Interview zum Anthropozän „Die Erde wie eine Stiftung behandeln“

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Bislang lebt der Mensch wie ein Parasit auf der Erde – und er verändert die Welt in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. Der Geobiologe Reinhold Leinfelder plädiert deshalb für die Einführung eines neuen geologischen Zeitalters. Eine nachhaltige Entwicklung sei nur möglich in Form einer Symbiose von Mensch und Erde.

Meere, Gletscher und Wälder: überall hinterlässt der Mensch seine Spuren.
Fotos:AFP (2), dpa Foto:  
Meere, Gletscher und Wälder: überall hinterlässt der Mensch seine Spuren. Fotos:AFP (2), dpa Foto:  

Stuttgart - Der Mensch verändert die Welt wie kaum eine andere Spezies. Der Geobiologe Reinhold Leinfelder plädiert deshalb für die Einführung eines neuen Erdzeitalters namens Anthropozän. Im Interview spricht er über die Hintergründe und Wege in eine nachhaltigere Zukunft.

Herr Leinfelder, was werden Geologen in ein paar Tausend Jahren auf dem Gebiet einer heutigen Großstadt finden?
Eine Menge Technikfossilien: Betonfragmente, verrostetes Eisen, Bitumen von Straßenbelägen, Kupfer oder Glas aus Fenstern und Glasfaserkabeln. Dazu extrem viel elementares Aluminium, das in der Natur so nicht vorkommt. Die Forscher werden auch auf Kunststoffe stoßen, die es zu ihrer Zeit vielleicht gar nicht mehr geben wird, auf radioaktiven Fallout und Rußpartikel, die von Industrieanlagen, Heizungen und Motoren ausgestoßen wurden. Unsere Zivilisation hinterlässt aber auch viele biologische Spuren.
Zum Beispiel?
Blattabdrücke und Samen von Ginkgos, Pappeln und Platanen. Oder Knochen und Zähne von Haustieren und Ratten. Auf einen Tiger kommen heutzutage 200 000 Hauskatzen. Nimmt man die landwirtschaftlichen Nutztiere dazu, entfallen 90 Prozent der Säugetier-Biomasse auf den Menschen und seine Tiere.
Unsere Zivilisation verändert aber auch das Klima und den gesamten Naturhaushalt.
Richtig. Dafür gibt es jede Menge Belege: die massiv gestiegene CO2-Konzentration in der Atmosphäre oder die extreme Landnutzung. Drei Viertel des eisfreien Festlands sind nicht mehr in natürlichem Zustand. Wir tragen Berge ab, graben Täler, bauen Stauseen und haben damit einen enormen Einfluss darauf, wo sich neue Sedimente ablagern. Oder nehmen Sie das rasante Artensterben.
All das rechtfertigt die Einführung eines neuen Erdzeitalters?
Das entscheidende Kriterium ist, dass es weltweit geologisch manifeste Spuren gibt. Und das ist nach Ansicht unserer Arbeitsgruppe der Fall. Ursprünglich geht der Begriff Anthropozän auf den Nobelpreisträger Paul Crutzen zurück, dem wir die Entdeckung der Ursachen des Ozonlochs verdanken. Offiziell leben wir ja noch im Holozän, einer fast 12 000 Jahre währenden Phase mit relativ stabilen Bedingungen, die es den Menschen erst ermöglicht haben, sich niederzulassen. Doch diese Stabilität gerät zunehmend ins Wanken.
Nicht nur der Mensch hat die Erde tiefgreifend verändert. Vor Jahrmilliarden erfanden Bakterien die Fotosynthese. Die Folge war ein massiver Anstieg des Sauerstoffgehalts in der Atmosphäre, der die Entstehung komplexerer Lebensformen beförderte.
Nicht nur Sauerstoff produzierende Bakterien haben die Erde umgekrempelt. Da gab es zum Beispiel die Meeresorganismen, aus deren Skeletten Kalkstein entstanden ist. Oder die großen Wälder, die sich vor gut 300 Millionen Jahren bildeten. Die entzogen der Atmosphäre so viel CO2, dass sich der Treibhauseffekt abschwächte und eine Eiszeit begann. Stark verändert wurde die Welt auch durch die Entstehung von Gräsern – also von Pflanzen, die immer wieder nachwachsen. Das hat das Klima stabilisiert, die Entwicklung von Pferd und Rind befördert und die Basis für die Landwirtschaft gelegt.
Was ist das Besondere an den Veränderungen durch den Menschen?
