Interview zum Thema Ticketverkauf „Ein risikoreiches Geschäft“

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Jens Michow ist Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft. Er erläutert im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung, warum heute lange Vorverkaufsfristen üblich sind, und warum es keine Absicherung gegen den Konkurs von Veranstaltern gibt.

Jens Michow, Sprecher des Veranstalterverbandes hält Ticketversicherungen für unrealistisch. Foto: Klaus Westermann
Jens Michow, Sprecher des Veranstalterverbandes hält Ticketversicherungen für unrealistisch.Foto: Klaus Westermann

Berlin - Jens Michow ist ein auf Medienrecht spezialisierter Anwalt aus Hamburg. Seit 1985 ist er auch Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft. Thomas Wüpper hat mit ihm unter anderem über das Risiko sehr langer Vorverkaufsfristen gesprochen.

Was sagen Sie zum Ärger der Kylie-Minogue-Fans?
Wenn Konzerte wegen Pleiten von Veranstaltern abgesagt werden müssen und die Fans das Geld nicht zurückbekommen, ist der Ärger verständlich. Solche Fälle wie nun bei Creative Talent kommen aber in Deutschland selten vor. Zum Glück, denn der Imageschaden trifft die ganze Branche und die Künstler.
Warum sind Fans bei Ticketkäufen nicht besser abgesichert?
Absicherungssysteme wären sicher sinnvoll, kosten aber Geld und müssen von jemand bezahlt werden. Das ist das Problem. Auch unser Verband hat das geprüft, aber leider bisher keine Lösung gefunden.
Warum nicht?
Eine Insolvenzversicherung oder ein Fonds müssten vom Kunden oder den Unternehmen finanziert werden. Umfragen zeigen, dass die Ticketkäufer kaum bereit sind, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Und die Branche kann das auch nicht finanzieren. Veranstalter, die seit Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft sind, wollen nicht das Insolvenzrisiko für andere mittragen, die vielleicht neu am Markt sind.
Das Problem wird durch die längeren Vorverkaufszeiten verschärft. Manchmal werden Karten ein Jahr vorher angeboten. Das erhöht das Risiko für den Kunden einseitig.
Ich erinnere mich gut, welche Aufregung es gab, als vor Jahrzehnten erstmals ein Jahr im Voraus verkauft wurde, und zwar für eine Tour von Peter Maffay. Das fand viele Nachahmer und ist heute bei größeren Stars schon Standard. Der frühe Vorverkauf ist eine Folge der Marktentwicklung der letzten Jahre und nicht zuletzt auch der Tatsache, dass das Livegeschäft für Künstler heute die dominierende Einnahmequelle ist. Zudem können Künstler und Veranstalter so auch besser den Bedarf von Zusatzkonzerten absehen.
Also profitieren auch die Künstler?
Gerade internationale Stars legen den Vorverkaufsbeginn in ihren Verträgen fest und erwarten bereits bis zu sechs Monaten vorher eine Auszahlung der Einnahmen aus dem Vorverkauf. An der Absage der deutschen Konzerte von Kylie Minogue lässt sich das gut erkennen. Nun will der Insolvenzverwalter die Künstlerin auf Rückzahlung der Vorauszahlungen verklagen.
Und welche Vorteile hat der Kunde bei einem langen Vorverkauf ?
Die Fans können sich frühzeitig Wunschtickets sichern und besser planen. Es wird ja niemand gezwungen, schon lange vorher die Karten zu kaufen. Wenn man Pech hat, ist das Konzert allerdings ausverkauft. Das ist das Risiko, wenn man zu lange wartet oder die Abendkasse nutzen will. Da muss man halt abwägen.
Rechnen Sie mit weiteren Pleiten?
Nein. Konzertveranstaltungen sind allerdings ein höchst risikoreiches und leider auch immer spekulatives Geschäft, gerade in unserer schnelllebigen Zeit. Auf ausverkaufte Konzerte einer Tournee können beim nächsten Mal durchaus halbvolle Hallen folgen. Creative Talent war eine seriöse Agentur und einer der größeren und erfahrenen Anbieter am deutschen Markt. Die Insolvenz ist deshalb umso bedauerlicher und gewiss kein Grund zur Schadenfreude.