Interview zu Großprojekten „Die Politiker sind oft massiv überfordert“

Ulrich Schreyer, 21.12.2012 15:16 Uhr
Stuttgart – Thomas Bauer ist Präsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. Dieser spricht für 2000 Unternehmen mit einem Umsatz von 43 Milliarden Euro und 250.000 Mitarbeitern. Im Interview spricht er über die Gründe für hohe Kostensteigerungen bei Großprojekten.
Herr Bauer: Stuttgart 21, Elbphilharmonie, Berliner Flughafen – sind die Kostensteigerungen bei solchen Projekten unvermeidlich?
Die Kostensteigerungen sind am Schluss nicht mehr vermeidlich (lacht). Sie müssten gleich zu Beginn eines Projekts vermieden werden. Bei der Elbphilharmonie wurde etwas ganz anderes gebaut, als am Anfang vorgesehen war. Bei öffentlichen Bauten ist es leider so, dass nur die Kostensteigerungen in die Öffentlichkeit getragen werden, nicht aber die verspätet geäußerten Wünsche des Bauherren.

Wo liegen die Fehler bei der Planung?
Bauwerke sind immer Prototypen. Wenn ein neuer Airbus entwickelt wird, weiß man am Anfang auch nicht so genau, was das letztendlich kostet. Stuttgart 21 etwa ist mindestens so komplex wie die Entwicklung eines Airbus. In Deutschland versuchen wir, diese komplexen Dinge in ganz sture Vertragsschemata zu pressen. Im Ausland werden Projekte partnerschaftlich bearbeitet. Der Bauherr sucht sich ein Bauunternehmen und einen Projektsteuerer, man ist sich über die grundsätzlichen Modalitäten bei der Abrechnung einig, und danach setzt man sich gemeinsam hin und versucht, das Projekt zu optimieren und die Probleme auszuräumen. Dann wird es deutlich billiger. In Deutschland macht man einen sturen Vertrag, alles andere geht dann über sogenannte Nachträge. Die Folge: in kürzester Zeit wird auf der Baustelle nur noch gestritten.

Sind Kostensteigerungen nur ein Problem bei öffentlichen Bauten? Wie ist es in der privaten Wirtschaft?
Solche Kostensteigerungen kommen bei öffentlichen Bauten deutlich häufiger vor als bei Bauten für die Industrie. Bei der Industrie hat man häufig einen partnerschaftlicheren Umgang miteinander. Vor allem: es gibt jemanden, der entscheiden kann und darf. Beim Staat ist das oft nicht so. Wir müssten aber mehr direkt auf den Baustellen entscheiden.

Was sind die Hauptursachen für Kostensteigerungen.
Ich denke, eine schlechte Planung. Bei großen Bauvorhaben ist eine ganze Reihe von Unternehmen mit von der Partie. Wenn man deren Handeln nicht richtig abstimmt, stören sie sich schon nach kurzer Zeit gegenseitig so massiv, dass enorme Kosten anfallen. Wenn ein großes Bohrgerät auf der Baustelle einen Tag stillsteht, kostet das 5000 bis 10 000 Euro. Und natürlich gibt es Risiken im Boden. Im Bergbau heißt es, hinter der Hacke ist es dunkel.

Sind Projekte wie der neue Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 zu groß oder zu schwierig?
Das glaube ich nicht. Solche Projekte kann man stemmen. Das Problem ist, dass beispielsweise Berlin glaubt, die Stadt könnte selbst einen Großflughafen bauen. Die Stadt hat das aber noch nie gemacht. Deshalb muss sie sich jemand holen, der dies kann.

Sind die öffentlichen Bauherren überfordert?
Die Politiker sind sicher massiv überfordert, wenn sie ein paar Hundert Seiten über ein Projekt lesen und verstehen müssen. Aber sie könnten das ja auch Fachleuten überlassen. Das Problem ist, dass Politiker sich zu viele Entscheidungen selbst vorbehalten.

Rechnen sich die Politiker ihre Vorhaben gerne schön?
Ich glaube nicht, das sie bewusst etwas schönrechnen. Aber die Projekte dauern derart lang, dass sich in der Bauzeit unheimlich viel verändert, auch die Preise. In zehn Jahren beträgt die Inflation 30 Prozent. Wenn ich vor zehn Jahren gesagt habe, ein Projekt kostet drei Milliarden Euro, kostet es zehn Jahre später eben vier Milliarden Euro. Und genau an dem Punkt fängt dann ein gewisses Schönrechnen an.

Wir haben über Projekte mit dramatischen Kostensteigerungen gesprochen. Was wären denn „normale“ Kostensteigerungen?
Dies wären die normalen Steigerungen für Löhne und Baustoffe, also auch die normale Inflation. Und akzeptabel wäre es natürlich auch, wenn etwas ein wenig teurer würde, weil man noch etwas verbessert. Das darf noch obendrauf kommen. Mehr aber nicht.