Es ist die unglaubliche Geschwindigkeit, in der diese Änderungen passieren. Die Entwicklungen, über die wir gerade gesprochen haben, dauerten Jahrmillionen. Wir pusten dagegen in kurzer Zeit so viel CO2 in die Atmosphäre, dass alle Puffersysteme des Planeten überfordert sind. Die fossilen Energieträger, die wir in 150 Jahren verbrennen, sind aus überschüssiger Biomasse entstanden, die die Natur in rund 350 Millionen Jahren gebildet hat. Gegenüber anderen Organismen hat der Mensch aber einen Vorteil: Wir sehen, was wir machen, wir können es erforschen und uns Gegenstrategien überlegen.
Allerdings fällt es dem Menschen schwer, auf abstrakte Bedrohungen wie den Klimawandel zu reagieren.
Das ist in unserem evolutionären Erbe verankert. Wenn es im Busch wackelt, sind wir sofort in Alarmbereitschaft. Denn dahinter könnte ja ein Tiger lauern. Konkrete Gefahren erscheinen uns realer als nicht unmittelbar erfahrbare. Trotzdem kann der Mensch dazulernen und sein Verhalten ändern. Wir leben auch nicht mehr von der Jagd, sondern haben uns niedergelassen und treiben Vorratshaltung.
Was sollten wir tun?
Wenn der Mensch tatsächlich ein geologischer Faktor geworden ist, müssten wir mit dem Wissen, das wir mittlerweile haben, die Dinge auch ins Positive wenden können. Es gibt aber nicht den einen Knopf, den wir drücken können, und alles ist gut. Wir müssen an vielen Schrauben drehen und über Fachgebietsgrenzen hinweg zusammenarbeiten. In kleinem Umfang könnte zum Beispiel die unterirdische CO2-Speicherung die Erderwärmung bremsen. Angesichts des steigenden Meeresspiegels wäre es auch vernünftig, bewohnte Küsten besser zu befestigen.
Müssen wir Verzicht üben?
Weniger Ressourcen und Energie zu verwenden ist sicher Teil der Lösung. Wir könnten zum Beispiel weniger Fleisch essen oder als Vegetarier leben. Wichtig wäre auch die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft, in der wir Ressourcen immer wieder verwenden. Die gesamte Energie, die wir brauchen, müsste aus regenerativen Quellen stammen. Verpackungen müssten kompostierbar oder essbar sein. Das klingt utopisch, doch in diese Richtung müssen wir gehen.
Andere setzen lieber auf Hightech.
Technik ist ein Teil des Problems, kann aber auch ein Teil der Lösung sein. Wir könnten die Natur etwa dadurch entlasten, dass wir Nahrung dort produzieren, wo wir sie brauchen: in den Städten. Wir könnten gigantische Hochhäuser aus carbonverstärkten Materialien bauen, in denen Pflanzen wachsen. Vielleicht kommt unser Essen eines Tages auch aus dem 3-D-Drucker. Von keinem dieser Konzepte würde ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen, das ist kompletter Unsinn. Das kann man alles denken, und es kann auch Mischungen davon geben.
Auch das Anthropozän-Konzept rückt den Menschen in den Mittelpunkt. Für die Natur sind wir doch gar nicht so wichtig.
So eine Betrachtung hilft nicht weiter – vor allem nicht den Organismen, die durch unseren Lebensstil bedroht sind. Auch die Hirngespinste von der Auswanderung auf den Mars sind eine Spielart dieses Fatalismus – nach dem Motto: Es ist ohnehin zu spät, die Erde zu retten. Letztlich sind das Ausreden, um zu rechtfertigen, dass man nichts zu ändern braucht. Natürlich braucht uns die Erde nicht. Es geht aber nicht nur um uns, es geht auch um die Wale, den Koala und den Regenwald – die gehen mit uns kaputt, wenn wir so weitermachen.
Wie viel Zeit haben wir noch?
Es ist später als fünf vor zwölf. Das heißt nicht, dass wir morgen alle Kohlekraftwerke abschalten müssen, aber wir müssen es jetzt in die Wege leiten. Wir müssen ein Erdsystem schaffen, in dem wir und künftige Generationen ein Auskommen haben. Wir brauchen ein Umdenken vom Parasitismus zu einer Symbiose von Mensch und Erde als Teile eines Gesamtsystems. Dabei kann das Anthropozän-Konzept helfen.
Das klingt ziemlich pathetisch.
Vielleicht. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse alleine reichen nicht. Wir brauchen auch Bilder, die die Verantwortung des Menschen greifbar machen. Man könnte die Erde zum Beispiel mit einer Stiftung vergleichen. Eine Stiftung funktioniert langfristig nur, wenn sie von ihren Erträgen lebt. Doch wir verfrühstücken das Stiftungskapital gleich mit.