IS-Terror im Nordirak Der Sieg ist möglich, aber kein Frieden

Von , Duhok 

Eine Grünen-Delegation reist in die Flüchtlingsgebiete des Nordirak. Die Lieferung von Waffen an die Peschmerga wird danach von allen gutgeheißen. Doch auch wenn die Dschihadisten vertrieben wären, bliebe die Zukunft der Region düster.

Cem Özdemir (rechts) sucht das Gespräch mit Flüchtlingen. Viele leben in Rohbauten. Foto: Knut Krohn
Cem Özdemir (rechts) sucht das Gespräch mit Flüchtlingen. Viele leben in Rohbauten.Foto: Knut Krohn

Dohuk - Noch bevor sich der rote Wüstenstaub verzieht, sind die Kinder da. Ein wilder Haufen drängelt sich um die Wagenkolonne. Die Männer vom Sicherheitsdienst versuchen, für Ordnung zu sorgen. Doch der steife Ernst, mit dem sie ihre Aufgabe verrichten, ist dieser wuselnden Fröhlichkeit kaum gewachsen. Cem Özdemir lacht, als er aus seinem schwarzen, gepanzerten Wagen steigt. So unbeschwert hat sich der hohe Gast aus Deutschland seinen Empfang in dem Flüchtlingslager Khanke nördlich des Mossul-Stausees nicht vorgestellt. Was folgt, ist freundliches Händeschütteln und Winken, dann ein erster, abschätzender Blick Özdemirs in die lang gestreckte Senke vor ihm.

Eine Zeltstadt erstreckt sich weit in die irakische Wüste. Wie auf einem Schachbrett reiht sich ein kleines, weißes Klötzchen an das andere. Aufgeräumt sieht es hier aus, sauber und geordnet. Aber Özdemir ahnt, dass dieser Schein trügt. Nur ein paar Kilometer weiter westlich beginnt das Sindschar-Gebirge, seit vielen Jahrhunderten die Heimat Zehntausender Jesiden, inzwischen aber ein Ort des Schreckens. Im Sommer stürmten die Truppen des Islamischen Staates unter dem Banner der schwarzen Flagge die verkarstete Hochebene. Ihr erklärtes Ziel: das Ende aller Jesiden. Der Glaube befehle es ihnen, verkündeten die Terroristen, der Völkermord sollte eine Demonstration ihrer Allmacht sein. Also trieben sie in den Dörfern die Menschen zusammen. Wer älter als zehn Jahre war, galt in den Augen der Mörder als Mann und wurde ermordet. Viele Mädchen und Frauen wurden verschleppt und versklavt.

Cem Özdemir kennt diese Geschichten. „Ich habe in den letzten Monaten natürlich sehr viel gelesen“, sagt der Bundesvorsitzende der Grünen. „Aber wenn man das Elend hier wirklich mit eigenen Augen sieht, ist das eine ganz andere Sache.“ Aus diesem Grund hat sich der Grünen-Politiker Özdemir mit seinem Bundestagskollegen Tom Koenigs auf den langen Weg in den Irak gemacht. Beide sind natürlich Politprofis, die schon viel gesehen haben in ihrem Leben, da wird die Haut dick und die Skepsis groß. Nicht hinter jedem lauten Klagen steckt Elend. Und nicht alles kann gelöst werden. Koenigs

Koenigs und Özdemir bewältigen ein Mammutprogramm. Foto: Krohn
erzählt, dass er als UN-Beauftragter im Kosovo und in Afghanistan immer wieder mit schrecklichem Leid konfrontiert gewesen sei. Aber die drei Tage im Irak hinterlassen Spuren. Als Anfang September der Bundestag über Waffenlieferungen an die Kurden abstimmte, „war ich noch voller Zweifel und habe mich schließlich der Stimme enthalten“, erinnert sich Koenigs. Hier im Irak, mitten im Elend, macht er den Eindruck, dass ihm die Entscheidung von damals heute wirklich wehtut. Am Ende der kurzen Reise wird Koenigs sagen, dass er sich in Zukunft für Waffenlieferungen an die Kurden einsetzen werde.

