Jazz-Pianistin Gee Hye Lee Von der Klassik zum Jazz

Von Ulrich Kriest 

Gee Hye Lee, die diesjährige Landesjazzpreisträgerin, ist nicht nur eine vorzügliche Pianistin und Komponistin, sondern auch eine erfolgreiche Netzwerkerin, deren Konzertreihe „Geenius Monday“ im Jazzclub Kiste legendär ist. Am Donnerstag spielt sie im Stuttgarter Theaterhaus.

Erst hat Gee Hye Lee Klassik gelernt – dann Jazz. Foto: Steinert
Erst hat Gee Hye Lee Klassik gelernt – dann Jazz. Foto: Steinert

Stuttgart - Am Donnerstagabend findet im Theaterhaus das Preisträgerkonzert der diesjährigen Landesjazzpreisträgerin Gee Hye Lee statt. Die Pianistin Lee, 1977 in Seoul geboren, ist nach der Bassistin Karoline Höfler (1995) und der Sängerin Anne Czichowsky (2011) erst die dritte Musikerin, die in den Genuss dieser Auszeichnung, die 2012 zum 28. Mal verliehen wird, kommt. Mit Gee Hye Lee wird nicht nur eine vorzügliche Pianistin und Komponistin ausgezeichnet, sondern auch eine erfolgreiche Netzwerkerin, deren Konzertreihe „Geenius Monday“ im Jazzclub Kiste geradezu legendär ist.

Zum Jazz ist die gebürtige Südkoreanerin erst recht spät gekommen, nachdem sie seit ihrem dritten Lebensjahr zur klassischen Pianistin ausgebildet wurde. Sie war schon kein Teenager mehr, als die Begegnung mit Miles Davis’ „Kind of Blue“ ihr Leben buchstäblich umkrempelte und ihr eine andere Welt eröffnete.

Nach Stuttgart der Sprache wegen

Dass Gee Hye Lee nach Stuttgart kam, war allerdings mehr ein Zufall. „Anders als heute, wo jede Musikhochschule einen Studiengang für Jazz hat, gab es das vor 15 Jahren in Südkorea noch nicht. Also musste ich ins Ausland gehen. Mein Bruder lebte damals schon in Europa, und meine Eltern wollten nicht, dass ich in die USA gehe. Mein Professorin an der Musikhochschule in Seoul hatte selbst in Köln studiert und brachte uns auf Deutschland. Als wir das Visum beantragten, trafen wir auf eine Frau, die wohl Schwäbin war, denn sie legte uns Stuttgart und Mannheim ans Herz. Wir haben uns dann schlaugemacht, und ich bin 1996 nach Stuttgart gekommen, weil ich die Sprache lernen wollte. Und weil Stuttgart größer als Mannheim ist“, erzählt die Musikerin. In Stuttgart studierte sie an der Musikhochschule bei Paul Schwarz, schloss das Studium 2003 erfolgreich ab und erhielt gleich im Anschluss ein Stipendium am Berklee College of Music in Boston.

Zurück in Stuttgart spielt sie wie bereits während ihres Studiums weiter in zahlreichen Jazz-, Soul- und Hip-Hop-Bands, bekommt ein weiteres Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und hat die Idee des „Genius Monday“ in der Kiste. Sechs Jahre lang spielt sie mit wechselnden Musikern jeden Montag regelmäßig in dem kleinen Club. „Es werden wohl so um die 300 Konzerte gewesen sein. Mir ging es dabei nur um die Gage!“, sagt sie lachend. „Leider gab es keine. Nein, ernsthaft, das war eine sehr gute Übung, auch in Sachen Selbstdisziplin. Zeit, um zu proben, hat man da nicht. Schnell die Noten lesen – und los geht’s! Aber ich habe so viele tolle Mu­siker kennengelernt. Für mich hat der ,Geenius Monday‘ nur Vorteile gebracht. Nicht zuletzt mache ich das für mich, für meinen ganz persönlichen Spaß!“

„Für mich gibt es keine Alternative zur Musik

Nachdem „Midnight Walk“ – ihr erstes Album unter eigenem Namen – 2009 noch bei Universal Südkorea erschienen und hierzulande nur als Import erhältlich ist, dokumentierte das zweite Album „Geenius Monday“ ihre vielseitigen Clubaktivitäten: auf den 14 Stücken des Albums wirken neben Gee Hye Lee 38 Musiker mit; die Besetzung liest sich wie ein Who’s who der Stuttgarter Jazzszene. Mit dem Landesjazzpreis Baden-Württemberg, der an Musiker verliehen wird, die nicht älter als 35 sind, endet gewissermaßen das System der Nachwuchsförderung. Jetzt ruft der freie Markt, und der Jazz steckt bis zum Hals in einer Legitimitätskrise. Sorgt man sich da nicht etwas? Gee Hye Lee denkt kurz nach: „Ich bin nicht so der Mensch, der viel über morgen nachdenkt. Klar sind die Bedingungen, auf die man als Jazzmusikerin trifft, nicht gerade rosig. Ist Musik ohne Publikum nicht ziemlich sinnlos? Ich spiele ja schließlich nicht nur für mich. Und bei Jazzkonzerten bin ich meistens die Jüngste. Aber was soll ich sonst machen? Morgens Zeitungen austragen, mittags Fisch verkaufen und abends in Jazzclub? So wie Helge Schneider in seinem Film ,Jazzclub‘? Nein, für mich gibt es keine Alternative zur Musik!“

Und auch keine Alternative zu Stuttgart? „Ich bin gerne in Stuttgart, sonst wäre ich nicht so lange hier geblieben. Ich habe hier meine Kontakte, kann Konzerte spielen und kenne die Musiker, mit denen ich spielen will. Ich habe vor ein paar Tagen mit einem Musiker aus München gesprochen. Da sagte der tatsächlich, dass es in Stuttgart ja leider keine Jazzszene gäbe. Das ist doch ausgemachter Unsinn! Mir scheint es manchmal so, als würde Stuttgart von außen betrachtet nicht ernst genommen. Trotz der Jazz-Open oder dem Bix. Das finde ich manchmal wirklich etwas komisch.“

„Lights“ soll für Hoffnung stehen

Einen Teil des Preisgeldes hat Gee Hye Lee übrigens bereits reinvestiert in die Produktion eines neuen Albums mit Jens Loh am Bass und Sebastian Merk am Schlagzeug. „Lights“ erscheint wie bereits „Geenius Monday“ beim Label HGBS in Villingen-Schwenningen und bietet nach Aussage der Musikerin Modern Jazz mit leichten Popmomenten und eine Coverversion von Stevie Wonders „My Cherie D’Amour“. Was bedeutet der Titel „Lights“? „Ja, ,Lights‘, schon im Sinne von Hoffnung, aber man kann sein Album ja beim besten Willen nicht ,Hope‘ betiteln, oder?“ Gibt es weitere Pläne für die Zukunft? „Ich will mit meinen Kräften haushalten und mich auf nur ein paar Projekte konzentrieren, die mir wie mein Trio oder die Arbeit mit Charly Antolini besonders am Herzen liegen.“