Interview zur Schließung der Werkrealschulen „Wir brauchen endlich ein klares Konzept“

Von Inge Jacobs 

Die Schulverwaltung empfiehlt die Auflösung von 18 Werkrealschulen im Stadtgebiet. Auch die Heusteigschule im Stuttgarter Süden steht auf der Streichliste. Der Schulleiter Jochen Schmidt-Rüdt sieht eine Chance als Gemeinschaftsschule.

Die Heusteigschule gehört zu den Werkrealschulen, die geschlossen werden sollen. Foto: Steinert
Die Heusteigschule gehört zu den Werkrealschulen, die geschlossen werden sollen.Foto: Steinert

Stuttgart - Die massive Abwendung von den Werkrealschulen trifft auch die Heusteigschule im Stuttgarter Süden. Dort besuchen zwar immerhin noch 25 Kinder die fünfte Klasse. Dennoch empfiehlt die Schulverwaltung die Auflösung dieser Schulart, wie bei 17 weiteren Standorten im Stadtgebiet.


Herr Schmidt-Rüdt, Ihre Werkrealschule steht auf der Streichliste. Verstehen Sie das?
Eigentlich nicht – weil wir immer eine gute Arbeit gemacht haben und weiterhin gute Arbeit machen wollen.

Was haben Sie alles unternommen, um ihre Schule attraktiv zu machen?
Punkt eins: Vernetzung im Stadtteil – seit 20 Jahren; das heißt kontinuierlicher Ausbau der Zusammenarbeit mit sämtlichen Einrichtungen der Jugendhilfe, Teilnahme an Stadtteilkonferenzen, Kooperation mit der Caritas, mit dem betreuten Wohnen, mit der Schulsozialarbeit, mit dem Bezirksbeirat Mitte und Süd. Punkt zwei: erweitertes Bildungsangebot. Seit 1997 geben wir den Kindern besondere Hilfen, die in Klasse fünf und sechs zu uns kommen. Das bedeutet unter vielem anderen gemeinsames Mittagessen, Erwerb von Sozialkompetenzen, Elternarbeit, Schulsozialarbeit.

Ist ein Effekt dieser Bemühungen spürbar?
Ja. Die Kinder, die ja in Klasse fünf bunt gemischt sind, finden besser in die Schule rein, integrieren sich besser. Unsere Angebote sind freiwillig, aber viele Eltern haben das in Anspruch genommen.

Sie gehen besonders auf die Kinder ein. Dennoch melden sich immer weniger an der Werkrealschule an. Warum?
Entweder können viele Eltern die Information nicht richtig aufnehmen oder sie wissen gar nicht, was so eine Werkrealschule leistet. Etwa dass wir klassenübergreifend bei den Hausaufgaben helfen, Lerngruppen haben mit den Kindern, die es besonders schwer haben, mit ihnen auf Klassenar­beiten lernen, mit ihnen Vokabeln üben, Lernspiele machen. Aber der Trend geht auf die anderen weiterführenden Schulen – irgendwie hat man die Werkrealschulen völlig abgekoppelt.

Glauben Sie, dass die anderen weiterführenden Schularten den Kindern mit einer Hauptschulempfehlung besser gerecht ­werden können?
Die Realschule und das Gymnasium werden diesen Kindern sicher nicht gerecht werden können.

Wieso nicht?
Weil sie diese Beziehungsarbeit, die für unsere Kinder mit am wichtigsten ist, gar nicht leisten können.

Haben Sie schon die ersten Rückläufer ?
Ja. Neulich hat eine Mutter gefragt, ob wir ihr Kind vom Zeppelin-Gymnasium aufnehmen könnten. Aber es werden noch mehr Rückläufe kommen. Die Frage ist nur: was müssen die Kinder durchleiden, bis es so weit ist. Erstmal müssen sich ja das Gymnasium und die Realschule um diese Kinder bemühen. Auf der anderen Seite haben die ihre genauen Richtlinien, wo sie ankommen müssen. Zudem begrenzte Ressourcen.

Was sind die Vorteile der Werkrealschule?
Dass man sich sehr individuell und auf allen Wegen dieser Heterogenität zuwendet und jedem Kind versucht zu helfen. Dabei unterstützen uns Lernpaten und Seniorpartner vom Projekt Startklar. Wenn das gelingt, vor allem auf der Beziehungsebene, dann kann auch inhaltlich etwas erreicht werden. Und man kann bei uns ja auch das zehnte Schuljahr machen. 22 Kinder tun das. Es ist einfach eine Chance, den mittleren Bildungsabschluss zu erreichen.

Welche Chancen sehen Sie in der Gemeinschaftsschule?
Mein Kollegium würde sich gern auf den Weg machen – aber aus uns heraus können wir das nicht schaffen. Für eine Gemeinschaftsschule muss auch von oben runter ein klares Konzept da sein. Das Ministerium müsste zuordnen, wie viele Realschullehrer hier arbeiten. Vielleicht bräuchten wir auch einen Schulleiter aus der Realschule, der die Gemeinschaftsschule führt. Ob man eine Oberstufe drauf setzt, muss die Entwicklung zeigen. Von heute auf morgen ist das alles nicht zu erreichen. Und es geht nur mit genügend Lehrerdeputaten. Auch das Thema Inklusion gehört dazu. Hier müssen klare Richtlinien her. So wie wir das in den letzten drei Jahren gemacht haben, kann das nicht weitergehen. Ich habe sieben Förderschüler in Klasse fünf. Es klemmt an den Deputatsstunden. Eigentlich müssten die Lehrer beider Schularten im Team unterrichten.
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2 KommentareKommentar schreiben

tja: ..grün- rote Chaos Sparpolitik - Kommunismus durchs Hintertürche... und keiner merkst.... Das ist die Politik des Gehörtwerdens... Die Gutmenschen sind halt auch nicht besser ! Fragts sich nur wenn s die Neckarprawda merkt und seine Tätigkeit als grün-rotes Kampfblatt endlich aufgibt und sich neutraler Berichterstattung zuwendet !

klartext: Danke! Endlich ein Rektor (?), der den Mut aufbringt, dem verlogenen Sparprogramm der grün-roten Landesregierung die echten Fakten gegenüber zu stellen. Die Gemeinschaftsschule dient letztlich nur der Vergrößerung der Klassen, sowie der Lehrer- und der Schulortverringerung. Dazu kommt noch die Mehrbelastung der Kollegen durch Schulentwicklung, jede Schule muss eigene Konzepte entwickeln, Portfolios und und und.... Dies ist Aufgabe des Ministeriums, wird aber nicht wahrgenommen. Im Ganzen wurde die ( sehr gute Arbeit leistende) Haupt/Werkrealschule bewusst schlecht geredet. Ziel erreicht!!!!!

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