Interview mit Timo Boll „Eine große Liebe betrügt man nicht“

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Das Sportjahr 2012 geht zu Ende - mit großen Siegern aber auch mit Skandalen, die an den Grundsätzen des Fairplay rütteln. Timo Boll gilt als Prototyp des integren Sports. Ein Gespräch mit ihm über Werte und unfaire Gegner im Sport.

StuttgartTimo Boll gilt als Prototyp des integren Sportlers. Vielfach wurde der Tischtennisspieler für sein Verhalten ausgezeichnet (siehe „Der Gentleman des Sports“). Ein Gespräch mit Boll über Respekt, Ehrlichkeit und unfaire Gegner.
Herr Boll, erinnern Sie sich noch an den umstrittenen Treffer des Stürmers von Schachtjor Donezk, Luiz Adriano?
Gerade nicht. Was war da noch mal?

Nach einem Schiedsrichterball wollte ein Spieler von Donezk den Ball fair zum gegnerischen Torwart zurückspielen – doch Luiz Adriano fing den Pass ab und schoss ein Tor.
Ach das. Das war eine üble Sache.

Im Anschluss gab es eine große Debatte um Fair-Play. Was heißt Fairness für Sie?
Fair zu sein, bedeutet für mich, ein reines Gewissen zu haben. Es kann doch kein schönes Gefühl sein, zu wissen, dass ich nicht verdient gewonnen oder auf dem Weg zu einem Titel einen Punkt unrechtmäßig erhalten habe. So einen Sieg will ich nicht. Ich kann da nur für mich sprechen: Ich hätte einfach ein schlechtes Gewissen. Das würde an mir nagen. Wenn man unfair siegt, fühlt sich das sicher schlechter an als wenn ich fair verliere. Ich will immer fair sein – egal, welche Folgen das hat.

Das sehen nicht alle so.
Unfaires Verhalten müsste noch viel stärker geächtet werden. Bei uns Tischtennisspielern ist es verpönt, strittige Bälle an sich zu nehmen und falsche Entscheidungen nicht zu korrigieren. Da bist du schnell ein schwarzes Schaf, wenn du dich nicht an diese ungeschriebenen Gesetze hältst.

Und bei Kollegen unten durch?
Das spricht sich schnell rum und wirft kein gutes Licht auf einen.

Sie haben in Ihrer Karriere zahlreiche Fairplay-Auszeichnungen erhalten, Sie machen aber keine große Sache daraus. Warum?
Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, fair zu sein, und eigentlich nichts preiswürdiges. Es ist doch normal, oder sollte es sein.

Sie denken keine Sekunde nach, wenn Sie einen Punkt korrigieren?
Mittlerweile nicht mehr. Das habe ich vielleicht mal ganz am Anfang gemacht. In jedem von uns steckt ein kleines Teufelchen – im einen mehr, im anderen weniger. Jeder hat so ein Stück Egoismus in sich, gerade im Hochleistungssport, aber dagegen muss man eben ankämpfen. Heute gibt es keine innerliche Diskussion mehr.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Werte wie Fairplay und Respekt ein Auslaufmodell sind und Siege um jeden Preis alles.
Finde ich nicht. Das alles sind zeitlos richtige Werte, und es gibt viele Beispiele für vorbildliches Verhalten. Ich bin ja nicht der Einzige. Gerade Respekt ist mir unglaublich wichtig. Es geht ja nicht nur um strittige Situationen, sondern auch darum, wie man sich insgesamt dem Gegner gegenüber verhält. Ich behandle meinen Gegner so, wie ich auch behandelt werden möchte.

Lohnt sich das denn?
Es lohnt sich immer, weil man mit sich selbst im Reinen ist. Es kann einen Sportler vielleicht mal ein bisschen was kosten, weil man ein Spiel verliert, aber so ein Erfolg wäre doch sowieso nichts wert. Alles andere ist Betrug an sich selbst. Ich möchte stolz auf meine Leistung sein, und das könnte ich nicht, wenn ich wüsste, dass ich mich nicht korrekt verhalten habe. Wir betreiben Sport, weil wir ihn lieben. Und eine große Liebe betrügt man nicht.

