""Mit dem Islam
ist man immer
auf der richtigen
Seite – hier und
dann im Paradies.""
Pierre Vogel beim Vortrag in Sindelfingen
Sindelfingen - Die Eingangstür in der Ziegelstraße 25 in der Sindelfinger Altstadt steht offen. Kurz vor 15 Uhr strömen die Menschen hinein. An diesem Sonntag hat sich Pierre Vogel angesagt. Der Mann mit den blonden Haaren und dem langen Bart lockt Muslime von Stuttgart bis Metzingen an. Was ist das Erfolgsrezept des Mannes, der erst seit acht Jahren ihrer Religion angehört und trotzdem viel mehr Zuhörer findet als die traditionellen Imame? Als Pierre Vogel mit mehr als zwei Stunden Verspätung - wegen einer Autopanne, wie es heißt - in Sindelfingen eintrifft, stürzen alle auf die Straße. Sie wollen den Mann sehen, den sie bisher nur aus dem Internet kennen. "Er sieht schlanker aus", sagt eine Frau, die mit ihrer halbwüchsigen Tochter da ist. Vogel geht gleich in die Vollen: "Ich bin hier nicht zur Unterhaltung", erklärt er den vielen Menschen, die ausgeharrt haben, um ihn zu erleben. "Wir sind im Krieg, hier in Sindelfingen, mit der Zunge." Der Prediger vermeidet jede Andeutung in Richtung physischer Gewalt.
Der 31-Jährige, der immer in muslimischer Kleidung auftritt, ist ein Mann der klaren Antworten. Er ist ein unterhaltsamer Redner, mit einer Mischung aus Sendungsbewusstsein und rheinischer Frohnatur. Keinen Scherz lässt der gebürtige Frechener aus, zum Beispiel, um vor einem Rendezvous zwischen einem Mann und einer Frau zu warnen, das der Islam so nicht gutheißt: "Dann wird aus dem Spaß Ernst - und jetzt ist der Ernst schon 24 Jahre alt." Sein Publikum liebt ihn, auch weil er angegriffen und vom Staatsschutz beobachtet wird - ein moderner Märtyrer, einer, der sich lauthals zu seinem Glauben bekennt.
Buch widerspricht dem Grundgesetz
Selbst im separaten Gebetsraum für die Frauen, wo nur seine Stimme per Lautsprecher übertragen wird, lauschen alle aufmerksam. Etwa 60 Frauen sitzen auf dem rosafarbenen Teppichboden, die meisten mit Kopftuch. Eine Gruppe junger Mädchen fällt aus dem Rahmen: Einige von ihnen verhüllen nicht ihr Haar, sie tragen kurze Strickkleider, spielen mit ihrem Handy, in der Jackentasche blitzt die Zigarettenschachtel auf. Ganz normale Sindelfinger Jugendliche. Nicht alle im Raum stammen aus türkischen oder arabischen Ländern, einige sind konvertierte Deutsche. Und gerade sie nimmt Pierre Vogel, der stets auf Deutsch predigt, ins Visier. Dazu nutzt er vor allem das Internet. Auf seiner Homepage und über Youtube verbreitet er die Lehren Mohammeds zeitgemäß. Zurzeit muss sein Multimediateam alles neu konstruieren: Der Staatsschutz beschlagnahmte im Januar Computer, Festplatten und Schriften bei einer bundesweiten Razzia. Im Juni 2009 lagen bei einem Vortrag von Vogel in Stuttgart umstrittene Bücher über die Frau im Islam aus. Darin wird unter anderem beschrieben, wie eine Frau gezüchtigt werden soll - nämlich so, dass keine Spuren bleiben.
"Pierre Vogel vertritt eine bestimmte Weltanschauung", erklärt Victoria Krause, Sprecherin des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Der Prediger rufe nicht zur Gewalt auf, er vertrete aber den Salafismus - eine elitäre radikale Strömung innerhalb des Islam, dessen Anhänger sich streng an den Wortlaut von Koran und Sunna halten. Diese traditionelle Auslegung, sagt Victoria Krause, beinhalte in letzter Konsequenz ein totalitäres politisches System. Gerade das jüngst ausgelegte Buch über die Frau widerspreche dem Artikel 1 des Grundgesetzes.
Islamische Mädchen finden Vogel "einfach cool"
Die Frauen im kleinen, überfüllten Nebenraum haben damit offenbar keine Probleme. Nun wird erst einmal gebetet. Wer sich nicht zuvor der rituellen Waschung unterzogen hat oder gerade menstruiert, ist ausgeschlossen. Mehrmals, dem festen Ritus folgend, knien sich die Frauen hin, berühren mit der Stirn den Boden, um Allah ihre Hochachtung zu erweisen. Ein junges Mädchen verrichtet die Bewegungen andächtig, hochkonzentriert. Sie trägt schwarze Jeans und darüber ein Kleidchen mit Blümchenmuster. Um ihrem Hals baumelt eine lange Kette. Die eng anliegende Kapuze ihres Shirts hat sie übergezogen, und darüber noch ein Kopftuch gebunden. So sind kein einziges Haar und kein Zentimeter vom Hals sehen.
