Interview mit Sebastian Turner "Aus Stuttgart wird Greengart"

Von , Michael Ohnewald 

Nach Ansicht des Berliner Marketing-Gurus Sebastian Turner kann die neue Regierung mit einem alten Projekt den großen Wurf landen.  

Sebastian Turner im Stuttgarter Schlossgarten: der Berliner kennt sich aus mit den Befindlichkeiten im Ländle. Foto: Rudel
Sebastian Turner im Stuttgarter Schlossgarten: der Berliner kennt sich aus mit den Befindlichkeiten im Ländle. Foto: Rudel

Stuttgart - Eine Ära geht zu Ende. Schwarz in der Opposition, Grün-Rot an der Regierung. Braucht Baden-Württemberg jetzt ein neues Image? Ade Musterländle? Der Berliner Marketing-Guru Sebastian Turner, der einst den Slogan "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" erfand, über grüne Visionen mit schwarz-roter Vergangenheit.

Herr Turner, "Nichts ist unmöglich", sagt Ihnen das was?
Das sagt mir was. Der Slogan einer japanischen Automarke.

Und eine Voraussage für die neue Regierung in Baden-Württemberg?
Das wird die Zukunft zeigen.

Hinter Ihrer Antwort steckt ein kluger Kopf.
Auch schon mal gehört. Der Slogan steht für eine andere gute Zeitung.

Für die Sie auch Werbung gemacht haben. Möchten Sie, dass wir im Interview auf Schwäbisch weitermachen, oder können Sie auch Hochdeutsch?
Ich bin zweisprachig aufgewachsen, Sie können also gerne wählen. Sie zielen mit dieser Frage auf unsere Landeskampagne ab...

...eine Kampagne, die Baden-Württemberg nachhaltig geprägt hat. Gefühlt fast so lange wie die Christdemokraten, die 57 Jahre das Land regierten. Besteht nach dem vergangenen Sonntag Gefahr für das Image des Musterländles, jetzt, wo alles hübsch grün und rot leuchtet?
Regionale Images sind wie große Schiffe, die kommen nicht so schnell vom Kurs ab. Es wurde ja auch nur die Regierung gewechselt und nicht die Bevölkerung ausgetauscht. Sehr viel volatiler ist dafür das Image einer Regierung. Da ist viel möglich.

Was könnte denn passieren?
Eine Entzauberung innerhalb kürzester Frist. Ein Wechsel in dieser Spannweite bringt es mit sich, dass viele Menschen mit allergrößten Hoffnungen auf die neue Regierung schauen. Und diese Hoffnungen sind so groß, dass sie kaum zu erfüllen sind.

Übertreiben Sie jetzt nicht?
Denken Sie an die Achterbahnfahrt von Barack Obama in den Vereinigten Staaten. Er hat Hoffnungen geweckt wie seit John F. Kennedy kein Präsident mehr, einem Messias gleich. Nach der Wahl des Präsidenten folgte der steilste Absturz, den die Demoskopen bislang messen konnten.

Dagegen kann man gar nichts tun?
Am Grundmuster können Sie nichts ändern. Vor der Wahl geben Sie als Politiker ein Versprechen. Gewinnen Sie damit, sollten Sie es dann möglichst auch erfüllen. Das geht aber nicht so schnell. Die Kunst für jemanden, der so große Hoffnungen erfüllen soll, besteht darin, dass er zumindest einen Teil dieser Erwartungen auf ein ehrgeiziges, aber realisierbares Ziel lenkt.

Wie soll Herr Kretschmann, der schwäbische Obama, das bloß alles richten?
Er könnte versuchen, die sich abzeichnende Talfahrt zu verkürzen.

