Interview zur Beschneidung „Der Politik fehlt wohl der Mut“

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Der integrationspolitische Sprecher der Grünen, Memet Kilic, zweifelt, ob er seine Jungen noch beschneiden lässt. Der Politik traut der Grüne in dieser Grundsatzfrage wenig zu.

Der integrationspolitische Sprecher der Grünen, Memet Kilic,  steckt nach dem Kölner Urteil in der gleichen Zwickmühle wie andere muslimische Eltern. Foto: dapd
Der integrationspolitische Sprecher der Grünen, Memet Kilic, steckt nach dem Kölner Urteil in der gleichen Zwickmühle wie andere muslimische Eltern.Foto: dapd
Stuttgart Nach dem umstrittenen Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung steckt der integrationspolitische Sprecher der Grünen in der gleichen Zwickmühle wie andere muslimische Eltern. Der Richterspruch ermahne, die Traditionen zu überprüfen, sagt Memet Kilic.
Herr Kilic, lassen Sie Ihre beiden Söhne jetzt noch beschneiden?
Darüber muss ich noch mit meiner Frau reden. Vermutlich wären wir einfach der Tradition gefolgt. Nun hat mich das Urteil aber nachdenklich gemacht. Die beiden sind ein und acht Jahre alt. Es könnte womöglich besser sein, wenn meine Söhne in späteren Jahren selbst entscheiden dürfen, ob sie dieses Merkmal unserer Religion tragen wollen oder nicht. Denken Sie nur daran: im Petitionsausschuss beschäftigen wir uns gerade damit, ob man Pferde wirklich brandmarken muss oder ob es nicht mildere Verfahren gibt. Da sollte die Frage nach der Beschneidung kleiner Jungen auch kein Tabu sein.

Stünden ihre Jungen dann gegenüber andern Gläubigen als Außenseiter dar?
Traditionen wandeln sich zum Glück. Es gibt heute keine religiös begründeten Menschenopfer mehr. Die Beschneidung von Mädchen ist zu Recht verboten. Viele Sitten, die früher als unumstößlich galten, haben sich geändert. Die Glaubensgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen, fordern zum Gebrauch der Vernunft auf. Das heißt: neue Einsichten erlauben es auch, alte Praktiken zu ändern.

Kirchen, Muslime und Juden beklagen, das Gericht habe die Religionsfreiheit verletzt, zu Recht?
Die Diskussion um Veränderungen sollte sensibel geführt werden. Bisher läuft sie viel zu reflexhaft ab. Ich verstehe das Urteil als einen Denkanstoß, der der Justiz in einem säkularen Staat durchaus zukommt. Wenn alle Religionen gemeinsam sich gegen den Richterspruch wenden, kommt bei mir der Verdacht auf, sie verteidigen auch ihren eigenen Machtbereich.

Viele befürchten, dass nun Pfuscher die Eingriffe vornehmen. Ist das eine Gefahr?
Das war schon bisher eine Gefahr, jedoch kann es sich noch zuspitzen. Allerdings darf die Einordnung der Lebensverhältnisse durch den Rechtsstaat sich nicht allein mit der einfacheren oder sichereren Handhabe begründen. Ansonsten könnte man dieser Argumentation folgen und auch die Mädchenbeschneidungen in Deutschland erlauben, damit diese hygienischer gestaltet werden. Dies wäre offensichtlich ein Irrweg. Daher muss man an die Religionsgemeinschaften appellieren, dass sie sich an der gesellschaftlichen Diskussion dahin gehend beteiligen, ob es nicht sinnvoll wäre, bis zur Religionsmündigkeit der Jungen abzuwarten.

Ist es aufgrund der unheilvollen deutschen Geschichte nicht undenkbar, hier Juden die Beschneidung zu untersagen?
Das ist tatsächlich ein schwer wiegender Aspekt. Nicht zuletzt deshalb bin ich gar nicht dafür, nun schnelle Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir sollten uns Zeit für eine gründliche Debatte nehmen. An deren Ende kann durchaus auch stehen, dass sich an den bisherigen Verfahren wenig ändert.

Muslime und Juden verlangen nun eine rechtliche Klarstellung. Kann die Politik dies leisten?
Da habe ich meine Zweifel. Es ist ja eine Frage, die niemals für alle Seiten befriedigend zu lösen ist. Vielleicht wäre eine Regelung ähnlich wie in Schwangerschaftskonflikten ein Ausweg. Dann würde festgeschrieben, dass eine Beschneidung kleiner Jungen zwar verboten ist, aber straffrei bleibt. Und man würde fordern, dass alles medizinisch korrekt ablaufen muss und überdies möglichst bis zur Religionsmündigkeit der Kinder gewartet werden soll. Ich nehme aber an, dass der Politik am Ende doch der Mut fehlen wird und schließlich das Bundesverfassungsgericht die Sache entscheiden muss.
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14 KommentareKommentar schreiben

mich wundert: fast nicht, daß mein letzter Kommentar nicht freigeschaltet wurde, er war in der Tat recht offenherzig und direkt. Obwohl ich auch beim nochmaligen Durchsehen nichts verwerfliches daran finde. Provozierend ja, falsch nein. Und wenn hier jemand in der Debatte _Mut_ fordert, dann muß er sich auch auf die Debatte einlassen. Und wenn ich gerade die jüngsten Einlassungen der Grünen lese, brauchen wir noch viel mehr Mut als bisher, die Grünen machen sich nämlich für mich langsam unwählbar. Eben _wegen_ ihres Heidschibumbeidschimultikultiflauschikuschelkurses. Ich bitte dies auch als Anfrage an die Redaktion zu verstehen, wo das Problem mit meinem Beitrag von heute morgen liegt. War _DAS_ schon zu hart? Liebe Leute, was muten wir eigentlich einem Beschneidungsopfer zu? Und da war _DAS_ schon zu hart? Detlef Bosau

