InterviewInterview Welthungerhilfe „Das Verteilungsproblem ist ein Skandal“

Von Katharina Sorg 

Weltweit müssen 930 Millionen Menschen hungern, obwohl genug Ressourcen für alle da wären, prangert Bärbel Dieckmann im Interview mit der Stuttgarter Zeitung an. Die Präsidentin der Welthungerhilfe fordert Verständnis und Einsatz in der westlichen Welt.

Zwei  Jungen in Dadaab, dem größten Flüchtlingscamp der Welt im Norden Kenias: hier  werden   rund 450 000 Menschen unter anderem von der Welthungerhilfe versorgt Foto: dpa
Zwei Jungen in Dadaab, dem größten Flüchtlingscamp der Welt im Norden Kenias: hier werden rund 450 000 Menschen unter anderem von der Welthungerhilfe versorgtFoto: dpa
Stuttgart – Bärbel Dieckmann kommt gerade aus dem Senegal zurück. Die Präsidentin der Welthungerhilfe ist das ganze Jahr in der Welt unterwegs und das in jenen Ländern, in denen die Menschen Hunger leiden. Im Gespräch mit Christian Gottschalk und Katharina Sorg erzählt sie, was sie an der Debatte über den Biokraftstoff E10 geärgert hat, wie die Zukunft der Sahelzone aussehen könnte und was jeder von uns anders machen müsste.
Frau Dieckmann, aktuell ist die Debatte über den Ökokraftstoff E10 in Deutschland wieder entbrannt. Diese Diskussion müsste Sie doch eigentlich glücklich machen, oder?
Wir begrüßen es, dass die Debatte geführt wird, nur wird sie zu einseitig geführt. Wenn Biosprit in Deutschland morgen abgeschafft wird, leidet deshalb nicht ein Mensch weniger Hunger in Afrika. Es ist einfach falsch zu suggerieren, das Hungerproblem ließe sich so lösen. Der Hunger in der Welt hat viele Ursachen, die Verwendung von Getreide zur Spritherstellung ist nur ein Faktor davon.

Dann soll der Biosprit also bleiben?
Nein. Wir fordern, dass Biosprit noch einmal auf seine Sinnhaftigkeit hin hinterfragt wird. Umso mehr, da mit ihm wohl auch nicht das gewünschte Ziel der Klimaverbesserung erreicht wird.

Aktuell warnen Experten vor einer Hungerkatastrophe wie im Jahr 2008. Wird es für Dauerkrisengebiete wie die Sahelzone je eine Entschärfung geben?
In der Sahelzone wird es langfristig Gebiete geben, die nicht mehr bewohnt werden können. Viele Hilfsorganisationen sagen, man dürfe nicht davon sprechen, weil das bedeutet, dass Menschen ihr Land verlassen müssen. Ich bin aber der Überzeugung, dass man der Wahrheit ins Gesicht sehen muss. Allerdings ist es auch in diesen Ländern möglich, die Menschen zu ernähren. Unsere Hauptaufgabe liegt darin, in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer zu investieren, damit sich die Menschen langfristig selbst versorgen können.
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3 KommentareKommentar schreiben

Wo liegt der wirkliche Skandal: Im letzten Jahrzehnt gab es im Sahel 2005/08/10 Dürre- mit Hungerkatastrophen. Jedes Mal Sammlungen mit enormen unkontrollierten Geldeinsatz. Mit dem Erfolg einer weiteren Katastrophe. Bei einem dreimonatigen Aufenthalt im Senegal musste ich mit Verwunderung feststellen, Mangos verfaulen am Boden, werden weder verfüttert noch kompostiert. Trocknungsanlagen für diese Früchte stehen in der Saison still. In dieser Region gibt es alle 20 –30 km NGO´s welche natürlich nicht kooperieren. Hier möchte die Worte von Frau Dieckmann kompromisslos unterstützen, Zitat : dass man der Wahrheit ins Gesicht sehen muss – und – es allerdings möglich ist das sich die Menschen in den Ländern selbst ernähren können. An sonst gibt es nicht das was wir als”Landraub” bezeichnen. Es weist darauf hin das es enorme Flächen gibt welche nicht wirtschaftlich bearbeitet werden. Der Skandal aus meiner Sicht ist die 50 jährige Arbeit der NGO´s in der EZA und das nichtbeschreiten des Weges einer Fehleranalyse. Gerhard Karpiniec Laxenburg/Österreich 45 Jahre mit der EZA verbunden.

Kein Hunger in Demokratien: Hunger gibt es dort, wo die politischen Verhältnisse nicht in Ordnung sind. Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen hat nachgewiesen, dass es in einer Demokratie mit Pressefreiheit noch nie eine Hungersnot gegeben hat. Die Ursachen von Hungersnöten sind in der Regel menschengemacht und selten naturbedingt. Die Ernährungssicherung hat in Afrika nur in wenigen Ländern die höchste Priorität. Das Nichtstun afrikanischer Regierungen schafft erst den Hunger, zu deren Lösung sie die Weltgemeinschaft auffordern, obwohl sie die einzige Macht sind, die in der Lage sind das Problem dauerhaft zu lösen. Trotz steigender Ernährungsunsicherheit und sinkender landwirtschaftlicher Produktion gehen mit Ausnahme von Äthiopien, Ruanda, Madagaskar, Malawi und Senegal nur fünf Prozent des Staatsbudgets in die Landwirtschaft. In vier genannten Ländern sind es 10 Prozent. In Äthiopien 15 %. Erst wenn die Geber die Illusion erkennen, dass sich Entwicklung nicht von außen steuern lässt (und es keine überzeugenden Argumente für immer mehr Hilfe gibt, wenn die Impulse für Entwicklung nicht aus dem Land selbst kommen) wird sich etwas ändern. Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor 'Afrika wird armregiert'

Aber den Rauchern Horrorbildern auf die Zigarettenchachteln kleben!: Wenn es nach mir gehen würde, hätte jeder Reiche und Mächtige an jeder Stulle und an jedem Büffet, Kühltheke oder der Speisekarte der Edelrestaurants Bilder von verhungerten, aufgeblähten Kindern zu sehen. Nach dem Motto: 'Fakten und du schaust tatenlos zu!' Aber wie abgebrüht die Menschen auf diesem Planeten stellenweise sind, ist erschreckend und vor allem irre abstoßend!

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