Welche Hoffnungen verbinden die Wähler mit ihm und den Seinen?
Eine Mehrheit will Belege für die Abwendung von der Atomkraft, das ist dank des Zugriffs auf die EnBW sogar relativ einfach, wenn auch teuer. Hier kann sich die neue Regierung auf einen schnellen Anfangserfolg einrichten, der aber auch schnell verblasst. Das Atomthema wird seine singuläre Bedeutung schnell verlieren, vor allem wenn es in der gesamten Republik keine Partei mehr mit anderer Meinung gibt. Es ist zudem nur ein Dagegen-Thema. Wer führen will, muss aber für etwas sein. Da wird es richtig schwierig. Denn bei fast allen anderen Themen hat die neue Regierung eher Mehrheiten gegen ihre Programmpunkte. Oder sie sind trotz aller Symbolik randständig wie die Studiengebühren.

Obwohl Sie seit langem in Berlin leben, kennen Sie sich gut aus im Ländle. Ihr Vater war Präsident der Uni Hohenheim, als Kind haben Sie Ihr Taschengeld aufgebessert, indem sie die Schuhe von Hans Bayer alias Thaddäus Troll geputzt haben. Sie wissen also, wie die schwäbische Seele tickt. Was ist da am Sonntag passiert?
Gar nichts Schwäbisches. Ein Ein-Themen-Wahlkampf ist auf den letzten Metern implodiert. Die alte Landesregierung hat mit der Laufzeitverlängerung und dem EnBW-Kauf ein Angebot ins Schaufenster gestellt, das aufgrund einer Welttragödie jede Attraktivität verloren hatte. Da hat es dann auch nicht mehr geholfen, es ganz schnell wieder aus der Auslage zu nehmen. Da war das Schaufenster eben leer.

Und das Fenster der neuen Regierung voll?
Da stand auch nur ein gemeinsames Produkt: der Atomausstieg. Der aber wurde über Nacht ein Bestseller.

Was kann die neue Regierung machen, um nicht ins Obama-Loch zu fallen?
Das Kunststück liegt darin, eine positive Vision zu formulieren. Das Ziel muss so groß sein, dass die Regierung damit die Mühen der Ebene durchsteht und ihre vom Wahlkampf müden Anhänger bei Laune hält. Zugleich muss das Projekt so anschaulich und vorteilhaft sein, dass es sich jeder vorstellen kann. Es muss modern sein und eine Entwicklungsperspektive bieten. Sonst ist allzu schnell die Luft und Lust raus.

Braucht es überhaupt Visionen? Im Wahlkampf ging es vor allem ums Dagegen-Sein.
Es ist die legitime Rolle der Opposition, gegen Regierungslinien zu sein. Wenn sie selbst Regierungspartei wird, muss sie aber umschalten und für etwas sein.

Sie sind berühmt für Ideen. Hätten Sie eine?
Nur Naheliegendes. Die enorme wirtschaftliche Kraft des Landes beruht auf zwei Dingen, die beide ihren Zenit erreicht haben: der Verbrennungsmotor und die Individualmobilität. Was kommt als Nächstes? Hier könnte man in Stuttgart jetzt einen Schritt weiter gehen. Die Antwort auf diese Frage interessiert die ganze Welt. Das wäre den Schweiß der Edlen wert.

Wirtschaftsthemen sind doch gerade in Baden-Württemberg eigentlich von Schwarz-Gelb besetzt. Trauen Sie das den neuen grün-roten Machthabern zu?
Es geht nicht um ein Wirtschaftsthema und auch nicht um Farben, sondern um eine neue Antwort auf eine existenzielle Frage. Wenn es gelingt, Zukunftsfragen zu beantworten, wird das von allen positiv beurteilt. Das Konzept kann ja nicht sein, dass Hugo Boss künftig Anzüge aus Jute macht und SAP auf dem Abakus läuft.

Also gut - Zukunftslösungen. Wie weiter?
Ein zweites Thema ist der Städtebau. Auch hier ist ein Umdenken überfällig. Statt autoabhängig in Speckgürteln das Land zu zersiedeln, brauchen wir eine Wiederbelebung der Innenstädte. Stellen Sie sich einmal vor, nicht im arabischen Sand, nicht in Masdar City, sondern hier am Nesenbach entstünden die Modellösungen, wie wir in Zukunft ökologisch, nachhaltig und human leben.

