Interview zu Stuttgart 21 „Mit einem Scherbenhaufen ist keinem geholfen“

Markus Heffner, 11.02.2013 17:46 Uhr
Stuttgart - Alexander Kirchner, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn AG und Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, beziffert die Chance für Stuttgart 21 auf 50:50.
Herr Kirchner, wie steht der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn denn nun zum umstrittenen Projekt Stuttgart 21?
Es ist zunächst nicht unser Job, das Projekt zu bewerten oder gar Verbesserungsvorschläge zu machen. Wir müssen lediglich über den Antrag des Bahn-Vorstands entscheiden, der die Mehrkosten von 1,1 Milliarden Euro selber tragen will.

Sind Sie dafür oder dagegen?
Bevor der Aufsichtsrat solch eine Entscheidung treffen kann, müssen meiner Meinung nach erst noch die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dabei sehe ich nun die Projektbeteiligten am Zug.

Von denen Sie was erwarten?
Wenn das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart sich nicht an Mehrkosten beteiligen wollen, dann müssen sie Alternativen aufzeigen und erklären, ob sie dafür Geld ausgeben werden. Und auch der Bund als Eigentümer der Bahn hat sich noch nicht klar positioniert. Alle diese Fragen müssten vor einer Entscheidung beantwortet werden – und zwar von den Projektpartnern gemeinsam.

Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr, der Aufsichtsrat tagt ja schon am 5. März.
Dieser Termin ist in der Tat vom Vorsitzenden avisiert worden, aber er ist noch nicht bestätigt. Die Entscheidung wird wohl in den nächsten Tagen fallen. Klar ist natürlich, dass die Uhr tickt. Das Projekt wird mit jedem Tag teurer, daher . . .

.. . . wäre ein Ausstieg die beste Lösung?
Ein Ausstieg könnte letztlich genauso katastrophal wie ein Weiterbau ohne gesicherte Finanzierung enden. Ein Projektabbruch kostet aus heutiger Sicht wohl zwei Milliarden Euro – ohne dass man dann einen funktionsfähige Hauptbahnhof in Stuttgart hat. Mit einem Scherbenhaufen ist niemandem geholfen. Auf der anderen Seite wäre es aber genauso falsch, jetzt einfach nach dem Motto „Augen zu und durch“ zu verfahren. Die Projektpartner müssen sich daher auch gemeinsam über Alternativen Gedanken machen und offen darüber diskutieren.

Welche Chancen geben Sie dem Projekt Stuttgart 21 noch?
So wie die Dinge derzeit liegen, steht es wohl 50:50, ob der Stuttgarter Bahnhof nun gebaut wird oder nicht.