Interview „Wasser hat kein Gedächtnis“

Von Angela Stoll 

Mit Wunderwässern aller Art lässt sich ein gutes Geschäft machen. Doch der Chemiker Helge Bergmann sieht keine Belege dafür, dass sie sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Im Interviewkritisiert er den Hype um esoterisch angehauchte Produkte wie das Grander-Wasser.

Wer Leitungswasser trinkt, macht in der Regel nichts falsch, meint der Chemiker Helge Bergmann. Foto: dpa
Wer Leitungswasser trinkt, macht in der Regel nichts falsch, meint der Chemiker Helge Bergmann. Foto: dpa
Herr Bergmann, welches Wasser trinken Sie am liebsten?
Am liebsten trinke ich Wasser von unserer Dorfquelle in Bassenheim, einer Gemeinde bei Koblenz. In der Vordereifel gibt es viele Sauerbrunnen mit kohlensäurehaltigem Wasser, das durch Vulkangestein gesickert ist. Seit 40 Jahren trinke ich jeden Tag ­Wasser von dieser Quelle.
Nicht jeder hat eine Quelle vor der Haustür. Würden Sie in ganz Deutschland ohne ­Bedenken Leitungswasser trinken?
Ja, wenn auch mit kleinen Einschränkungen. Überall in Deutschland wird das Trinkwasser vom Wasserwerk praktisch einwandfrei geliefert. Es ist unser am besten untersuchtes Lebensmittel. Allerdings kommt es immer darauf an, wo das Wasser entnommen wird. Wenn ich zum Beispiel sehr lange Leitungen zu einem abgelegenen Gelände habe, würde ich dieses Trinkwasser nicht gerne trinken, weil es vielleicht warm geworden ist oder längere Zeit stand. Die zweite Einschränkung bezieht sich auf Altbauten. In Ausnahmefällen könnte es sein, dass noch alte Bleirohre da sind. Aber diese beiden Einschränkungen sind sehr selten.
Wie bekommt man das heraus?
Wenn Bauten älter als 50, 60 Jahre sind, ­würde ich den Hausbesitzer fragen. Er muss wissen, ob Bleirohre verbaut wurden. Bestehen immer noch Zweifel, hilft eine Laboruntersuchung weiter.
Dass kalkreiches Wasser der Waschmaschine schaden kann, ist klar. Doch hat es auch Einfluss auf die Gesundheit?
Nein. Der Amerikaner Norman Walker verbreitete vor Jahren das Märchen, dass der Kalk, den man mit dem Wasser aufnimmt, sich in den Adern absetzt und dadurch Arterienverkalkung entsteht. Der Mann empfahl, destilliertes Wasser zu trinken, um den Kalk wieder aufzulösen. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Ein anderes Märchen besagt, dass Kalk sich in Form spitzer ­Kristalle absetzt, die im menschlichen Körper Verletzungen hervorrufen. Auch das ist eine Behauptung, die durch nichts gedeckt ist. Als Chemiker sage ich: Kalk bleibt im Leitungswasser unter normalen Bedingungen gelöst. Er scheidet sich nur ab, wenn ich die Bedingungen des Wassers verändere, es zum Beispiel erhitze.
Beeinträchtigt Kalk den Geschmack von Tee?
Das kann bei zartem grünem oder weißem Tee schon sein. Ich denke, dass sich dann für einen Feinschmecker leichte Unterschiede ergeben, wenn das Wasser sehr viel Kalk oder Magnesium enthält. Deshalb werden auch Wasserfilter angeboten, die genau diese Härte entfernen. Aber das ist keine ganz einwandfreie Sache.
Warum?
Die Filter nehmen Stoffe, etwa Calcium und Magnesium, aus dem Wasser heraus. Sie sind aber wie ein Schwamm, der irgendwann voll ist. Die Kapazität der Filter ist bald ­erschöpft, so dass die Stoffe wieder durchlaufen. Auf den Filtern können sich zudem Biofilme bilden, die ein idealer Nährboden sind für Keime, die man nicht haben möchte. Die Stiftung Warentest hatte 2015 solche Filter untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass keiner davon empfehlenswert sei.
Welche esoterischen Ideen finden Sie besonders absurd?