Alles schön und gut. Aber wie kann die Dynamik "oben bleiben", um die Streitrhetorik von Stuttgart  21 zu bemühen?
Wenn Stuttgart eine Green City werden soll als Werkstatt und Modell für alles, was die Welt ökologisch kann, dann bietet sich hier eine Verknüpfung an. Die riesige Gleisfläche ist der ideale Ort - und sie steht zur Verfügung, wenn der Bahnverkehr unter die Erde gelegt wird. Alles ist vorbereitet, so schnell wird das nie wieder gehen.

Sie meinen, Kretschmann sollte jetzt das Gegenteil von dem tun, was er versprochen hat?
Ihm kann es gelingen, den Widerspruch aufzulösen, den die Wähler seiner Regierung auferlegt haben. Die Grünen sind für die umfassende ökologische Erneuerung. Die SPD ist für den Tiefbahnhof. Und beide bekommen, was sie wollen. Im Untergeschoss werden die Wähler von SPD, von CDU und FDP mit ihrem neuen Bahnhof bedient. Und oben bekommen die grünen Wähler und alle anderen Bürger eine Modellstadt, die in eine umweltgerechte Zukunft führt.

Das ist doch blanke Theorie, verehrter Herr Turner.
Stellen Sie sich mal das Gegenteil vor: Prozessrisiken, gigantische Ablösesummen, Jahrzehnte der Neuplanung und bis dahin Stillstand in Stuttgart. Das liegt dann wie Mehltau auf der Regierung. Bei der nächsten Krise wird der Investitionssumme und den Jobs nachgetrauert. Und die Bundesmittel werden derweil auf dem Hoheitsgebiet der CSU investiert, in die Achse Frankfurt-Nürnberg-München, wunschgemäß komplett an Baden-Württemberg vorbei. Wenn Bayern mit Höchstgeschwindigkeit überholt, weil die Schwaben Chancen verschenken, dann ist der Spaß vorbei.

Um mit dem Slogan einer großen Baumarktkette zu sprechen: "Mach es zu deinem Projekt." Ist das wirklich Ihr Ernst?
Ja. Eine der vielen missglückten Weichenstellungen des Projekts Stuttgart 21 ist, dass alles Augenmerk allein auf den Bahnhof gerichtet war - und nicht auf die neue Stadt. Das ist die große Chance von Kretschmann. Er kann sagen: Ich möchte, dass die Familien aus dem autofixierten Speckgürtel wieder in die Stadt ziehen. Er kann sagen: Ich möchte, dass die modernste, ökologischste, menschenwürdigste Form von Stadtentwicklung hier entsteht. Er kann einen Baumeister berufen, der keine Kisten abwirft, sondern mit Ideen begeistert. Solche Visionen zu realisieren, sind das Privileg der neuen Regierung. Der Stresstest bietet die Chance, nicht nur unter der Erde die Zuglaufzeiten neu zu berechnen, sondern auch oberirdisch die Gestaltungschancen des neuen Stadtteils anders zu betrachten.

Das können selbst Sie, der aus Hühnern Adler macht, den Grünen nicht unterjubeln.
Wenn Franz Josef Strauß der DDR einen Kredit geben durfte, dann darf der erste grüne Ministerpräsident dieser Republik auch mal für ein Bahnprojekt sein.

Wer sich nicht positioniert, wird positioniert. Wie soll sich Grün-Rot positionieren?
Die große Chance liegt darin, einen qualitativen Sprung zu schaffen auf einer hervorragend entwickelten Basis. Baden-Württemberg kann zu einem weltweit beachteten Land werden, das für die nachhaltigste Form von Wirtschaften steht. Aus Schwarz wird Grün, aus Stuttgart wird Greengart. Die zerstrittenen Gruppen werden versöhnt, und es kann sofort losgehen. Das ist doch ein grüner Traum.