Interview zu Großbritannien Krawalle haben nichts mit Sozialkürzungen zu tun
Sebastian Borger, 11.08.2011 07:16 Uhr
vorherige Bild 1 von 3 nächste
In London sind schon unzählige Häuser und ganze Straßenzüge zerstört worden. Foto: dapd
In London sind schon unzählige Häuser und ganze Straßenzüge zerstört worden. Foto: dapd
Weitere Artikel
zum Thema

London - Frustration, das Fehlen bürgerlicher Werte und kriminelle Energie haben den Nährboden für die schweren Krawalle in Großbritannien bereitet, findet der Politologe Max Wind-Cowie. Der Hooligan-Effekt habe das Chaos verstärkt.

Herr Wind-Cowie, wer sind die Krawallmacher in London und anderen englischen Großstädten?

Es handelt sich um eine kleine Minderheit junger Leute. Sie sind in einem Umfeld aufgewachsen, das keine Autoritäten kennt. Dort ist Kleinkriminalität sowie Gewalt gegen Sachen und Personen völlig normal. So ist eine Subkultur junger Leute entstanden, die jeglicher Autorität gegenüber unglaublich feindselig eingestellt sind. Sie glauben, die Gesellschaft schulde ihnen etwas, und zwar sehr viel.

Damit spiegeln sie den Materialismus der britischen Gesellschaft.

Naja, natürlich wollten die Leute schon immer schicke Sachen haben. Aber die meisten verstehen doch, dass Konsum auf eigener Leistung und Arbeit beruht. Dieses Gefühl ist einer bestimmten Bevölkerungsschicht abhandengekommen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Staat ihnen seit drei, vier Generationen ein Leben ohne Arbeit finanziert.

Manche Politiker und Experten machen aber gerade die Auswirkungen der Sozialkürzungen für die Unruhen verantwortlich. Was halten Sie davon?

Ich finde es schockierend, wie verzweifelt manche Leute nach Ausreden suchen. Das ist ein zynischer Versuch, kriminelle Handlungen politisch auszunutzen.

Aber Sozialkürzungen gibt es wirklich, oder etwa nicht?

Die gibt es unter der Koalitionsregierung, ebenso hätte sie es unter einer weiteren Labour-Regierung gegeben. Aber wenn die Labour-Vizechefin Harriet Harman über die Kürzung einer Unterstützung für 16- bis 18-Jährige redet - denen dadurch eine längere Ausbildung ermöglicht werden soll -, dann weiß sie nicht, wovon sie spricht. Gerade für die Ärmsten, um die es ja angeblich geht, steht mehr Geld zur Verfügung. Von den Kürzungen sind vor allem Mittelschichtfamilien betroffen. Deren Sorgen werden übertragen auf die Gruppe von Randalierern, denen bürgerliche Werte nichts bedeuten.

Unter den ersten Angeklagten befanden sich allerdings Leute mit bürgerlichen Berufen wie Lehrer, Jugendarbeiter und Grafikdesigner. Wie passt das zusammen?

Es gab natürlich bei den Plünderungen einen Hooligan-Effekt: Aus der Menge heraus machen Leute Dinge, die ihnen normalerweise nicht einmal im Traum einfallen würden. Zumal dann, wenn die Polizei entweder gar nicht vor Ort ist oder erkennbar zögert einzugreifen. Das hat sich aber mittlerweile geändert.

Kommentare (11)
Anzeigen
AUG
12
maryfreund, 10:27 Uhr

Werter HansM. (@11.08/ 8:36 Uhr) vergessen wir auch nicht die GRÜNEN-Ikone J. Fischer