Da ist die Auswahl schwer. Als Erstes fällt mir das Grander-Wasser ein, das vor allem in Deutschland und Österreich, aber auch weltweit in großen Mengen verkauft wird. Johann Grander, der inzwischen verstorben ist, behauptete vor Jahren, er habe bei sich auf dem Grundstück eine Quelle gefunden, die eine bestimmte Ur-Information enthält. Er hat nie gesagt, was diese Ur-Information bedeutet. Dieses Wasser wird eingekapselt, in Geräte gepackt und von Leitungswasser umspült, so dass die Ur-Information auf das Leitungswasser übergehen soll. Man weiß nicht, was die Information ist, wie sie übertragen wird und was sie bewirken soll. Sogar ein Gericht hat bestätigt, dass dies als Unfug aus dem esoterischen Milieu bezeichnet ­werden darf. Trotzdem wird das Grander-Wasser weiter gekauft. Es ist kurios, dass man mit einem wirkungslosen Wasser ­Millionen von Euro verdienen kann.
Was liegt derzeit besonders im Trend?
Was immer noch in Massen verkauft wird, sind Mineralien wie Amethyst, Bergkristall und Rosenquarz, mit denen man sogenanntes Edelsteinwasser herstellen kann. ­Solchen Schmucksteinen werden von Alters her besondere Wirkungen zugesprochen. Legt man sie in Wasser, sollen sich unbekannte Schwingungen übertragen und später auf den Menschen, der das Wasser trinkt, übergehen. Diese vermeintlichen Heilsteine sind ein einziger Betrug, denn es gibt keinerlei Wirkung, die ­jemals nachgewiesen ­worden wäre. Vor ein paar Jahren hat deshalb das Landgericht Hamburg geurteilt, dass der Begriff „Heilsteine“ unzulässig sei.
Auch Wasser mit zusätzlichem Sauerstoff ist nach wie vor angesagt. Was halten Sie davon?
Das ist wie Edelsteinwasser ein Lifestyleprodukt. Es ist nachweisbar unsinnig zu glauben, dass solches Wasser irgendeine besondere Wirkung hat. Das bisschen Sauerstoff, das in einem Liter solchen Wassers enthalten ist, haben Sie in zwei Atemzügen aufgenommen. Außerdem ist zweifelhaft, ob der Körper den zusätzlichen Sauerstoff überhaupt verwerten kann. Schon im Mund geht Sauerstoff verloren, auch im Magen wird er – als „Bäuerchen“ – abgegeben. Ob der restliche Sauerstoff über den Darm ins Blut aufgenommen wird, ist fraglich. Abgesehen davon weiß man nicht, ob die geringe Menge für den Körper von Bedeutung ist.
Stimmt es, dass Wasser aus ­wissenschaftlicher Sicht noch nicht vollständig erforscht ist?
Ja, auf jeden Fall. Vor 200 Jahren wurde festgestellt, woraus Wasser besteht, nämlich aus Wasserstoff und Sauerstoff. Es handelt sich um ein Mini-Molekül. Trotzdem gibt es seit 200 Jahren Rätsel auf, was seine ­innere Struktur betrifft. Warum verhält sich Wasser anders als ähnliche Flüssigkeiten? Es hat so viele Anomalien, die man wissenschaftlich noch nicht erklären kann, zum Beispiel, dass kälteres Wasser nicht absinkt, sondern nach oben geht und oben gefriert. Sie können auf einem Teich nur Schlittschuh laufen, weil sich das Wasser so komisch verhält. Jahr für Jahr gibt es neue Erkenntnisse über Wasser und sein Verhalten. Die Wissenschaft ist aber noch weit davon entfernt, ein geschlossenes Bild von dem Zustand und den Eigenarten des Wassers zeichnen zu können.
Vielleicht hat Wasser ja doch ein Gedächtnis, wie viele Esoteriker meinen.
Ich bin mir sicher, dass man in den nächsten 50 Jahren noch sehr, sehr viel entdeckt. Aber ich glaube nicht, dass das Gedächtnis des Wassers dazugehören wird. Denn ein Gedächtnis kann es nur geben, wenn es einen Informationsspender gibt, ein Transmissionsmittel, um die Info zu übertragen, und ein Speichermedium. Wie Wassermoleküle irgendetwas speichern sollen, kann ich mir nicht vorstellen. Und Esoteriker meinen ­sogar, die ganze Geschichte der Welt sei da gespeichert.