Krimikolumne

Øistein Borge: „Kreuzschnitt“ Mehr Inhalt als Substanz

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Ein versoffener Kunstmaler, ein ermordeter Millionär, ein vom Schicksal gebeutelter Kommissar – Øistein Borge geizt in seinem „Kreuzschnitt“ nicht mit Material. Eine Garantie für ein gelungenes Buch ist das freilich nicht.

Øistein Borge spannt in seinem Erstling einen großen historischen Bogen. Foto: Gabriel Ramon
Øistein Borge spannt in seinem Erstling einen großen historischen Bogen. Foto: Gabriel Ramon

Stuttgart - Die Vorstellung hat etwas: Henri Matisse im Zug mit seinem sternhagelvollen Künstlerkollegen Edvard Munch, voller Sorge, dass er alleine mit dem Norweger weiterfahren muss. Doch dann kommt der Maler André Derain doch noch in den Speisewagen, bestellt eine weitere Flasche – und Munch lächelt.

Bohème-Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Résistance und ein bisschen Tom-Sawyer-Romantik während der deutschen Besatzung Frankreichs sowie schließlich die Jetztzeit, in der erst ein norwegischer Unternehmer und dann seine Tochter und Alleinerbin brutal ermordet werden – das sind die zeitlichen Eckpunkte, in denen der norwegische Autor Øistein Borge seinen „Kreuzschnitt“ ansiedelt. Nicht zu vergessen der Osloer Kommissar Bogart Bull, den eine schwere biografische Last beugt: Frau und Tochter wurden im Straßenverkehr von einem Straftäter getötet, den der Ermittler einst verhaftet hatte: „Du hast mein Leben zerstört“, hinterlässt der Selbstmordattentäter. „Jetzt habe ich deins zerstört.“

Man sieht: Borge hat eine Menge hineingepackt in seinen Erstling. Aus dem Material des 330-Seiters hätten andere vielleicht zwei oder drei Bücher gemacht. Doch leider gelingt es dem ehemaligen Werbetexter nicht, seinen Figuren Leben einzuhauchen und über das rein Kriminalistische hinaus (wer hat die beiden Mordopfer so grausam zugerichtet und warum?) Spannung zu halten. So verliert sich irgendwann in der Mitte das Interesse an den Geschichten und Kommissar Bull muss ohne seinen Leser weiterermitteln.

„Davidstern“ statt „Drudenfuß“

Was insofern nicht weiter schlimm ist, als der Roman auch sprachlich nicht allzu überzeugend daherkommt. Von altmodischen Redewendungen („ein wenig zu tief in den Weinballon geschaut“) über schiefe Bilder („nachdem er dem Tisch eine weitere Ohrfeige verpasst hat“) bis zum peinlichen „fünfzackigen Davidstern“ (gemeint ist ein Drudenfuß) bietet „Kreuzschnitt“ immer wieder kleinere und größere Anlässe, ganz einfach etwas anderes zu lesen.

Øistein Borge: „Kreuzschnitt“, aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann, 336 Seiten, Droemer TB, 9,99 Euro, auch als E-Book