Israelische Ex-Soldaten Im Kampf gegen die Armee
Matthias B. Krause, 20.03.2010 12:58 Uhr
Yehuda Shaul (links) kämpft mit seinen Mitstreitern Yona Boimfeld, Micha Kurtz and Momik Nevo für mehr Ehrlichkeit. Foto: dpa
Yehuda Shaul (links) kämpft mit seinen Mitstreitern Yona Boimfeld, Micha Kurtz and Momik Nevo für mehr Ehrlichkeit. Foto: dpa
Stuttgart - Yehuda Shaul hat mit seiner Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence (BTS) die Diskussion über Kriegsverbrechen im Gazastreifen angestoßen. Er fordert weitere Untersuchungen. In jedem Fall seien die Vorkommnisse in Gaza nur die Spitze des Eisbergs.

Was ist das Ziel Ihrer Organisation?


Uns geht es darum, eine Debatte darüber anzustiften, was es wirklich kostet, wenn man Soldaten schickt, um Zivilisten zu kontrollieren. Wir können als Soldaten nicht in die besetzten Gebiete gehen und trotzdem die Guten sein. Wir fordern nicht, die Besetzung der Westbank zu beenden. Wir sagen nur: Dies ist der Preis. Es handelt sich bei den Soldaten, die Palästinenser misshandeln, nicht nur um ein paar faule Äpfel. Wir sagen: Das ist alltäglich. Wir waren alle selbst da, wir haben es alle getan.

Haben Sie als Soldat Regeln gebrochen?


Wenn ihr alle, die Palästinenser misshandelt haben, ins Gefängnis werfen wollt, trifft das die ganze Generation. Keiner kommt mit sauberen Händen zurück.

Sie haben nach der Gazaoffensive 2009 Aussagen von Soldaten über ihre Erlebnisse veröffentlicht. Das Aufsehen war riesig.


Wir wurden von allen Seiten auf das Schärfste angegriffen. Die Armee sorgte dafür, dass Radio und Fernsehen uns nicht einluden. Premier Ehud Olmert hat uns öffentlich attackiert, der israelische Außenminister reiste nach Europa und versuchte, Spenden an uns zu stoppen. Man hat uns vorgeworfen, dass die Aussagen der 26 Soldaten anonym sind. Das ist ziemlich zynisch, wenn man bedenkt, dass eine der ersten Aktionen der Armee war, in unsere Galerie einzubrechen und uns mundtot zu machen. Außerdem hat man versucht, uns als Agenten Europas zu diskreditieren. Das ist eines der schlimmsten Dinge, die man in Israel über jemanden sagen kann: dass er ein Agent eines fremden Staates sei.

Haben Sie die Reaktionen überrascht?


In den ersten Tagen dachten wir, wir haben einen riesigen Fehler gemacht. Aber es ist erstaunlich, wie wenig diese Angriffe bei normalen Menschen fruchten. Wenn überhaupt, dann ist das Interesse an unserer Arbeit gestiegen.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Berichte der Wahrheit entsprechen?


Es gibt zwei Dinge, die unser Projekt sofort sterben lassen: Erstens, wenn einer unserer Zeugen auffliegt und ins Gefängnis kommt - schließlich haben wir Verbrechen begangen: Menschen als Schutzschilde zu benutzen, Autos in die Luft zu jagen, Granaten in Wohngebiete zu feuern. Zweitens, wenn wir eine Geschichte veröffentlichen, die nicht stimmt. Wenn jemand an uns herantritt, prüfen wir: was sind seine Motive? Normalerweise läuft das über Mundpropaganda: Ein Freund bringt einen Freund dazu, mit uns zu reden. Dann überprüfen wir ihre Identität. Schließlich verlangen wir für jedes wichtige Detail ihrer Geschichte zwei Augenzeugen.

Haben Sie das nach der Gazaoffensive auch so gemacht?


Es gab einfach nicht so viele Zeugen. Bei Berichten, die in das Muster passten, haben wir uns deshalb mit einem weiteren Augenzeugen begnügt. Extreme Fälle mussten immer noch zwei bezeugen. In Gaza wurden Grenzen überschritten, von denen man vorher nie gedacht hätte, sie zu überschreiten. Deswegen fordern wir eine unabhängige öffentliche Untersuchung.

Das israelische Militär rühmt sich, eine der schärfsten ethischen Richtlinien der Welt zu haben. Stimmt das nicht?


