Italien Safari für Gourmets

Von Dagmar Kluthe aus Corvara 

Ski fahren und auf den Hütten anspruchsvolle Küche genießen - das kann man im Skigebiet Alta Badia in Südtirol.

Filippo La Mantia am Outdoor-Herd: Gleich gibt’s Pasta mit Brokkoli. Foto: Kluthe
Filippo La Mantia am Outdoor-Herd: Gleich gibt’s Pasta mit Brokkoli.Foto: Kluthe

Filippo La Mantia steht in der Mittagssonne und rührt in den Zutaten für seine Pasta. In diesem Winter wurde der Sizilianer als Gastkoch auf die Las Vegas Lodge eingeladen, die auf 2000 Metern oberhalb von St. Kassian in Alta Badia liegt. Mit einer schönen Schneelandschaft will es nicht so recht funktionieren, doch in den kalten Nächten haben zahllose Schneekanonen breite weiße Bänder auf die hellbraunen Almwiesen gezaubert. Auch heute zeigt sich wieder ein makellos blauer Himmel und mit der kräftigen Sonne entsteht eine geradezu irreale Szenerie, die noch durch die nackten Zacken der Dolomitengipfel betont wird. Für den Beginn der kulinarischen Wintersaison in Alta Badia, die mit einer Gourmet- Safari eingeläutet wird, könnte das Wetter nicht perfekter sein. Schon gegen 11 Uhr morgens kommen die ersten Gäste, genießen ein Glas kühlen Chardonnay und warten auf „Pasta mit Brokkoli“. Filippo La Mantia stammt aus Palermo, und so dürfen Sardellen als dezenter Gruß aus Süditalien nicht fehlen. Sie verleihen dem Gemüse eine aparte Geschmacksnote. Zwei Gondelfahrten entfernt hat Nino di Costanzo seine Küche im Club Moritzino oberhalb von La Villa aufgebaut. Inhaber Moritz Craffonara serviert in seiner Berghütte Ei, Steinpilze und Taleggio-Büffelkäse und dazu natürlich ein Glas Südtiroler Wein.

Das „Skifahren mit Genuss“

Vor elf Jahren wurde das „Skifahren mit Genuss“ ins Leben gerufen, und seit vier Jahren beginnt es mit einer Gourmet-Safari. An diesem Tag können die Gäste auf vier verschiedenen Hütten die Gourmet-Gerichte für insgesamt 40 Euro kennenlernen, Wein inklusive. 2016 lautet das Thema „Der Süden“, dazu wurden jeweils Chefs aus Südtirol und dem Süden Italiens eingeladen, auf die 14 teilnehmenden Hütten des Skigebiets Alta Badia verteilt. Schon lange ist das obere Gadertal rund um Corvara, La Villa und St. Kassian für seine exzellente Küche bekannt - nur auf den ansonsten heimeligen Hütten bemängelten die Skifahrer das ewig eintönige Angebot von Bratwurst, Pommes frites und Suppen.

Dabei hatten es die Nachbarn im Grödner Tal bereits vorgemacht, dort wird seit den siebziger Jahren frischer Mittelmeerfisch in der legendären Emilio-Comici-Hütte serviert. Es war eine Idee des Mailänder Anwalts Gianni Marzola, und von nun an traf sich die politische Prominenz Italiens mit Vorliebe in der gemütlichen Stube auf 2200 Meter Höhe. Dann regte sich auch der kulinarische Geist im Skigebiet von Alta Badia. Hier gilt Moritz Craffonara als Vorreiter, der seinen Club Moritzino rasch als Mittelpunkt des italienischen Jetsets etablierte. Während der Hochsaison wird an langen Tischen gegessen und getrunken, auch diese Hütte ist bekannt für ihre raffinierten Fischgerichte. Mittlerweile hat sich das Angebot auf das gesamte Gebiet von Alta Badia verteilt und man könnte in einer Urlaubswoche jeden Tag in einer anderen Hütte einkehren und etwas Besonderes essen.

Auf Skier das Gebirgsmassiv umrunden

Mit der Erfindung des Skipasses Dolomiti Superski Anfang der 1970er Jahre begann die Erfolgsgeschichte des Wintersports in den Dolomiten. Dazu wurde die Idee der „Sella Ronda“ initiiert, auf Skier umrundet man das Gebirgsmassiv des Sellastocks und überquert dabei vier Dolomitenpässe. Endlich kam auch das eher ärmliche Gadertal in den Genuss eines florierenden Tourismus. Lange Zeit war es nur über eine enge, kurvenreiche Straße zu erreichen, bis vor erst zehn Jahren zahlreiche Tunnels gebaut wurden und die Straße lawinensicher gemacht wurde. Doch diese zögerliche Entwicklung im Alta Badia wird heute sehr geschätzt, denn in vielen Dörfern konnten die bäuerlichen ladinischen Traditionen bewahrt werden. Einen Einblick vermittelt die Skitour Santa Croce, die abseits der geschäftigen Sella Ronda liegt und von viel weniger Skifahrern genutzt wird.

An uralten Scheunen und Bauernhäusern führen die Pisten vorbei und geben diesem Skitag eine ganz besondere Atmosphäre. Der Mittelpunkt ist die Wallfahrtskirche Heilig Kreuz aus dem späten 15. Jahrhundert, die oberhalb von St. Leonhard, einem Ortsteil von Badia, liegt. In diesem Jahr sind die Abfahrten von Santa Croce ein Geheimtipp für Gourmets, denn in allen drei Hütten haben Sterneköche ein Gericht komponiert. Allen voran Ernesto Iaccarino, Inhaber des 2-Sterne-Lokals Don Alfonso 1890 bei Sorrent. Für die Ütia L’Tama hat er „Thunfisch Mousse mit Zitronen Gelatine“ vorbereitet und lässt dazu ein Glas Sauvignon aus Südtirol servieren. Etwas weiter oben in der Ütia Nagler, am Ende des Sessellifts La Crusc, trifft man auf die Neapolitanerin Marianna Vitale, übrigens die einzige Frau im Team der Küchenchefs. Ihr Vorschlag erinnert an Ferien an einem italienischen Strand mit „Spaghetti mit Butter, Sardellen und Limonen“.

Danach könnte man zu Fuß zur Kirche Heilig Kreuz spazieren, den herrlichen Ausblick genießen - für Nimmersatte wartet dann auch noch der deftige Kaiserschmarrn vom Messner-Erwin, der im Hospiz zubereitet wird. Auch für die Frühaufsteher hat sich Alta Badia etwas einfallen lassen. In den meisten Skigebieten ist es ein großes Privileg, mit der allerersten Gondel vor dem offiziellen Start nach oben zu fahren, um den unberührten Schnee ganz allein zu genießen. Daher wartet Ulli Crazzolara um 7 Uhr morgens an der Talstation in St. Kassian. Mit seinem Motorschlitten geht es hinauf zum Piz Sorega, dort wo die Las Vegas Lodge liegt. Es ist ein herrliches Vergnügen, über die menschenleere Piste zu sausen, allerdings beißt sich der Wind mächtig durch den Skianzug. Dann ist die Hütte erreicht, dort warten der heiße Kaffee und ein deftiges Frühstück. Mittlerweile hat die Sonne die meisten Pisten hier oben erreicht. Also los! Wie auf Engelsflügeln geht es nach unten, niemand ist zu sehen und nichts zu hören. Für ein paar Minuten scheint man ganz allein auf der Welt zu sein.