""Heute leben viele ohne Trauschein zusammen. Wer dennoch heiratet, will den Tag besonders inszenieren.""
Verena Rathgeb-Stein, Leiterin des Standesamts Stuttgart
Stuttgart - Nichts Menschliches ist Verena Rathgeb-Stein fremd: Die 38-Jährige leitet das Stuttgarter Standesamt. Im StZ-Interview redet sie über unromantische Vorschriften, bewegende Traureden und das Geheimnis einer guten Ehe.
Mal ehrlich: so eine Hochzeit kann doch ein ziemlicher Albtraum sein.
Das erlebe ich selten. Wie meinen Sie das?
Ich war eben noch im Kiosk nebenan. Da lagen allein fünf Magazine aus, die nur eines wollen: den Leuten Hochglanzkulissen für ihre Hochzeit verkaufen.
Das stimmt schon. Für manche Paare sind die äußeren Umstände inzwischen wichtiger geworden als der Inhalt einer Eheschließung. Es geht darum, dass man auf den Fotos gut aussieht, dass der Ort passt, dass der richtige DJ auf der Feier auflegt, dass die Frisur perfekt sitzt...
Messen wie die "Trau Dich" schüren die enormen Erwartungen, die viele Paare an diesen besonderen Tag haben.
Manchmal läuft es auf der Feier so ab, dass die Paare sich um alles selber kümmern. Der Kaffee darf nicht kalt werden, Tante Helga keinesfalls neben Opa Kurt sitzen. Dann schwirren die frisch Vermählten den ganzen Tag nur herum, weil sie alles richtig machen wollen. Am Ende sind sie platt.
Welchen Ratschlag würden Sie Brautpaaren geben?
Ich sage ihnen im Vorgespräch meist, dass sie ruhig vorbereiten können, bis sie umfallen. Aber am Tag der Hochzeit selbst sollten sie loslassen. Und während der Traurede bitte ich die Fotografen, dass sie sich zurückhalten sollten.
Rund ein Drittel aller Ehen werden heutzutage geschieden. Eigentlich müssen Sie diese Zahlen doch deprimieren.
Nein, das sehe ich ganz anders. Ich empfinde es als schöne Herausforderung, wenn ich als Standesbeamtin manche Leute auch einmal öfter sehe. Früher haben einige Ehen nur deshalb ein Leben lang gehalten, weil die Frau vom Mann wirtschaftlich abhängig war.
Eine Scheidung hatte ein Gschmäckle. Oft hieß es auf der Straße hinter vorgehaltener Hand: "Die ist geschieden."
Es gab eine Stigmatisierung, das ist richtig. Heutzutage ist das nicht mehr so. Ich maße mir kein Urteil darüber an, welche Gründe Menschen zu einer Scheidung bewegt haben. Heute sind die Partner im Schnitt älter, bevor sie heiraten, sie sind anders erzogen und eigenständiger. Dadurch ist die Hemmschwelle, wieder auseinanderzugehen, gesunken.
Gibt es aus Ihrer Sicht einen Fehler, den Menschen keinesfalls in einer Beziehung begehen sollten?
Es gibt kein allgemeingültiges Knock-out-Kriterium für eine Ehe. Aber grundsätzlich ist es so, dass viele Menschen im Beruf erleben, dass sie perfekt funktionieren sollen. Das sollte man bloß nicht auf seine Partnerschaft übertragen. Gerade hier sollte man zulassen, dass man selbst und der andere eben nicht perfekt sein muss.
Sie sind seit fast 14 Jahren Standesbeamtin, leiten seit 2002 das Stuttgarter Standesamt. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Paare Sie schon getraut haben?
Ich schätze mal, es werden mehr als 1700 sein. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich von Traurede zu Traurede dazulerne. Manchmal hinterfrage ich mich anschließend selbst: Halte ich mich in meiner eigenen Ehe eigentlich an das, was ich anderen Menschen mit auf den Weg gebe?
Wenn Sie einem Paar gegenüber sitzen, denken Sie doch bestimmt oft, "das passt super" oder "wie sind die denn nur zusammengekommen"?
Ich würde mich in jedem einzelnen Fall vor einem abschließenden Urteil hüten. Schließlich sehe ich in dem kurzen Gespräch nur eine Facette der beiden Menschen. Aber es stimmt schon: man entwickelt mit den Jahren ein Gefühl dafür, ob die Beziehung passen könnte.
Ich an Ihrer Stelle wäre neugierig, ob ich damit auch richtig liegen würde.
Ich hatte mal eine ältere Kollegin, die lange im Job war und eine gute Menschenkenntnis besaß. Die hat bei den Paaren heimlich geschätzt, wie lange die Beziehung hält. Anschließend hat sie ihre Unterschrift unter den Heiratsantrag entweder links, mittig oder rechts gesetzt. Ich glaube, sie lag oft richtig. Im Laufe der Jahre hat sie es kontrolliert. Ich habe das nie gemacht.
Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Standesbeamtin aus?