.....gemessen daran in was für ein Berufsumfeld diese Person gewechselt ist, müsste er sich heute täglich selbst mit Steinen bewerfen. Oder LINKEN –Chef K.Ernst, opulenter Lebemann und Porsche-Fetischist oder unser Russisch-Gas-Manager & Ex-Kanzler G.Schröder immerhin (und leider noch) SPD-Mitglied auch Ex- BP H. Köhler der aus nichtigen Gründen sein Job hinschmeißt und auf Lebenszeit weiter volles Salär kassiert. Nicht vergessen wollen wir die vielen “braven“ Bürger die Ihr Geld in der Schweiz (oder sonst wo) punkern und somit der Allgemeinheit entziehen. Es sind nicht NUR Bankster und Co. Unsere Gesellschaft bewegt sich insgesamt in eine bedenkliche Richtung. Da gehören Boni und Gehaltsexzesse (auch in Sport und Unterhaltung) genau so dazu wie am anderen Ende Billiglöhner (Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit),Kinder-und Altersarmut,etc.pp. Nicht zuletzt trägt die Inflation an plakativ und inhaltsleeren Castings-Show (u.ä) insbesondere bei jungen Menschen nicht unerheblich zur Fehlentwicklung der Werteordnung bei. Aber zurück zu den aktuellen Vorgängen in England,.... NICHTS rechtfertigt diese nächtlichen Brandschatzungen,Plünderungen,Gewaltbrutalität und Morde. Auch wenn man hier (Kommentare)noch so talentiert und oberflächlich diese Umtriebe zu rechtfertigen versucht. Mal ganz abgesehen davon,konterkarieren diese kriminellen Gewalttäter vollends die berechtigten und notwendigen Anliegen den sozialen Verwerfungen entgegenzutreten. Diesen Mob in England (oder anderswo)kann man trefflich mit dem “Schwarzen Block“ bei Demonstrationen friedlicher Bürger gegen die“braunen“ Dumpfbacken in dieser Welt vergleichen. #### Meine Anerkennung und mein Herz sind bei den zahlreichen & friedlichen Demonstranten in dieser Welt, wie zum Beispiel aktuell in Israel wo die Menschen lautstark “Das Volk will soziale Gerechtigkeit“ einfordern. Respekt ! In D ist es diesbezüglich viel zu ruhig , .…..noch. ### Hiermit schließe ausdrücklich den Streik der Fußball-Millionäre aus!!!

0
Kommentar bewerten
AUG
11
Die nächste Frage wäre:, 11:51 Uhr

Bedeuten denn "bürgerliche Werte" den neolliberalen Finanzakrobaten und Politikern irgendetwas?

Das sollte eine seriöse, neutrale Zeitung einmal fundiert recherchieren. Ich habe da so meine Zweifel. Und darüber hinaus geht von den "Finanzakrobaten und Politikern" meines Erachtens auch recht erhebliche Gewalt aus. Oder glaubt jemand, Kriege entstünden "aus dem Nichts"?

8
Kommentar bewerten
AUG
11
Frank, 11:29 Uhr

Beeindruckend

Die Argumentation ist nachvollziehbar, logisch und beeindruckend - oder doch nicht? Terroristen, Kriminelle stellen sich gegen die öffentliche Ordnung und müssen mit allen Mitteln bekämpft werden. Genau so tönt es allerdings auch von den Regierungen in Arabien, Iran, Russland etc.. Dass es soziale Spannungen gibt wird zwar zugegeben, ist aber zu 100% Schuld der arbeitsunwilligen Jugendlichen, die Konsumieren wollen ohne etwas zu tun und die die Autorität des Staates nicht mehr anerkennen. Wenn man mit einbezieht, dass ein Mann von der Polizei erschossen wurde, dass friedlicher Protest zuvor ignoriert und totgeschwiegen wurde, dann könnte es sein, dass ein Teil der Menschen vielleicht schon eine Message haben und nicht nur zerstören wollen. Bildung und frei zugängliche Schulen sind wichtig, aber wenn man dann wieder z.B. bei uns hört, dass die lernschwächeren Schüler die auf eine Hauptschule gehen quasi schon verloren haben und in Zukunft keinen guten Job finden können und immer mehr Menschen Arbeiten ohne genug für ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann läuft etwas schief. Fakt ist, dass viele Jobs in unserer Gesellschaft nicht mehr gebraucht werden, weil die Arbeit automatisiert wurde oder wo anderst günstiger gemacht wird. Die Menschen die diese Jobs gemacht haben und dafür qualifiziert waren bleiben auf der Strecke. Die Jugendlichen ohne gute Ausbildung kommen erst gar nicht so weit. Trotz allem wird Konsum gepredigt, wenns nötig auch auf Pump, damit unsere Wirtschaft nicht zusammenbricht. Dass die Proviteure der Globalisierung in UK, US und bei uns dann nach niedrigeren Solzialeistungen schreien, damit sie von ihrem Reichtum den sie auf kosten entlassener Arbeitnehmer und billiger Arbeit in 3. Welt Ländern gewonnen haben weniger abgeben müssen ist zynisch. Sie sollten sich lieber klarmachen, dass die Sozialeistungen der Preis sind, den sie zahlen müssen, damit die 99% die weniger, wenig oder gar nichts haben die 1% die sich alles nehmen in Ruhe in ihrem Luxus leben lassen. Dass dies ein recht labilies Gleichgewicht ist kann man jetzt in UK sehen. Wenn Menschen nichts mehr zu verlieren haben, dann werden sie irgendwann nicht mehr auf die Autoritäten hören und sich das nehmen was da ist und zu dem sie keinen Zugang mehr haben. Entweder die Gesellschaft schafft es diese Menschen zu integrieren und ihnen einen Sinn zu geben oder aber ...

9
Kommentar bewerten
Kommentar-Seite 1  von  4