""Verlassen Sie das Gelände. Wir sind keine Vergewaltigerschule.""
Schüler des Kollegs zu Journalisten
Berlin - Pater Klaus Mertes hat in dieser Nacht nicht geschlafen. Er hat E-Mails beantwortet bis um drei Uhr in der Früh. Mails von Männern, die das Schweigen gelernt haben. Sie schweigen seit Jahrzehnten - aus Scham oder um zu vergessen. Weil man sie alleingelassen hat, als sie Hilfe brauchten. Damals waren sie Jungs, heute sind sie 40 Jahre und älter. Was sie in ihren Mails berichten, haben manche noch nicht mal ihren Frauen erzählt. Aber jetzt, jetzt sprudelt es aus ihnen heraus. "Manche", sagt Pater Mertes, "schütten ihren ganzen nachvollziehbaren Hass auf diese Institution aus".
Die Institution, das ist das von Jesuiten geführte Canisius-Kolleg in Berlin, das katholische Elitegymnasium der Stadt, und Mertes ist ihr Rektor. Seit Donnerstag wird diese Institution von einem Missbrauchsskandal erschüttert, dessen Dimension - das wird heute klar - noch gar niemand abschätzen kann.
Eine Kultur des Wegschauens
Zwei Patres sollen zwischen 1975 und 1983 mindestens sieben Jugendliche missbraucht haben - und weil das, was die Opfer berichten, dafür spricht, dass es noch viel mehr Missbrauch gab, hat Mertes einen Brief an 600 Ehemalige geschrieben. Er schreibt von jahrelangem, systematischem Missbrauch, von einer Kultur des Wegschauens, die ihn begünstigt hat. Er schreibt auch, dass beide Männer die Schule und den Orden Ende der 80er Jahre verließen. Der Brief ist am Donnerstag bekannt geworden, seitdem ist das Entsetzen groß.
Und es wächst: Allein am ersten Tag haben sich bei Mertes 15 weitere Opfer gemeldet. Zwölf Mails hat auch die Rechtsanwältin Ursula Raue bekommen, die vom Jesuitenorden mit der Aufklärung des Skandals beauftragt wurde. Da nicht klar ist, ob manche Opfer sich an beide gewandt haben, schwankt die aktuelle Zahl.
Aber was diejenigen erzählen, die nun ihr Schweigen brechen, ist klar und deutlich: Sie schreiben, was die Patres mit ihnen gemacht haben, und auch, wer ihnen in der Schule Hilfe verweigert hat. Sie berichten zum Beispiel von Taten, die auf dem Schulgelände bei der Gemeinschaft Christlichen Lebens - einer Freizeiteinrichtung - geschahen. Die Patres gaben ihnen Kerzen. Sie sollten sie anzünden, wenn sie masturbierten. Über die zurückgebrachten Kerzen gab es dann Gespräche. Sie schreiben von anderen Taten, von einem System, in dem die Opfer erpresst wurden, Dinge zu tun, und dafür "Gratifikationen auf der Beziehungebene erhielten". Manche wurden mehrfach missbraucht, andere nur einmal, "weil sie nicht in das Opferschema passten". Alle Opfer beschuldigen dieselben Männer - einer davon hat inzwischen alles eingeräumt. Einer der beiden war nach seinem Weggang völlig unbehelligt von allen, die hätten Schlimmeres verhindern können, erneut in der Jugendarbeit aktiv - irgendwo im Westen.
Schüler schreien Journalisten an
All das berichtet Pater Mertes, und man kann seiner gepressten, schnellen Stimme anhören, dass es nicht leicht ist, diese Dinge auszusprechen. Mertes sitzt an diesem Tag danach an einem Einzelpult im unaufgeräumten Mehrzweckraum des Gymnasiums und versucht, eine Pressekonferenz zu geben. Er sitzt aufrecht, das graue Haar zurückgestrichen, ein Silberkreuz im Knopfloch des grauen Tweedjacketts - Rüstzeug, an dem man sich festhalten können soll. Draußen im Schnee schreien Schüler, die kleinsten, Journalisten an: "Verlassen Sie unser Gelände. Wir sind keine Vergewaltigerschule."
Drinnen versucht der Rektor zu ordnen, was nicht zu ordnen ist: Informationen, Emotionen, Fragen, Ratlosigkeit. Die Rolle des Mannes ist eigentlich nicht zu bewältigen: Er muss eine Schule durch ihre größte Krise führen. Er muss die Schüler vor einem Stigma beschützen, genau wie die Lehrer, die nichts mit den Vorwürfen zu tun haben. Er muss die Opfer schützen, die sich bei ihm gemeldet haben. Er muss eine Jagd vermeiden auf zwei Männer, für die bei allem Glauben, den man den Opfern schenken will, die Unschuldsvermutung zu gelten hat. Seit dem Vortag wird er überschüttet mit Fragen. Eine, die den Kern berührt: hat man an der Schule von den Taten gewusst und die Patres gezwungen zu gehen - und sonst einfach nur geschwiegen und nichts unternommen? "Das ist genau die Frage, bei der es um die Mittäterschaft der Schule geht." Die Antwort liegt im Dunkeln - noch. Mertes sagt, er habe Anlass zu glauben, dass es so einen Zusammenhang gebe. "Die Schüler haben mir glaubwürdig die damalige Institution als eine wegschauende Institution beschrieben." Die Anwältin soll in den Akten recherchieren.
Unter den Medienvertretern sind selbst Absolventen der Schule
Eine andere Frage, eine heikle, denn die Vorwürfe sind aller Wahrscheinlichkeit nach juristisch verjährt: Wer waren die Täter? Ehemalige Schüler fragen ihn das, weil sie wissen wollen, welcher ihrer Lehrer es war und wer unschuldig ist. Und die Journalisten fragen auch. "Ich nenne keine Namen", sagt er, "aber fragen Sie mich doch." Da rufen Journalisten Namen von Patres - der Persönlichkeitsschutz gerät in Vergessenheit. Unter den Medienvertretern sind selbst Absolventen der Schule.
Es gibt auch Fragen, auf die andere eine Antwort werden finden müssen. "Die Missbrauchsfälle stellen eine schwergewichtige Frage an die katholische Kirche", sagt Mertes. "Nämlich, ob sie Missbräuche begünstigt, durch ihre Kultur, durch ihr System." Homophob sei die Kirche, sagt der Kirchenmann. Und voller Sprachlosigkeit beim Thema Sexualität. Klare Worte. Vielleicht haben ihn all die hässlichen Wahrheiten, die auf seinem Tisch liegen, dazu ermutigt.
Es ist schön, wenn man so nah bei Gott ist, dass einem auch in so einer Situation ein Satz aus der Bibel einfällt. Mertes ist einer eingefallen in der vergangenen Nacht, als er sich schlaflos im Bett wälzte und nach Antworten suchte. Er steht im Johannesevangelium 8, Vers 32. "Die Wahrheit wird Euch frei machen."