Noch nie hat ein Streit über ein Projekt eine deutsche Stadt so aufgewühlt wie Stuttgart 21, sagt der Protestforscher Dieter Rucht. Der Konflikt sei in dieser Hinsicht einzigartig.

Stuttgart – - Noch nie zuvor hat die Auseinandersetzung über ein Großprojekt eine Stadt in Deutschland so aufgewühlt und politisiert, sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. Der Konflikt über Stuttgart 21 sei in dieser Hinsicht einzigartig. Im StZ-Interview spricht Rucht, ein Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, über selbstbewusste Bürger und die Gründe dafür, warum viele Gegner nach dem Volksentscheid nicht lockerlassen.
Herr Rucht, der Volksentscheid über die Landesfinanzierung von Stuttgart 21 ist vorbei. Das Ergebnis war eindeutig, aber der Protest geht weiter.
Ich habe nicht erwartet, dass sich der Protest sofort auf ein Häufchen reduziert, sondern dass immer noch Tausende bei den Demonstrationen weiter dabei sind. Das kann, allerdings in verringertem Umfang, jahrelang weitergehen – so ähnlich wie beim Widerstand gegen das Atomkraftwerk Gundremmingen, wo seit Jahrzehnten eine kleine Gruppe wöchentlich eine Mahnwache abhält.

Das geschieht aber weitgehend unbeachtet.
Ja, das sind Unentwegte. Sie rücken auch deshalb nicht von ihrem Protest ab, weil sie vor sich selbst nicht mehr bestehen würden. Sie sehen sich als Unbeugsame, die aus Überzeugung dabeibleiben. In zugespitzter Form findet man das bei Sekten. Damit will ich nicht sagen, dass die Stuttgart 21-Gegner eine Sekte sind. Sie sind sozial keineswegs isoliert. Und sie haben Argumente.

In Stuttgart hat sich eine regelrechte Protestkultur entwickelt, und für manche ist daraus sogar ein soziales Netz entstanden.
Beim Protestieren kann so etwas wie eine größere Familie oder ein soziales Netz entstehen. Man kennt sich, man schätzt sich und man beobachtet, wie viel die anderen in den Protest investieren. Wenn man sieht, dass sie viel tun, dann erwächst daraus eine Verpflichtung mitzuziehen. Das ist ein unausgesprochener Treueschwur: „Wir müssen zu unserer Sache stehen!“ Wer abwandert, kann sozial sanktioniert werden; es kann ein Gesichtsverlust drohen.

Ein prägender Wesenszug beim Streit über Stuttgart 21 war die Wagenburgmentalität auf beiden Seiten. Die Meinung der anderen wurde lange nicht respektiert.
Der Straßenprotest erfordert eine Zuspitzung und damit eine Frontbildung. Protest auf der Straße heißt, Dinge zu vereinfachen und auf den Punkt zu bringen. Damit markiert man einen grundsätzlichen Meinungsunterschied oder gar eine Kampfsituation: David gegen Goliath. Oder die Bürger gegen den Staat.

Das ist sehr plakativ . . .
. . . ja, aber es heißt nicht automatisch, dass der Protest intellektuell schmalbrüstig wäre. Gerade bei Stuttgart 21 haben sich die Gegner sachkundig gemacht. Beide Seiten haben ein breites argumentatives Repertoire – und beide reden oft aneinander vorbei. Die einen reden dann von Zeitersparnis, die anderen von den hohen Kosten oder den drohenden Gefahren, beispielsweise für das Grundwasser.

Der Volksentscheid hat dem Projekt eine Richtung gewiesen – was können die Projektträger dafür tun, um langfristig für eine Befriedung zu sorgen?
Eine Politik des rigorosen Durchziehens wäre grundverkehrt. Dieses Muster hat schon in der Vergangenheit die Gegner aufgebracht. Wenn das weitergehen würde, würde es die Fronten erneut verhärten. Kommunikation und Argumentation sind gefragt. Ein harter Kern von Gegnern wird weiter protestieren. Sie sind überzeugt, dass sie die besseren Argumente haben und dass diese im Zuge des Volksentscheids nur nicht entsprechend zum Tragen kamen. Deshalb fühlen sie sich immer noch argumentativ und moralisch überlegen.