Jasmina Hostert kandidiert im Wahlkreis Böblingen für die SPD Ein Mensch, der mitten im Leben steht

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Vom Umfragetief der SPD lässt sich Jasmina Hostert nicht entmutigen: Als Bundestagsabgeordnete will sie die Gesellschaft gerechter und solidarischer gestalten. Der 34-Jährigen ist es wichtig, glaubwürdig zu sein.

An ihrem Lieblingsort: Jasmina Hostert ist Mitglied im Kulturverein Blaues Haus in Böblingen. Foto: factum/Granville
An ihrem Lieblingsort: Jasmina Hostert ist Mitglied im Kulturverein Blaues Haus in Böblingen. Foto: factum/Granville

Böblingen - Wenn Jasmina Hostert mal einen freien Abend hat, geht sie am liebsten zu einer Kulturveranstaltung im Blauen Haus. Die Atmosphäre in dem Backsteinhaus auf dem Brauereigelände in Böblingen gefällt ihr – und sie ist Mitglied in dem Kulturverein. Wenn Vernissagen anstehen, hält die Politikwissenschaftlerin mit Nebenfach Kunstgeschichte oft die Einführung. „Es ist wichtig, dass Kulturarbeit unterstützt wird“, sagt die 34-Jährige, die sich in allen ihren Lebensbereichen engagiert, zum Beispiel im Gesamtelternbeirat der Böblinger Kitas, weil sie eine kleine Tochter hat, oder beim Freundeskreis Flüchtlinge, weil sie selbst die Erfahrung der Flucht gemacht hat, und eben in der SPD, weil ihr soziale Gerechtigkeit wichtig ist. „Ich weiß, dass wir in einem wohlhabenden Wahlkreis wohnen“, sagt sie, „aber nicht alle Menschen können an diesem Wohlstand teilhaben.“

Einstimmig zur Kandidatin gekürt

Jasmina Hostert redet nicht von einer Armut, bei der jemand verhungern könnte, stellt sie klar. Aber sie verweist auf immerhin 7000 Haushalte im Landkreis Böblingen, die Sozialhilfe nach Hartz IV beziehen. Die Zahl der Alleinerziehenden habe stetig zugenommen, zählt sie weiter auf. Viele Menschen hätten Berufe, wo viel gearbeitet, aber wenig verdient werde wie etwa in der Pflege. Schließlich ist die Frau, die von der SPD einstimmig zur Kandidatin für die Bundestagswahl nominiert wurde, bei der schrumpfenden Mittelschicht angelangt. „Gerade Familien mit Kindern sind finanziell stark belastet“, sagt sie. Genau bei diesen Wählergruppen sieht sie die Chance für die Sozialdemokratie, auch in einem von der CDU dominierten Wahlkreis.

Bezahlbarer Wohnraum und erschwingliche Kinderbetreuung sind deshalb ihre Themen. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf will sich Jasmina Hostert einsetzen. „Unsere Interessen sind mit denen der Arbeitnehmer deckungsgleich“, sagt sie über die SPD. Sie setzt auf Tarifverträge, fordert wirkliche Kontrollen, damit der Mindestlohn eingehalten wird, und wünscht sich mehr Unterstützung für die Rückkehr in den Beruf. Dabei müssten für Handwerksbetriebe natürlich andere Standards gelten als für Unternehmen wie Daimler. Die Tendenz, dass ein Studium für das einzig Wahre gilt, hält sie für den Mittelstand im Kreis Böblingen und beim aktuellen Fachkräftemangel für problematisch. „Es ist genau so toll, eine duale Ausbildung zu machen“, findet die Kandidatin, „auch damit kann man viel erreichen.“ Bessere Rahmenbedingungen und eine bessere Bezahlung für Dientsleistungsberufe, stehen ebenfalls auf ihrer Agenda.

Die Preise im VVS gehören ihrer Meinung nach gesenkt

Beim Thema Infrastruktur setzt Jasmina Hostert auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. „Die Preise müssen ganz klar runter“, sagt die Sozialdemokratin über die Fahrtkosten im Verkehrsverbund. Dadurch ließen sich mehr Umsteiger erreichen. In kaum einer Metropole seien die Tickets so teuer wie in der Region Stuttgart. Die Förderung von Carsharing und Elektromobilität ist ihr außerdem wichtig. Aber in einem wirtschaftsstarken Kreis wie Böblingen mit den entsprechenden Pendlermassen hält sie den Ausbau des Straßennetzes ebenfalls für unumgänglich, etwa der Autobahn A 81 und des Lückenschlusses zwischen den Bundesstraßen 295 und 464.

Auch wenn die SPD im Umfragetief steckt, im Wahlkampf bekommt Jasmina Hostert davon wenig mit: „Das Interesse an Politik hat zugenommen“, ist ihr Eindruck. An ihren Infoständen sprechen die Passanten Themen an wie Rente, bezahlbarer Wohnraum, Gesundheitspolitik und die Frage, wie es mit den Flüchtlingen in Deutschland weitergeht. Als „Mensch des normalen Lebens“ bezeichnet sich die 34-Jährige. Oft spricht sie aus eigener Erfahrung – weil sie als Kind den Krieg in Sarajevo erlebt hat, weil sie heute alleinerziehende Mutter ist, weil sie in Teilzeit arbeitet und weil sie mitten in Böblingen wohnt.

„Man muss authentisch sein, glaubwürdig und darf keine Dinge versprechen, die man nicht halten kann“, erklärt sie ihr Verständnis von der Rolle eines Politikers. Und vor allem dürfe man die Bodenhaftung nicht verlieren. In Berlin möchte Jasmina Hostert sich dafür einsetzen, dass die Gesellschaft gerechter und solidarischer gestaltet wird. „Es gibt nur eine starke Demokratie, wenn wir eine starke Mitte haben“, findet die überzeugte Sozialdemokratin.

1) Wann kaufen Sie Ihr erstes Elektroauto? Ich nutze den ÖPNV und besitze gar kein Auto. Die Förderung von E-Mobilität und Carsharing finde ich aber sehr wichtig.

2) Was tun gegen die explodierenden Miet- und Immobilienpreise?Die öffentliche Förderung wiederbeleben, sozialen Wohnungsbau für Investoren verpflichtend machen und eine Mietpreisbremse auch für Neubauten.

3) Wie viel Geld geben Sie für Ihren Wahlkampf aus?Ich gebe 15 Cent pro Einwohner im Wahlkreis Böblingen aus. Ein Plakat kostet übrigens einen Euro. Wir finanzieren den Wahlkampf über die Mitgliedsbeiträge.

4) Was halten Sie von der Homo-Ehe?Es gibt keine Liebe erster und zweiter Klasse. Es war höchste Zeit, das Gesetz zu verabschieden.

Die Bundestagskandidaten wurden aufgefordert, die Fragen im Stil der Internet-Kurznachrichten-Plattform Twitter zu beantworten. Dort sind für eine Nachricht maximal 140 Zeichen erlaubt.