J.D. Salinger gestorben Angst vor dem nicht perfekten Satz
Thomas Klingenmaier, vom 29.01.2010 10:25 Uhr
J.D. Salinger lebte über Jahrzehnte sehr zurückgezogen. Foto: AP
New York - Nun hat die Jagd ein Ende. Der Versuch, doch noch ein neues Foto von ihm zu bekommen. Das öffentliche Herumstochern im Privatleben eines Mannes, der sich aus der Öffentlichkeit so jäh und konsequent zurückgezogen hatte, dass der Abtauchversuch ihn fast berühmter machte und vermutlich faszinierender hielt als sein wahrlich nicht glanzloses Werk. Der am 1. Januar 1919 in Manhattan geborene amerikanische Autor Jerome D. Salinger ist im Alter von 91 Jahren zu Hause in New Hampshire gestorben.
Mit "Der Fänger im Roggen" hat Salinger 1951 einen großen Klassiker der modernen US-Literatur vorgelegt. Der jugendliche Held Holden Caulfield fliegt darin von der Schule und treibt sich drei Tage in New York herum. Es geht aber nicht um die Außen-, sondern um die Innenwelt, um eine große jugendliche Unzufriedenheit.
Das Buch war eine ungemeine Provokation, weil das bürgerliche Amerika damals von der besten aller Konsumwelten träumen mochte, weil die Kriegsheimkehrer wollten, dass man sich wieder und wieder ihrer schrecklichen Erlebnisse durch Romane wie Norman Mailers "Die Nackten und die Toten" erinnern sollte, und weil die amerikanische Linke den großen Rechtsruck und die Hatz auf alles angeblich Subversive für das große Thema der Zeit hielt. In Holden Caulfield bekam eine junge Generation eine Stimme, die sich selbst dort nicht geborgen fühlte, wo Amerika heil zu sein glaubte, im unpolitischen Mittelstand. Die Jugend kehrte nun das Unbürgerliche an sich hervor, auf der Suche nach dem Echten, Wahren, Intensiven.
Salinger war kein Debütant mehr, als er den frechen, verletzlichen, altklugen, vulgären, klugen und naiven Holden erfand. Ende der Vierziger war er durch brillante, so sensible wie spitze Kurzgeschichten aufgefallen und übte mit seiner fein ziselierten, musikalischen, aber charakternahen Prosa enormen Einfluss auf Autoren wie Harold Brodkey aus.
Nur war der Buddhist Brodkey damit schon früh zu einer Meisterschaft gelangt, die ihn wohl selbst einschüchterte. Mit jedem weiteren Satz, schien er zu fürchten, könne er nur noch schlechter werden. In den fünfziger Jahren entzog er sich Medienrummel und Literaturbetrieb, 1963 erschien sein letztes Buch. In sein Schweigen wurde immer wieder hineinspekuliert, er arbeite an einem Riesenwerk. Noch weiß man nicht, ob es ein Manuskript im Nachlass gibt - oder nur Schweigen.
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