Im Flüchtlingslager Khanke sitzen er und Özdemir den Menschen Auge in Auge gegenüber. Hier wird das politische Handeln im fernen Deutschland zur brutalen Realität im Irak. Jeder Mensch trägt ein mühlsteinschweres Schicksal, und wenn er ganz großes Glück hatte, dann wurde ihm beim Sturm der IS-Terroristen im Sindschar-Gebirge lediglich sein Hab und Gut geraubt. Doch die meisten Flüchtlinge hatten kein Glück. Ein Junge erzählt, dass seine Mutter auf der Flucht vor seinen Augen von den IS-Terroristen erschossen wurde. „Ich stand nur einige Schritte entfernt, ich habe sie fallen sehen, ich konnte nichts tun. Dann bin ich gerannt.“ Wo sein Vater ist, weiß er nicht, er selbst habe es mit seinen Schwestern ins Camp geschafft. Der Junge ist nun das Oberhaupt der Familie. Aufrecht steht er da, die Mine versteinert, will Entschlossenheit und Männlichkeit demonstrieren und hat doch Tränen der Verzweiflung in den Augen.

Ein paar Schritte entfernt, im Schatten einer Latrine, sitzt ein Greis vor einem Zelt. Das Gesicht voller Falten, weißer Bart, ein typisches rotgemustertes Tuch um den Kopf geschlungen. „Ich bin 100 Jahre alt“, sagt der Mann und nimmt die Gesten der Wertschätzung freundlich entgegen. „Ich habe in meinem langen Leben sehr viel erlebt“, hebt er an zu erzählen, „doch was in den vergangenen Wochen passiert ist, ist unbeschreiblich.“ Er sei schon verloren gewesen, doch Gott habe ihm das Leben gerettet, sagt der Alte und sendet eine Geste allergrößter Demut in Richtung Himmel. Eines Tages seien die IS-Terroristen in sein Dorf eingedrungen. Nicht alle hätten fliehen können. Die Angreifer hätten unter den Bewohnern ein Gemetzel angerichtet, viele Männer getötet, die Frauen verschleppt. Mehrere Tage saß der Alte in einem kleinen Zimmer in seinem Haus. „Ich habe viel zu Gott gebetet“, sagt er, doch dann hätten die Terroristen auch ihn entdeckt. „Aber sie haben mich nicht getötet.“ In seiner Stimme klingt so etwas wie Erstaunen. „Du bist so alt, dass du sowieso bald sterben wirst“, hätten sie gesagt. So habe er überlebt. Ruhig blickt der Greis seinem Gast ins Gesicht. Cem Özdemir sucht nach Worten, bedankt sich dann und sagt, dass die IS-Terroristen besiegt werden müssen. „Inschallah“, entgegnet der Greis, so Gott will.

Davongekommen: ein alter Mann im Camp Foto: Krohn

Immer wieder in solchen Momenten fühlt sich Özdemir bestätigt, dass er schon früh – auch gegen den Widerstand der eigenen Partei – für Waffenlieferungen an die Kurden plädiert hat.

Dann drängt die Leiterin des Flüchtlingscamps zum Aufbruch. Auch sie hat eine Botschaft für die Besucher aus dem reichen Deutschland. „Wir haben hier 3170 Zelte“, erzählt die Frau des UNHCR, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen. „Es sind 2970 Familien hier, alle sind Jesiden, die Eltern haben zwischen acht und zehn Kinder.“ Strom- und Wasserleitungen würden verlegt. Das große Problem stehe ihnen aber noch bevor: der Winter. Die Zelte müssten winterfest gemacht, Öfen und Kerosin müsse gekauft werden. Zudem würden auch nicht nur die Familien im Camp versorgt, sagt die UN-Mitarbeiterin. In der nahen Stadt Dohuk lebten ebenfalls viele Flüchtlinge. Die hausten meist in den zahlreichen fensterlosen Rohbauten. „Die Stadt hat 25 000 Einwohner, und es leben rund 66 000 Flüchtlinge hier.“ Bei dieser Zahl bleibt Cem Özdemir stehen und blickt die UN-Frau an. „25 000 Einwohner und 66 000 Flüchtlinge“, wiederholt er und rechnet in diesem Augenblick des Erstaunens diese Zahlen wahrscheinlich auf deutsche Städte hoch.

