Stuttgart - Jürgen Kaiser hat ein Sonderpfarramt inne - als Geschäftsführer des Evangelischen Medienhauses, einer Tochter der Evangelischen Landeskirche. Am Sonntag hält der Hobbykoch auf Einladung von Gemeindepfarrer Dieter Bofinger in der Friedenskirche eine "christliche Rede", die überschrieben ist: "Von der Kunst, geschmackvoll zu überleben - warum Schwaben die besten Köche sind."
Das Thema Genuss in der Kirche, und dann auch noch mitten in der Fastenzeit - wie ist Ihr Verhältnis als Protestant dazu?
Das Fasten wurde im Protestantismus erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. "Sieben Wochen ohne" - das kam als norddeutsche Idee immer weiter in den Süden runter. Ansonsten haben wir damit eigentlich nichts am Hut, denn eine traditionelle protestantische Speise war noch nie üppig. Das hat man immer den Katholiken überlassen. Ich selbst habe das Fasten schon relativ streng mitgemacht. Bei mir als Weinliebhaber heißt das auch dieses Jahr wieder sieben Wochen ohne Wein.
Sie haben es bereits angedeutet: das Problem der Protestanten mit dem Genuss, mehr noch das der Pietisten.
Ja, da haben wir im Süden eine besondere Einstellung. Bei den Pietisten hat alles, was mit Genuss oder "Luscht" zu tun hat, wie man im Schwäbischen sagt, einen negativen Beigeschmack und ist Sünde. Das kommt auch aus der Historie, denn Schwaben war ein bettelarmes Land, in dem es keinerlei Bodenschätze gab. Das schwäbische Realerbteilrecht bedeutete, dass gleichmäßig unter allen Kindern aufgeteilt wurde. Das führte dazu, dass nach drei Generationen ein schwäbischer Acker zehn Meter lang war und breit wie ein Handtuch. Da können Sie nichts ernten und von Völlerei nur träumen. Und so sah auch die schwäbische Küche aus. Nicht, weil man es wollte, sondern weil man sie hatte. Der schwäbische Pietismus hat tatsächlich aus der Not eine Tugend gemacht.
Der Namensgeber der evangelisch-lutherischen Kirche steht nicht gerade für Verzicht.
Luther war ein barocker Mensch, wie man heute sagen würde, und dem Essen und Trinken sehr zugetan. Seine Tischsitten waren legendär, seine Tischreden noch mehr. Aber es gibt ja noch die zweite Wurzel des Protestantismus, den Calvinismus, der keine Grenzen zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Leben gezogen hat. Alles, was vom rechten Weg abweist, wird grundsätzlich abgelehnt. Und wenn das eine übervolle Tafel ist, dann ist die Tafel als solche nicht akzeptiert. Ich habe in Schottland studiert, und einer von Calvins radikalsten Schülern dort war John Knox. Der sprach von Gotteslästerung, wenn etwas anderes als der Hunger der Maßstab des Essens ist. Wenn Sie im 16. Jahrhundert so ein Dogma haben, dann brauchen Sie sich heute nicht über die englische oder die schottische Küche zu wundern.