichmäßig unter allen Kindern aufgeteilt wurde. Das führte dazu, dass nach drei Generationen ein schwäbischer Acker zehn Meter lang war und breit wie ein Handtuch. Da können Sie nichts ernten und von Völlerei nur träumen. Und so sah auch die schwäbische Küche aus. Nicht, weil man es wollte, sondern weil man sie hatte. Der schwäbische Pietismus hat tatsächlich aus der Not eine Tugend gemacht.

Der Namensgeber der evangelisch-lutherischen Kirche steht nicht gerade für Verzicht.


Luther war ein barocker Mensch, wie man heute sagen würde, und dem Essen und Trinken sehr zugetan. Seine Tischsitten waren legendär, seine Tischreden noch mehr. Aber es gibt ja noch die zweite Wurzel des Protestantismus, den Calvinismus, der keine Grenzen zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Leben gezogen hat. Alles, was vom rechten Weg abweist, wird grundsätzlich abgelehnt. Und wenn das eine übervolle Tafel ist, dann ist die Tafel als solche nicht akzeptiert. Ich habe in Schottland studiert, und einer von Calvins radikalsten Schülern dort war John Knox. Der sprach von Gotteslästerung, wenn etwas anderes als der Hunger der Maßstab des Essens ist. Wenn Sie im 16. Jahrhundert so ein Dogma haben, dann brauchen Sie sich heute nicht über die englische oder die schottische Küche zu wundern.

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Kommentare (1)
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MRZ
13
14:38 Uhr, geschrieben von Diakon Alex
Herr Kaiser
Das ist ein sehr interessantes Interview. Es war auch sehr aufschlussreich. Mit der üblichen, lutheranischen Überheblichkeit, die man von Vertretern Martin Luthers bereits gewohnt ist, macht Herr Kaiser darauf aufmerksam, wie bescheiden doch Protestanten sind, und wie Katholiken sich der Völlerei hingeben, und deshalb eine Fastenzeit notwendiger haben, als die Lutheraner. Was Herr Kaiser jedoch vergisst, und daran kann man natürlich die fehlerhafte Theologie des Gründers, Martin Luther, beschuldigen, dass die Fastenzeit nicht dazu da ist, weniger zu Essen, sondern Busse zu tun. Es gibt Menschen die aus gesündheitlichen oder Altersgründen nicht fasten können. Diese Menschen legen sich dann eine andere Busse auf in der Fastenzeit. Ein Konzept, dass natürlich den Lutheraner sehr fremd zu sein scheint, da man als Lutheraner davon ausgeht, dass der Mensch immer noch von Grund auf Böse ist, und nur vom Blut Christi übergossen wurde. Wenn nun Herr Kaiser zugibt, dass er während der Fastenzeit keinen Wein trinke, D#da frage ich mich, ob er dann auch während der Fastenzeit keinen Gottesdienst feiert, in dem ja, auch in der evangelischen Kirche, Wein involviert ist, auch wenn die evangelische Kommunion, sehr weit davon entfernt ist gültig zu sein. Sollte da Herr Kaiser etwa schummeln? Dann fängt Herr Kaiser an das Lob auf die schwäbische Küche zu singen, und vor allem die Küche der Armen. Doch auch die italienische Küche ist eine Küche der Armen, und von internationalen Standards her, wohl auch die gesündeste. Er scheint jedoch zu vergessen, dass Essen mehr ist als nur Nahrung. Bestimmte Gerichte sind mit Erinnerungen verbunden, und auch mit der eigen, regionalen Identität. Ich selbst lebe fern meiner schwäbischen Heimat, und ab und zu braucht man dann eben seine Maultaschen oder den schwäbischen Kartoffelsalat, der ja, will allgemeint bekannt ist, schwätza muss! Manchmal ist das einfach notwendig, um das Gefühl der Heimat zu haben. Es hat nicht nur damit zu tun, dass man die notwendige Nahrung zu sich nimmt, um zu funktionieren, sondern es hat auch damit zu tun, dass man sich wohlfühlt und geschmackliche Erinnerungen weckt. Herr Kaiser Egibt eine Reihe von Restaurantnamen preis, und man bekommt den Eindruck, dass diese ihn für diese kostenlose Werbung bezahlt haben, und wenn auch nur mit kostenlosen Mahlzeiten. Das ist Schleichwerbung! Was ich mich jedoch immer noch frage ist, wie man die schwäbische Küche in einen christlichen Vortrag verwandelt?
 
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