Sie haben 2005 im WM-Achtelfinale bei eigenem Matchball dem Schiedsrichter angezeigt, dass ein Ball Ihres Gegners den Tisch noch touchiert hat – was außer Ihnen niemand erkannte. Hätten Sie es nicht getan, wären Sie im Viertelfinale gestanden – stattdessen haben Sie das Match noch verloren und sind ausgeschieden.
Ich habe das nie bereut. Warum auch? Der Ball war an der Platte, also war es sein Punkt. Ich habe ja nicht etwas verloren, was mir gehört hat, sondern nur etwas zurückgegeben, was nie mein war – diesen Punkt eben. Ich kreide mir eher an, dass ich das Spiel nicht schon vorher gewonnen habe.

Und was ist, wenn ein Gegner unfair ist?
Mein Respekt schrumpft, und es fällt natürlich schwerer, wenn man provoziert wird oder so, aber ich gehe trotzdem meinen Weg und bleibe mir treu. In solchen Situationen musst du stark sein. Gegen einen Wladimir Samsonov, der mindestens genauso fair ist wie ich, ist es sehr einfach. Ich erinnere mich aber noch gut an die Anfänge von Zhang Jike.

Den Weltmeister und Olympiasieger.
Früher hat der gerne auch mal einen strittigen Ball für sich genommen. Heute gibt er gegen mich solche Punkte zu und korrigiert den Schiedsrichter zu seinen Ungunsten. Das ist schön zu sehen. Ich merke, dass er mich und mein Verhalten respektiert und seines anpasst. Ich sage mir: man muss ein Vorbild sein, dann fällt es dem anderen auch viel leichter, fair zu sein.

Gerade im Fußball vermissen das viele. Taktische Fouls, endlose Debatten über Schiedsrichterentscheidungen oder Provokationen auf dem Platz sind Alltag.
Im Mannschaftssport ist es vielleicht manchmal etwas schwieriger, weil man nicht nur seinen eigenen Schweinehund bekämpfen muss, sondern auch den Druck der Mannschaft hat und einen Vorteil für das Team ziehen kann. Aber ich finde, das ist eine Frage des Respekts. Auch, wie man mit dem Schiedsrichter umgeht und dass man eine Entscheidung selbst dann korrigiert, wenn man weiß, dass sie falsch ist. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber auch da gibt es positive Beispiele, Miro Klose hat das ja so gemacht.

Sie sind großer Fußballfan. Kaum etwas wird von Anhängern so gehasst wie Schwalben. Geht es Ihnen da ähnlich?
Klar ist es unschön, wenn Stürmer jede Gelegenheit nutzen, sich einzuhaken. Andererseits ist es manchmal ja auch so, dass ein gefoulter Spieler weiterläuft statt sich fallen zu lassen, aber in der Folge nichts Zählbares dabei herauskommt. So ein Verhalten müsste man eigentlich belohnen. Sonst sagt man als Fan ja auch: hätte er sich mal lieber fallen lassen.

Ein anderes großes Thema 2012 war der Dopingskandal um Lance Armstrong.
Das ist einfach nur traurig, vor allem für die Radfahrer, die es sauber versucht haben. Trotz harter Arbeit und Talent hat es für die vielleicht nicht gereicht – das tut mir unglaublich leid. Manche behaupten ja: das war trotzdem alles eine super Leistung und am Ende hat der Beste gewonnen – das würde ich nie sagen. Man weiß doch gar nicht, wer der Beste gewesen wäre.

Das alles hat dazu beigetragen, dass das Ansehen des Spitzensports weiter sinkt.
Ich höre auch leider immer öfter: ihr seid doch alle voll. Ich kann das den Leuten nicht mal übel nehmen nach all den Skandalen. Das zeigt aber nur, dass wir alles, was möglich ist, gegen den Betrug tun müssen.

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