Interview mit Ulrich Kienzle „Kannsch halt ned andersch“

Ulrike Frenkel, 28.12.2012 20:26 Uhr
Stuttgart. Er hat als Schwabe den Großteil seines Erwachsenenlebens jenseits seiner Herkunftsgegend verbracht. Der Journalist Ulrich Kienzle war unter anderem Korrespondent im südlichen Afrika und im Nahen Osten sowie TV-Chefredakteur bei Radio Bremen. Nach einem Buch über Arabien hat er jetzt den Interviewband „Ulrich Kienzle und die 17 Schwaben“ veröffentlicht, in dem er sich mit Politikern, Sportlern, mit Jungen und Alten, mit Männern und Frauen, darunter Erhard Eppler, Fredi Bobic und Sibylle Lewitscharoff, über Heimat, Sprache und frühe Prägungen unterhält.
Herr Kienzle, in letzter Zeit beschäftigen Sie sich immer wieder mit Ihrem Herkunftsland und dessen Bewohnern. Sieht man das Eigene aus der Ferne besser?
Auf jeden Fall. Mir ist zum Beispiel erst in Bremen klar geworden, dass ich eigenartig bin. Als ich dort Chefredakteur war, kamen die Kollegen zu mir und sagten „Warum ­loben Sie uns eigentlich nie? Sie sagen höchstens mal, wenn Sie einen Film gesehen haben: „Des isch ned schlecht“. „Des“, sagte ich, „ist halt das höchste Lob, das einem Schwaben möglich ist“. Da sehen Sie mal, wie groß kulturelle Missverständnisse sein können: Zwischen Arabern und Deutschen, aber auch zwischen Schwaben und Bremern.

Nun ist der Ruf der Schwaben nicht überall der beste. Liegt Ihnen in Ihrem Buch auch daran, da zu differenzieren?
Die Schwaben haben eigentlich gar keinen so schlechten Ruf. Sie sind einerseits manchmal die Deppen der Nation, andererseits gibt es auch viel Respekt vor ihnen. Sie sind manchen einfach irgendwie unheimlich. Mit dem Buch will ich mich aber nicht als Missionar aufspielen. Mir geht es eigentlich darum, besser zu verstehen, woher kommen eigentlich diese Macken, die wir Schwaben haben.

Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Das, was die Schwaben bis heute ausmacht, ist ja nicht naturgewachsen, sondern sehr von den Pietisten und der evangelischen Kirche hergestellt worden. Die haben mit ihren Konventen innerhalb von zweihundert Jahren die Leute auf Vordermann gebracht. Da wurde am Sonntag getagt, und wer sich anders verhalten hatte, als die religiösen Anforderungen es verlangten, der wurde bestraft, und zwar richtig. So wurde der Volkscharakter geschaffen, den wir als Schwabe kennen. Dass Genuss da als Sünde verurteilt wurde, fand ich schon immer unmenschlich.

Sie haben sich für ihr Buch mit sehr unterschiedlichen Menschen unterhalten. Wer war denn bei alledem der interessanteste Gesprächspartner?
Cem Özdemir. Der ist ja in Bad Urach aufgewachsen. Der erzählt, dass Türken möglichst viele Leute einladen, wenn sie ein Fest feiern, viel Licht und Remmidemmi machen, und Schwaben zum Beispiel Weihnachten feiern, indem sie sich im engsten Kreis zurückziehen. Die machen eben gar nicht „Mach hoch die Tür“, die machen vielmehr die Tür zu. Solche Sachen, die er als junger Mensch beobachtete, haben mich sehr beeindruckt.

Aber er äußert im Gespräch ja auch große Achtung vor schwäbischen Werten.
Ja, er erzählt, wie er in der ersten Zeit im Bonn abends in allen Räumen des Abgeordnetenhauses die Lichter ausmachte, und sich anschließend die Frage stellt: „War das jetzt grün oder war das schwäbisch?“