Einige ihrer Freundinnen sind nachlässiger. Haarsträhnen rutschen unter den Tüchern hervor. Die aktuelle Mode kommt den Bekleidungsvorschriften des Islam entgegen, und längst gibt es auch hier eine eigene, islamische Mode, die nichts mehr mit sackähnlichen Gewändern zu tun hat. Für jeden Geschmack etwas: einige der älteren Frauen tragen schwarze, bestickte Kleider über Hosen, die Jüngeren bunte Kopftücher zum dezent geschminkten Gesicht. Sie alle wollen Pierre Vogel sehen, weil er "einfach cool" ist, wie eines der Mädchen meint. Er lasse sich nicht einschüchtern.
Der ehemalige Boxer, evangelisch getauft und konfirmiert, besuchte eine katholische Schule. Nach dem Abitur begann er mit dem Studium der Islamwissenschaften und konvertierte 2001. Er setzte seine Studien in Mekka fort, da ihm die Universitäten in Deutschland nicht religiös genug waren. Nach zwei Jahren kehrte er zurück, und seit 2006 reist er als Prediger durch die Lande. Vom Boxring verlagerte er seinen Kampf in die Gebetsräume: Er berichtet von Bekehrungen unter Jugendlichen, er ist das deutsche Sprachrohr, das den Islam modern und anziehend erscheinen lässt.
Naturwissenschaften sind für Vogel nur Theorie
Pierre Vogel wirbt für seine Religion mit rheinischem Frohsinn und einer klaren Trennung in Gut und Böse. "Wir müssen unsere Religion in alle Häuser tragen", erklärt er den Zuhörern in seinem Dawa-Kurs. Dawa bedeutet, dass gemäß dem Koran jeder Muslim die Aufgabe hat, die Botschaft Mohammeds zu verkünden. Wie in einer gut vorbereiteten Schulstunde unterweist Vogel nun das Publikum, wie es am besten Atheisten und nicht praktizierende Christen vom Islam überzeugt. Seine Tipps sind eingängig: Wenn ein Nichtmuslim in eine Moschee kommt, dann sollen nicht alle auf ihn einreden - einer soll das Gespräch führen. Und in sechs Punkten beispielsweise die Evolutionstheorie von Darwin widerlegen.
Abu Hamsa, wie Vogel bei seinen Glaubensbrüdern heißt, argumentiert: "Selbst, wenn die Evolutionstheorie stimmen würde, wäre sie kein Beweis dafür, dass es keinen Gott gäbe. Vor hundert Jahren hätte auch keiner geglaubt, dass es einmal Dinosaurier gegeben hat." Mit Fakten beschäftigt sich Pierre Vogel offenbar weniger, sonst wüsste er, dass die ersten Saurierknochen 1824 zugeordnet wurden.
Ohnehin hält Vogel nicht viel von den Naturwissenschaften. "Es ist alles Theorie", sagt er. Dass sich aus einer Zelle ein so komplexes Organ wie ein Auge entwickle, sei so wahrscheinlich wie die Tatsache, dass ein Orkan über einen Schrottplatz fegt und daraus ein komplett zusammengebautes Auto entsteht. Seine Logik ist so simpel wie falsch: "Die Giraffe soll entstanden sein, weil die Bäume höher wuchsen. Das sind doch erworbene Fähigkeiten - und die können nicht weitergegeben werden."
Der Glaube an Allah bewahre vor der Hölle
Auf solch verwirrende Weise plaudernd kommt er irgendwann zu dem Schluss, dass nur der Glaube an Allah die richtigen Antworten gebe - und vor der Hölle bewahre. Die Hölle kommt bei Pierre Vogel immer vor. Damit begründet er, warum es so wichtig ist, Muslim zu werden. Denn nur mit dem Islam sei man immer auf der richtigen Seite, "hier mit einem glücklichen Leben, und dann nach dem Tod im Paradies".
Pierre Vogels Botschaft kommt gut an. Seine Worte geben vielen Jugendlichen Orientierung - vielleicht weil seine Lehre besonders simpel ist. Es reicht, den Islam anzunehmen und gemäß den Geboten Allahs zu leben. Punkt. Vogel strahlt Überlegenheit aus. Er wägt nicht ab. Dass Allah gut sei, aber dass es viel Schlechtes in der Welt gebe, ist für ihn kein Widerspruch - das sei es nur für die Christen, "die denken, dass Gott alle liebt". Im Koran stehe, dass Allah auch Schlechtes sende, zu einem größeren Guten, "wie ein Chirurg die Brust aufschneidet, um das Herz zu retten".
Zweifel oder Nachfragen gibt es nicht. Vogel führt in Sindelfingen und anderswo seinen Krieg mit der Zunge, und er ist zuversichtlich, dass der Islam in immer mehr Häusern Einzug hält. Das unterscheidet ihn von manchen zögerlichen Gottesverkündern. Selbst wenn eine seiner Veranstaltung, wie am 20. Februar in Bonn geschehen, vom Hallenbetreiber abgesagt wird, zieht er sie kurzentschlossen unter freiem Himmel durch. Der Prediger Pierre Vogel gibt niemals auf.