InterviewInterview zum politischen Aschermittwoch „Der Tabubruch macht uns Menschen Spaß“

Von Laura Backes 

Beim Politischen Aschermittwoch werden Schamgrenzen überschritten, sagt der Tübinger Rhetorik-Professor Dietmar Till. Der politische Gegner werde herabgesetzt, beleidigt und beschimpft. Dennoch sei die Redekultur in Deutschland heute eher langweilig.

Franz-Josef Strauß hat den politischen Aschermittwoch in Bayern begründet Foto: dpa
Franz-Josef Strauß hat den politischen Aschermittwoch in Bayern begründetFoto: dpa
Stuttgart - Am Politischen Aschermittwoch übertrumpfen sich die Redner mit Seitenhieben auf den politischen Gegner. Doch der Rhetorikforscher Dietmar Till beobachtet eine wachsende Zurückhaltung.
Herr Till, was hat es mit dem Ritual des Politischen Aschermittwochs auf sich?
Das ist ein überwiegend bayerisches Event mit langer Tradition. Nach dem Krieg wurde der Aschermittwoch von der CSU zu einem Ereignis gemacht, an dem Politiker Klartext sprechen. Meiner Ansicht nach ist das in gewisser Weise eine Fortsetzung des Faschings über die eigentliche Schwelle hinaus. Da kann man als Politiker mit dem Gestus des Wahrheitsverkünders sprechen, auch wenn dieser Gestus in hohem Maße inszeniert ist.

Wo liegen rhetorisch gesehen die Unterschiede zu gewöhnlichen Reden?
Es wird eine Schamgrenze überschritten. Während wir im Bundestag ganz klare Regeln haben, was man sagen darf und was nicht, sind an diesem Tag Beleidigung und Herabsetzung, ja Beschimpfung, des politischen Gegners erlaubt.

Was macht eine gute Rede am Aschermittwoch aus?
Wenn Tabus gebrochen werden, wenn Schranken fallen – das macht Reden am Aschermittwoch gut und zu einem Ereignis. Wenn jemand mal richtig austeilt, macht uns Menschen das Spaß. Außerdem sind emotionale Reden wirksam, weil sie den Redner authentisch wirken lassen.

Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird eine Rede halten. Was ist zu erwarten?
Steinbrück ist ein intellektueller Rednertypus, der aber auch kraftvoll sprechen kann. Sein Hang zur Ironie könnte allerdings zum Problem werden, weil die in der politischen Kommunikation fast nie gut ankommt. Zudem hat er im Bundestag keine herausragenden Reden gehalten, seit er Kanzlerkandidat ist. Er wirkt vorsichtig und regelrecht gehemmt.

Davor waren seine Reden besser?
Ja, davor hat er deutlich bessere Reden gehalten. Das heißt, dass er seine Rolle offensichtlich noch finden muss in diesem Wahlgeschäft, wahrscheinlich auch innerhalb der SPD. Es kann für ihn also ein wichtiger Punkt sein, in Vilshofen eine gute programmatische Rede zu halten.
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