Jazzmusik im Kunstmuseum Zarte Pflänzchen beim Abschlusskränzchen

Von Ulrich Kriest 

Zum Finale der „I Got Rhythm“-Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum lockte am Samstag und Sonntag feine Jazzmusik.

Die „I-got-Rhythm“-Schau hat ihr großes Finale gefeiert. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die „I-got-Rhythm“-Schau hat ihr großes Finale gefeiert.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Lange Schlangen von Besuchern, die auf der Zielgeraden noch Einlass in die Ausstellung begehren. Geduldig, verlängerte Öffnungszeiten! Der Ausstellungskatalog: fast ausverkauft. Am Schlusswochenende der bestens besuchten „I Got Rhythm“-Ausstellung summte das Stuttgarter Kunstmuseum wie ein Bienenkorb, zumal wenn im angegliederten Veranstaltungssaal wieder ein Soundcheck anstand. Zwar hatte es in den Monaten zuvor bereits eine Reihe von Konzerten im Rahmenprogramm gegeben – erinnert seien hier die Solo-Performance von Jason Moran und das mittlerweile auch auf Tonträger erhältliche Konzert „Elektronische Mythen“ von Wolfgang und Flo Dauner –, aber zum Finale stand ein zweitägiges Abschlussfestival mit Livemusik auf dem Programm.

Einerseits eine recht naheliegende Idee für eine Ausstellung, die den komplexen Wechselbeziehungen zwischen der bildenden Kunst und dem Jazz seit 1920 galt und mittels Audioguides auch hören ließ, wovon sie handelt. Andererseits wird mit dieser so offenkundig populären Musealisierung einer einst selbst populären Musik auch unmissverständlich klar, dass die „zarte Pflanze Jazz“ (Dauner) in einer Nische abseits des Marktes gehegt, gepflegt und staatlich subventioniert werden muss, um zu überleben.

Geschichten erzeugen reizvolle Resonanzen zur Ausstellung

Welch ästhetische Spanne zwischen unversöhntem Widerstandsgeist und kommerziell orientiertem Entertainment liegen kann, verriet ein Blick auf das Samstagsprogramm, das ein Konzert vom mittlerweile auch schon 75-jährigen Saxofonisten Peter Brötzmann dem Auftritt der Sängerin China Moses vorausschickte – kuratorischer Mut zum Spagat. Das Sonntagsprogramm im Kunstmuseum gestaltete sich einheitlicher: es gab nur feinste Musik zu hören, die nebenher allerlei Geschichten zu erzählen wusste, die reizvolle Resonanzen zur Ausstellung erzeugten.

So wie Peter Brötzmann von der Malerei kommt und China Moses den Blues von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen hat, so ließ die vormittägliche Matinee-Performance von Rüdiger Carl (Klarinette, Akkordeon) und Sven-Ake Johannsson die Nähe der freien Improvisation zur Fluxus-Bewegung erahnen. Höchst unterhaltsam und musikalisch virtuos spielten zwei ältere Herren einander subtil und gelassen die Bälle zu, dass man sich in einem Beckett-Stück wähnte.

Die Musik strotzt vor Vitalität und Dringlichkeit

Ohne Aki Takase war Alexander von Schlippenbach angereist, um sich mit seiner exquisiten Band Kompositionen des früh verstorbenen Proto-Free Jazzers Eric Dolphy zu widmen, eine inspirierte Auseinandersetzung mit der Jazzgeschichte nicht auf der Basis von Standards, sondern als Hommage auf ein Werk. Anschließend stellte der Altmeister Rolf Kühn, Jahrgang 1929 und einer der ersten Deutschen, der nach 1945 in der US-Szene reüssierte, mit seiner jungen Band Unit sein aktuelles Album „Stereo“ vor, das gerade bei MPS veröffentlicht worden ist. Mit dabei: der charismatische Ausnahmeschlagzeuger Christian Lillinger, Jahrgang 1984. Nervöse, sehr freie, dabei kompakte Musik, die den freien Kammer-Jazz eines Jimmy Guiffre elektrifiziert ins 21. Jahrhundert trägt – Jazzgeschichte im Dialog der Generationen.

So viele Aktivposten der Berliner Szene standen auf der Bühne des Kunstmuseums, dass man mit Rolf Kühn staunend gewahr wurde, auf welchem spieltechnischen Niveau sich diese Generation bewegt. Ein beglückender und angemessen bejubelter Festivaltag, der mit seiner Wucht und seinem Witz in Erinnerung bleiben wird.

Die Musik, die im Kunstmuseum live präsentiert wurde, strotzte vor Vitalität und Dringlichkeit. Dass es mittlerweile ein Museum braucht, um Musik dieses Niveaus in dieser Konzentration in Stuttgarts Mitte zu präsentieren, kann man je nach Temperament unter Ironie oder Dialektik verbuchen.

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