Jens Todt im StZ-Interview „Die Ansprüche in Stuttgart sind hoch“

Thomas Haid, 26.02.2013 14:32 Uhr
Stuttgart – Am Mittwoch (19 Uhr) empfängt der VfB Stuttgart im Pokalviertelfinale den VfL Bochum. Für Jens Todt (43), den Sportvorstand des Zweitligisten, ist das eine Reise in die Vergangenheit.
Herr Todt, beim Pokalspiel in Stuttgart begegnen Sie ja vielen Bekannten. Auf wen freuen Sie sich besonders?
Auf einige Freunde und ein paar ehemalige Nachbarn, mit denen ich mich nach dem Spiel treffen werde. Das wird sicher lustig.

Zu Ihren Bekannten gehört auch der VfB-Trainer Bruno Labbadia, mit dem Sie von 1996 bis 1998 in Bremen zusammen gespielt haben. Sind Sie da Freunde geworden?
Wir haben uns wirklich gut verstanden und sind oft sogar abends zusammen mit unseren Frauen weggegangen. Auch als sich unsere Wege dann trennten, haben wir losen Kontakt gehalten – bis heute.

Dann könnten Sie nach der Partie ein Bier mit Labbadia trinken.
Gute Idee. Mal schauen, ob sich das ergibt. Aber zuerst einmal müssen wir das Spiel bestreiten.

Wie haben Sie Bruno Labbadia in Bremen wahrgenommen?
Als einen extrem ehrgeizigen Vollprofi, der einen ganz starken Antrieb hatte. Er hat alles für seinen Beruf getan und hasste es zu verlieren. Seine Einstellung hat definitiv gestimmt. Ich denke, dass sich daran nichts geändert hat. Manchmal wird ihm ja sogar vorgeworfen, dass er zu verbissen sei. Aber nur weil er so akribisch ist, hat er es so weit gebracht.

Verbindet Sie das?
Ich denke schon, dass wir ähnliche Typen sind – und Fredi Bobic gehört auch dazu. Wir drei waren von Haus aus nicht solche Naturtalente und mussten uns alles hart erarbeiten. Interessant finde ich dabei übrigens, dass solche Spieler nach der Karriere oft in Führungspositionen auftauchen. Dass das Zufall ist, glaube ich nicht.

Haben Sie schon bei Werder vermutet, dass Labbadia mal ein Bundesligatrainer wird?
Das hielt ich zumindest für wahrscheinlich. Er hat sich bereits als Spieler mit vielen Dingen beschäftigt, die weit über das Geschehen auf dem Platz hinausgegangen sind. Fußball war eben sein Thema.

Also hätte der Trainer Labbadia an dem Spieler Labbadia seine helle Freude?
Er würde ihn auf jeden Fall aufstellen – auch wenn Bruno kein einfacher Profi gewesen ist. Er hatte seinen eigenen Kopf.

Mit dem VfB-Manager Fredi Bobic haben Sie auch schon manches erlebt. So wurden sie 1996 zusammen Europameister.
Ich wurde da aber nur nachnominiert und war nur drei Tage bei der Mannschaft. Deshalb habe ich die EM eigentlich als halber Tourist gewonnen.

Fredi Bobic gehörte fest zum Kader. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?
Ein gutes. Wir hatten auch vor einigen Jahren bei Hertha BSC unsere Berührungspunkte, als er Spieler war und ich Chefscout. Seitdem unterhalten wir uns zwischendurch immer mal wieder. Zudem haben wir auch einen gemeinsamen Bekanntenkreis, der aus dem Umfeld von Hertha in Berlin stammt.

Wie würden Sie Fredi Bobic beschreiben?
Abseits des Platzes ist er ein lockerer Spaßvogel, aber auf dem Platz hat er keinen Spaß verstanden. Es war immer unangenehm, gegen ihn antreten zu müssen. Das hat wehgetan, doch ich glaube, dasselbe behauptet er auch von mir.

Würden Sie mit ihm lieber ein Bier trinken als mit Bruno Labbadia?
Da gibt es keinen großen Unterschied. Ich stoße mit beiden gerne an.

Sie selbst haben von 1999 bis 2003 beim VfB gespielt. Was ist Ihre schönste Erinnerung?
Insgesamt muss man sagen, dass das keine einfache Zeit für den Club war – und für mich persönlich auch nicht. Diese vier Jahre gehören bestimmt nicht zu den besten in meiner Laufbahn. Von meinem Wechsel hatten sich beide Seiten mehr versprochen. Aber ich war ständig verletzt und musste meine Karriere deshalb auch ein Jahr vor dem Vertragsende beenden. Da hat sich der VfB extrem anständig verhalten, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Was war noch positiv?
Das eindrucksvollste Erlebnis war für mich, dass ich hautnah dabei war, als die jungen Spieler Kevin Kuranyi, Alexander Hleb und Andreas Hinkel die Bühne betreten haben.

Was war denn Ihrer Meinung ausschlaggebend dafür, dass diese Talente in Stuttgart aufgeblüht sind?
Die Kombination aus hervorragender Nachwuchsarbeit und akutem Sparzwang bei den Profis. Hätte es die wirtschaftlichen Zwänge nicht gegeben, hätte der eine oder andere junge Spieler seinen Durchbruch vielleicht erst später geschafft.

Warum ?
Weil Manager und Trainer oft im Tagesgeschäft gefangen sind. Es ist für einen Trainer schwer, am Wochenende drei junge Leute einzusetzen, wenn schon vor dem Spiel über seine mögliche Entlassung diskutiert wird. Wir üben alle den Spagat zwischen kurzfristigem Erfolg und mittelfristiger Strategie.

Erinnert Sie das an den Ist-Zustand des VfB?
Ich registriere, dass sich der Verein seit einiger Zeit finanziell konsolidieren muss. Dennoch sind die Ansprüche hoch. In Stuttgart gibt es einige Unternehmen von Weltrang. Das ist dann auch für den VfB latent der Maßstab. Diese Konstellation ist Fluch und Segen zugleich, aber aus Bochumer Sicht würde ich dazu sagen: Solche Probleme hätten wir auch gerne.

Aber ein Problem ist es?
Die Frage lautet doch, ob Fans und Umfeld einer Mannschaft und einem Verein eine Entwicklung zubilligen und dafür in Kauf nehmen, ein Saisonziel zu verpassen. Am liebsten wäre es den Leuten zwar, die Champions League zu gewinnen – mit ­lauter Spielern aus der eigenen Region, die  ein Durchschnittsalter von 21 Jahren aufweisen. Aber das ist bisher keinem ­gelungen.

Wie soll es in Bochum klappen?
Wir müssen unsere Nische finden. Die Säulen sind erstens unsere Nachwuchsarbeit. Zweitens sind wir schon zu einer guten Adresse für deutsche Spitzentalente geworden. Drittens müssen wir offen für exotische Lösungen sein. So haben wir zuletzt zwei Japaner verpflichtet. Und viertens schauen wir, welche Spieler in der Bundesliga vielleicht gerade nicht so zum Zug kommen und von daher für uns interessant sein könnten.

Und wozu soll das dann führen?
Zunächst müssen wir uns wie der VfB konsolidieren. Dazu wollen wir im Pokal so weit wie möglich kommen. In der nächsten Saison wollen wir wesentlich stabiler auftreten. Mittelfristig wird es immer unser großes Ziel sein, an die Tür zur Bundesliga zu klopfen – und das alles mit einem Durchschnittsetat in der zweiten Liga.