„Wir werden uns im Bundestag dafür einsetzen, dass die Hilfe für die Flüchtlinge vor dem Winter noch einmal verstärkt wird“, verspricht Özdemir. Es sei wichtig, die Menschen in ihrem Elend nicht alleine zu lassen. „Wir müssen allerdings auch daran arbeiten, dass die kurdische Regierung in Erbil auf längere Sicht in der Lage ist, selbst für die Flüchtlinge zu sorgen“, sagt der Grünen-Politiker. Er spricht über eine Region, deren Ölreichtum immer wieder gepriesen wird. Özdemir weiß, dass er damit ein heißes Eisen anfasst: das mehr als schwierige Verhältnis zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Regionalregierung in Erbil. „Seit Jahrzehnten werden wir unterdrückt“, beklagen sich die kurdischen Politiker unisono, weshalb die meisten von ihnen für eine Autonomie kämpfen. Mehr Unabhängigkeit würde natürlich auch bedeuten, dass sie die Einnahmen aus dem Ölgeschäft zu einem Großteil selbst verbuchen könnten. „Bagdad und Erbil müssen einen Modus finden, wie sie in Zukunft zum Wohle des gesamten Landes zusammenleben können“, lautet die klare Forderung Özdemirs. „Deutschland kann da als Vermittler und Berater auftreten.“

Özdemir trifft sich auch mit Geistlichen. Foto: Krohn

Auch im Kampf gegen den IS-Terror beschweren sich die Kurden immer wieder lautstark, dass die meiste Waffenhilfe an Bagdad gehe. „Die irakischen Truppen sind weggelaufen, während sich unsere Kämpfer gegen den Ansturm von IS gewehrt haben“, ist in der Hauptstadt Erbil immer wieder zu hören – eine Auffassung, die vom einfachen Schuhputzer bis in die allerhöchsten Regierungsreihen geäußert wird. So lobt Falah Mustafa, der für die Außenbeziehungen der Region Kurdistan zuständig ist, die Lieferungen von deutschen Milan-Raketen in den allerhöchsten Tönen. Das genügt ihm aber nicht. „Unsere Kämpfer haben die IS-Terroristen aufgehalten. Aber wir brauchen mehr schwere Waffen, um sie zurückzuschlagen und am Ende wirklich zu besiegen“, erklärt er seinen Besuchern. Diesen Satz werden die beiden Bundestagsabgeordneten im Laufe ihres Besuches immer wieder hören – und er bleibt bei ihnen haften. Die Kurden wollen keine westlichen Bodentruppen im Norden des Irak. Aber sie wollen eine anständige Ausrüstung, um den Terroristen waffentechnisch ebenbürtig zu sein.

Hadschi Mesa, ein jesidisches Oberhaupt vom Stamm der Kirani aus dem Sindschar-Gebirge, ist überzeugt, dass seine Kämpfer siegen werden. Er trifft Özdemir und Koenigs in Lalisch, wo die Zamzam-Quelle entspringt, dem heiligsten Ort der Jesiden. Hadschi Mesa zweifelt nicht am Sieg der Kurden über den IS, weiß aber nicht, wie sein Volk danach wieder mit den dort ebenfalls siedelnden Arabern zusammenleben soll. „An den Massakern im Sindschar-Gebirge haben sich auch unsere arabischen Nachbarn beteiligt“, erzählt er. „Das Vertrauen zwischen einst friedlich zusammenlebenden Menschen ist völlig zerstört worden.“ Tom Koenigs nickt zu diesem Satz. Als ehemaliger UN-Sonderbeauftragter im Kosovo weiß er allzu gut, dass ein Krieg am Ende nicht nur eine Frage von militärischem Sieg oder Niederlage ist. Das friedliche Zusammenleben zu organisieren kann bisweilen wesentlich schwieriger werden.

Die beiden Grünen-Politiker steigen jedoch mit dem Eindruck in die Maschine nach Deutschland, dass sich die Kurden auch darüber schon viele Gedanken gemacht haben. Schließlich sagte ein hochrangiger Politiker, dass man in Kurdistan inzwischen nicht mehr von Minderheiten rede. Zu lange seien die Kurden selbst im Irak als eine Minderheit unterdrückt worden. Man sehe die Gesellschaft in Kurdistan eher wie ein Mosaik, sagt der Politiker. Muslime, Christen, Jesiden, Turkmenen, alle seien Komponenten einer Gesellschaft. Stabilität und Wachstum gebe es nur, wenn alle friedlich zusammenlebten. Die Gäste aus Deutschland hören das gerne, auch wenn der Satz klingt, als sei er auswendig gelernt, um den Gebernationen zu gefallen. Cem Özdemir aber nimmt den Ball gerne auf. Der Aufbau Irak-Kurdistans könne zu einem leuchtenden Beispiel für die ganze Region werden, die in Dunkelheit liege, formuliert er blumig. Die internationale Gemeinschaft setze große Hoffnung in die Regierung in Erbil. Im Klartext: die Kurden können mit Hilfe rechnen, müssen ihre Versprechen aber einlösen. Sein Gegenüber nickt lächelnd. Die Botschaft scheint auch bei ihm angekommen.