Vom 27. Dezember 2008 bis zum 17. Januar 2009 (der Gazaoffensive) lag der Ethikcode in der Schublade. Die Streitkräfte agierten nach anderen Regeln. Später stritten sie es ab. Zum ersten Mal sind sie in eine Operation hineingegangen mit der Überzeugung, dass sie sich keine Toten in den eigenen Reihen leisten können. Es ging um maximalen Schutz der Soldaten, auch wenn Zivilisten dafür den Preis bezahlen.

Wie sah das in der Praxis aus?


Normalerweise lautet die Devise: Wenn du Zweifel hast, wird nicht geschossen. Während der Gazaoffensive lautete die Parole: Wenn du Zweifel hast, drück den Abzug. Das aber verletzt das Prinzip, das im Ethikcode festgeschrieben ist: Alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrer Arbeit?


Wir versuchen, Beruf und Privates nicht zu vermischen... (lacht). Mein Vater ist der Einzige aus meiner Familie, der sich die erste Ausstellung 2004 angesehen hat. Als er hörte, dass wir Palästinenser gehindert haben, ihre Angehörigen zu beerdigen, um die Ausgangssperre durchzusetzen, fragte er: "Hast du so etwas auch gemacht?"

Wie haben Sie geantwortet?


Mit Zynismus: "Wir haben nicht nur Beerdigungen gestört, auch Hochzeiten." Mein Vater hat die Galerie damals wortlos verlassen. Erst viel später ist er zu mir gekommen und hat gesagt: Heute verstehe ich, warum du tust, was du tust.

Haben Sie keine Angst, doch eines Tages für das, was Sie als Soldat getan haben, vor einem Richter zu landen?


Ich wünsche mir, sie würden mich anklagen. Das wäre der wichtigste politische Akt, den ich in meinem Leben unternehmen könnte: Das System zu zwingen, sich mit dem System zu beschäftigen.
Kommentare (4)
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MRZ
21
Ex-israelisch, 00:29 Uhr

Als ex-israelisch

der den Konflikt gut kennt, kann ich nur sagen: "somnambulism+schwachs.....g".

MRZ
20
Wolfgang Krauss, 22:51 Uhr

Kriegsverbrechen ?

Hallo, Kriege werden zwischen Staaten geführt - der Gazastreifen ist ein autonomes Gebiet - aber kein Staat, sondern ein staatsähnliches Gebilde im Zusammenhang mit dem Westjordanland. Was im Gazastreifen stattfand war bestenfalls eine Militäraktion, die gegen nichtrechtmässige Kombattanten geführt wurde. Siehe hierzu Haager Landkriegsordnung. Grund für diese Militäraktion war der anhaltende Raketenbeschuss israelischer Siedlungen; daraus resultierend Tote und Verletzte - auch Frauen und Kinder. Aufgabe eines Staates ist es auch, sein Staatsvolk zu schützen und zu verteidigen. Es muss aber auch klar und deutlich ausgesprochen werden, dass Israel mit dieser Militäraktion weit über die Grenzen dessen, was zur Herstellung eines "Waffenstillstandes" erforderlich gewesen, hinaus gegangen ist. Aber man muss auch deutlich sagen, dass die infanteristische Bekämpfung gegnerischer Partisanengruppen dann sehr schwierig wird, wenn sich diese hinter den Röcken von Frauen und hinter Kindern verstecken. Zivile Opfer sind dann unvermeidlich. Die besonderen politischen Verhältnisse konkurrierender Parteien, mit jeweils eigener "Miliz", erschweren bis heute einen Friedensprozess. Aber man muss auch bedenken, dass durch diese Militäraktion weniger menschliches Leben getötet wurde, als im Jahre 2009 in der friedlichen BR Deutschland. In 2009 wurde 100.750 mal menschliches Leben durch Abtreibung vernichtet. Granatsplitter, Gewehrkugel oder Absauger - tot ist tot. Freundliche Grüße Wolfgang Krauss

MRZ
20
Detlef von Seggern, 18:54 Uhr

Kriegsverbrechen

Es ist ja nichts neues, das bei militärischen Auseinandersetzungen egal wo auf diesem Globus, das Militär auf beiden Seiten "keinerlei" Rücksicht auf die Zivilbevölkerung (sprich Menschenrechte) nimmt, wenn es darum geht gesteckte Ziele zu erreichen. Dies war und ist bisher in einem jeden Krieg, der Fall gewesen. Und daran wird sich (so traurig dies auch ist) niemals etwas ändern.

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