Eine hohe soziale und fachliche Kompetenz. Das Erste versteht sich von selbst, weil ich immer auf Menschen treffe, die sich in einer ganz besonderen Lebenssituation befinden. Die fachliche Seite ist in meinem Job verzwickter, als es viele denken. Die sagen sich, "wir sind seit zehn Jahren zusammen, jetzt heiraten wir halt".
So einfach ist es wohl nicht.
Leider nein. Als Standesbeamtin bin ich eine Urkundsperson und unterliege strengen Vorschriften. Aus einer Eheschließung ergeben sich viele rechtliche Folgen. Denken Sie an das Aufenthaltsrecht, das Staatsangehörigkeitsrecht, Erbrecht, Unterhaltsrecht, Abstammungsrecht, Steuerrecht...
Dass Stuttgart eine Multikultistadt ist, erschwert Ihnen bestimmt die Arbeit.
Klar, das betrifft vor allem die sogenannte Prüfung der Ehevoraussetzungen. Wenn wir deutsche Staatsangehörige haben, die im Ausland geboren wurden oder dort verheiratet waren, müssen wir deren Unterlagen genau prüfen. Sind diese im deutschen Rechtsbereich wirksam?
Das klingt unromantisch.
Ist es auch, aber es ist dennoch notwendig. Die heiratswilligen Personen müssen alle Dokumente ins Deutsche übersetzen lassen. Wenn wir die Behörde in deren Heimatland nicht genau kennen, benötigen wir zusätzlich eine Bestätigung der Echtheit der Urkunden durch die deutsche Botschaft. In manchen Ländern sind mehr als 90 Prozent der Urkunden gefälscht.
Der Volksmund nennt das im Allgemeinen "Behördenkrieg".
Ja, genau das ist es auch.
Wie lange kann das schlimmstenfalls dauern?
Lange. Am längsten beispielsweise bei schwarzafrikanischen Ländern. In manchen Ländern ist eine einfache Eheschließung ohne jede Urkunde möglich. Dann sagt der Dorfälteste zu den beiden Partner: "Ihr zwei seid verheiratet." Und wenn sie nicht miteinander klarkommen, erklärt er die Ehe für geschieden. Ohne Formular. Und sie sollen das uns gegenüber dann nachweisen.
Klingt schwierig. Der Dorfälteste besitzt womöglich kein Faxgerät.
So ist es. Ähnlich schwer ist es bei unseren Mitbürgern, die aus Krisengebieten wie Afghanistan, dem Irak oder früher den Nachfolgestaaten Jugoslawiens stammen.
Wie können Sie dann überprüfen, was echt ist und was gefälscht?
Oft läuft es so, dass sich ein Vertrauensanwalt der jeweiligen deutschen Botschaft ins Auto setzt und vor Ort die Behörden und die Menschen aus dem Dorf befragt.
Noch mal: wie lange kann sich dieser Prozess hinziehen, bis das Paar bei Ihnen einen Termin bekommt?
In komplizierten Fällen dauert das sechs bis zwölf Monate. Gerade deshalb versuchen wir dann bei der Trauung, unsere kreative Seite zu zeigen. Zu der persönlich gestalteten Traurede haben wir ein Klavier oder einen CD-Player, die Leute können ihre eigene Musik mitbringen.
Nicht zuletzt bieten Sie seit acht Jahren die sogenannten Wunschorte an - offensichtlich wächst der Bedarf, sich an besonderen Plätzen das Jawort zu geben.
Mit diesem Angebot haben wir auf einen gesellschaftlichen Wandel reagiert: Weniger Leute als früher wollen sich kirchlich trauen lassen. Deshalb soll die standesamtliche Trauung festlicher sein. Wir bieten unter anderem den Fernsehturm, das Schloss Solitude und seit dem Jahresanfang auch das Hegelhaus an.
Früher war es eben für die meisten selbstverständlich zu heiraten, heute leben viele ohne Trauschein zusammen. Wer dennoch heiratet, will den Tag besonders inszenieren.
Tatsächlich haben die meisten Paare früher die standesamtliche Trauung über sich ergehen lassen. Heute geben mir viele im Vorgespräch genaue Hintergrundinformationen, die ich in die Traurede einfließen lasse. Wie haben sie sich eigentlich kennengelernt? Wie war schließlich der Heiratsantrag?
Plaudern Sie mal aus dem Nähkästchen: Wie hält man heute um die Hand an?
Meist ganz klassisch: im Urlaub, am Strand, gerne auch bei Teelichtern.
Das hört sich wie bei einem Rosamunde-Pilcher-Film an.
Oft ist es auch sehr romantisch.
Nach so viele Trauungen: Bewegt Sie dieser Akt überhaupt noch selbst?
Kürzlich hatte ich eine Trauung, bei der die beiden Partner erneut geheiratet haben. Die haben sechs Kinder, ließen sich scheiden und haben wieder zueinandergefunden. Diese Trauung war auch für mich etwas ganz Besonderes.