Interview über Stuttgart 21 „Wir als Kirche sind nicht erpressbar“

Nicole Höfle, 21.11.2012 12:35 Uhr
StuttgartStuttgart 21 wird gebaut, der Streit über das Großprojekt ist damit aber noch nicht beigelegt. Mit Blick auf den nahenden Advent spricht sich der Landesbischof Frank Otfried July für Versöhnung und Toleranz aus – wohl wissend, dass S 21 auch seine Kirche gespalten hat. Ein Gespräch über Politik, das Kind in der Krippe und protestantische Traditionen.
Herr July, ist S  21 eine Glaubensfrage?
Wenn ich mir manche Mitbürger anschaue, fürchte ich schon. Noch immer stehen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber. Deswegen war es mir immer wichtig zu sagen, der Streit muss mit sachlichen Argumenten geführt werden.

Die Bibel sollte also außen vor bleiben.
Genau. Viele gesellschaftliche Fragen haben mit theologischen Standpunkten zu tun, die Bibel gibt Orientierungswissen. Der Bau eines Bahnhofs hat erst einmal mit Kosten-, Technik- und Planungsfragen zu tun. Bei diesen Problemen kann eine Kirchenleitung nicht sagen: Die eine Planungsbeurteilung ist näher am Evangelium als die andere. Bei S 21 ist es eine Aufgabe, Brücken der Kommunikation zu bauen, und das erwarte ich auch von den Pfarrerinnen und Pfarrern. Brücken bauen heißt nicht, dass man ohne Position sein muss, ganz und gar nicht. Aber es muss klar sein, wir sind bereit, die anderen anzuhören und friedensstiftend zu wirken.

Dann dürfen wir Ihnen verraten, dass wir geplant hatten, mit Guntrun Müller-Enßlin und Johannes Bräuchle zwei Pfarrer mit gegensätzlichen Positionen an einen Tisch zu bringen. Es ist uns nicht gelungen. Taugt Versöhnung nur für die Sonntagspredigt?
Daran sehen Sie, dass die Auseinandersetzung hier zu weit gegangen ist. So ein Gespräch muss möglich sein, erst recht unter Theologen. Vielleicht wollten die beiden sich nicht noch einmal öffentlich äußern.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass eine Versöhnung nicht stattfindet, nicht einmal unter Pfarrern?
Immer wenn Menschen sich mit einem Problem ganzheitlich identifizieren und sagen, darin liegt alles, was notwendig ist, dann wird ein Konflikt unversöhnlich. Deshalb bin ich froh, dass etwa in der Stiftskirche Gegner und Befürworter miteinander Abendmahl gefeiert haben. Daran wird deutlich: es gibt auch unter Christen in dieser politischen Frage tiefgreifende Meinungsunterschiede, aber am Tisch des Herrn sind sie versöhnt und befreit.

Was hat der Konflikt mit der Landeskirche gemacht? Es gab viele Austritte und Proteste wegen des Engagements einzelner Pfarrer.
Es gibt auch bei anderen gesellschaftlichen Konflikten Menschen, die sagen, ich verstehe die Kirche nicht und trete aus, aber das sind Einzelfälle. Wir sind nicht erpressbar. Mein erster Bischofsbericht im Jahr 2005 war überschrieben mit der These, Religion ist mehr als Privatsache, und dazu stehe ich auch heute. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Kirche in jeden tagesaktuellen Diskurs einmischen sollte.

Wie viel Politik verträgt eine Kirche?
Ein Beispiel, wo die Kirche sich einmischen muss, ist die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Wir können nicht neutral bleiben, wenn Kinder zu Schulausflügen nicht mitkönnen, weil das Geld fehlt. Als Kirche können wir es auch nicht gutheißen, dass Deutschland als einer der größten Rüstungsexporteure weltweit auftritt. Auch in der Griechenlandfrage habe ich mich an die Gemeinden gewandt, weil zu sehen ist, dass es viele Politiker an Respekt gegenüber den Griechen fehlen lassen.

Damit liegen Sie im gesellschaftlichen Mainstream. Machen Sie es sich nicht zu einfach, sich bei Fragen wie der Armutsbekämpfung zu äußern, die unstrittig sind?
Weder bei Griechenland noch bei der Armutsfrage liegen wir im Mainstream. Die Beispiele berühren theologische Grundfragen nach Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Frieden.

Gab es Momente, in denen Sie Ihre katholischen Kollegen beneidet haben, bei denen die klare Vorgabe gilt, Pfarrer haben sich nicht in die Tagespolitik einzumischen?
Neid zwischen Kirchen darf es nicht geben. Außerdem ist es gute protestantische Tradition, dass sich evangelische Theologen dezidiert zu sozialpolitischen und gesellschaftlichen Konflikten äußern. Es ist bei uns nicht alles so geordnet, dass man den Bischof um Erlaubnis fragen muss. Aber es muss deutlich werden, dass es nicht um Tagespolitik geht, sondern um die Orientierung am Evangelium.

Dann können wir Ihnen ja jetzt den Auszug aus einer evangelischen Predigt von diesem Sommer vorhalten, die im Schlossgarten gehalten wurde: „Wir beugen uns auch keiner kirchlichen Obrigkeit, wo diese mittels angeblicher Neutralität sich ihrer Aufgabe entzieht, Verantwortung zu übernehmen.“
Ich finde es schon falsch, mit dem Begriff Obrigkeit den Eindruck zu erwecken, als ob wir noch in feudalen Verhältnissen leben. Wir haben eine Synode, wir haben eine transparente Arbeit in der Kirchenleitung. Wir haben uns unserer Verantwortung nicht entzogen, sondern versucht, einen Konflikt zu entdramatisieren. Theologen dürfen in bestimmten Situationen nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

Welches kirchliche Thema hat in den vergangenen Jahren so viel Erschütterungen in die Landeskirche gebracht wie S 21 ?
Natürlich gibt es Fragen wie den Umgang mit homosexuellen Pfarrerinnen und Pfarrern, die immer wieder zu innerkirchlichen Diskussionen führen und die auch mit vielen Emotionen verbunden sind. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Transformationsprozess. Es gibt die Megatrends wie Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung, das verunsichert die Menschen. Die einen wünschen sich eine noch stärkere innere Festigung, andere fordern eine Öffnung in die gesellschaftlichen Entwicklungen hinein. Zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns mit einer Reihe von Themen in einer Volkskirche.