@Bürger: Ich habe mir eben erlaubt, Ihnen mal eine Positivbewertung zu geben. Nun gut, die Bewertungen, die hier angezeigt werden, sind nicht immer nachvollziehbar. Lassen Sie mich die Gelegenheit Nutzen, auf die Situation in Schweden einzugehen. Dort ist die religiöse Beschneidung im Alter von bis zu 2 Monaten straffrei, bei älteren Jungen strikt verboten, und das seit dem 1. Oktober 2001. Zumindest finde ich es so im WWW, ich recherchiere das gerne nochmal genauer. Der Kölner Fall wäre dort schon seit 11 Jahren strafbar - und kein Muslim regt sich darüber auf. Der Verdacht, daß wir in Deutschland etwas weniger genau hinschauen, wenn hier Rituale 'importiert' werden, drängt sich leider auf. Auch wenn die Altersgrenze in Schweden einen eindeutigen Lobbyismus erkennen läßt. Im Kern ist aber wichtig: Es ist schlicht gelogen, wenn uns Verbände erzählen, die Strafbarkeit der MGM sei ein rein deutsches Phänomen. Wir geben einfach zu leichtfertig Grundrechte preis, nur um unser Land an alle möglichen Menschen zu integrieren. Ich sage es mal ganz deutlich: Wer in Deutschland leben will, der tue dies bitte im Rahmen der hier geltenden Gesetze und Regeln - oder er tue dies nicht. Insbesondere Diskussionen, die hier auf einen Austausch der Verfassung hinauslaufen, nur damit hier die 'Sünnet' beibehalten werden darf, laufen derzeit befremdlich laut.

Trennung von Staat und Kirche: Die im Grundgesetz festgeschriebenen Grundrechte basieren auf dem Prinzip des Naturrechts im Sinne der Anerkennung der Existenz unveräußerlicher Menschenrechte. Diese Grundrechte wie die Würde des Menschen, das Prinzip der Gleichheit aber auch das Recht auf freie Meinungsäußerung oder auch die Religionsfreiheit können entsprechend dieses Prinzips nicht die Eltern stellvertretend für ihre Kinder ausüben. Wenn sie ihnen wie mit der Beschneidung ein äußerlich sichtbares und unumkehrbares Symbol für eine Religionszugehörigkeit verpassen lassen, so geschieht genau dies. Es werden die Bürgerrechte des Kindes verletzt. Die Kritiker des Kölner Urteils verlangen genau das. Hier muss der Staat klare Kante zeigen und darf sich auf keine Diskussion einlassen, weder mit den Juden, noch den Muslimen oder irgendwelchen Naturreligionen. In Deutschland gilt das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche. Deshalb gehe ich noch einen Schritt weiter. Die in das Grundgesetz übernommenen Weimarer Kirchenartikel haben sich überlebt und gehören ersatzlos gestrichen. Religon ist Privatsache. Wem das nicht passt, der muss dorthin gehen, wo man es anders sieht.

@Herrn Hertlein: Gläubige Juden müssen hier auch nicht nachgeben. Genausowenig wie Anders Breivik nachgeben muß, wenn er meinte, aus religiöser Überzeugung über 70 Menschen umbringen zu müssen. Für beide gilt dasselbe: Sie müssen nicht nachgeben. Sie müssen einfach nur die Gesetze achten. Wenn Sie mir die Anleihe bei Ephraim Kishon erlauben: Ein gläuubiger Jude darf gerne am Jüngsten Tat vor dem Ewigen auf die Knie fallen: 'Oh Ewiger! Die Ungläubigen haben mir verboten, den Knaben beschneiden zu lassen!' Wenn dann der Ewige meint, den Juden aus falschem Fetischismus heraus bestrafen zu müssen, dann ist das ein Gott, den ich nicht mehr ernst nehmen kann. Ein Jude darf, wie alle Menschen, glauben was er will. Nur: Er darf keinem kleinen Jungen die Genitalien verstümmeln, an der Wunde rumreißen (Perija) und das zerfetzte Glied noch aussaugen (Mezizah), also daß da die rkK eine etwas merkwürdige Haltung hat, wundert mich angesichts der Vorfälle aus dem Internat St. Blasien nicht wirklich. Wem das nicht reicht: Nach Pflegewiki und Beschneidung googlen. Aber bitte: Das ist 'Schwarzbrot' und nichts für schwache Nerven. Wer einem Kind die Genitalien kaputtschneidet, der ist hier in Stuttgart hochwillkommen: In einer schönen Hotel Pension im Ortsteil Stammheim hat man wohl einige Leerstände. Detlef Bosau

@Herrn Moysich: Ich teile Ihre Sicht der Dinge. FYI: Das Urteil des LG Köln ist rechtskräftig. Eine Revision nicht mehr möglich. Auf jüdischer Seite versuchtm an daher gerade die Brechstange, wobei ich diesen Fall unerträglich zynisch finde: http://kuerzer.de/Beschneidung_Fuerst Hier wird ein Säugling für extremistisch-judaistische Propganda mißbraucht, schlimmer kann man ein neugeborenes Leben nicht mehr vergewaltigen. Ich habe übrigens gegen RA Michael Fürst, Hannover, Strafanzeige wegen des Verdachts auf Billigung und Belohnung von Straftaten (Par. 140 StGB) erstattet und würde mich freuen, wenn sich möglichst viele anschließen könnten.

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