Krimikolumne

Jim Thompson: „In die finstere Nacht“ Der Killer mit dem Kindergesicht

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Der kleinwüchsige Killer Bigger hat einen letzten Auftrag. Er darf keinem trauen und muss alle einwickeln. „In die finstere Nacht“ von 1953 erzählt, wie das schief geht.

Das Cover des US-Taschenbuchs von 1953  macht dezent darauf aufmerksam, dass „In die finstere Nacht“  ein wenig Fleischlichkeit zu bieten hat. Foto: Archiv
Das Cover des US-Taschenbuchs von 1953 macht dezent darauf aufmerksam, dass „In die finstere Nacht“ ein wenig Fleischlichkeit zu bieten hat.Foto: Archiv

Stuttgart - Die Zukurzgekommenen sind gefährlich. Sie haben noch was klar zu machen mit dem Rest der Welt, und sie haben begriffen, dass die nicht fair spielt. Charles Bigger, der Ich-Erzähler von Jim Thompsons Roman „In die finstere Nacht“, hat auf höchst symbolische Weise weniger als die anderen. Seine äußere Entwicklung ist verlangsamt, er ist klein gewachsen und sieht in seinen Dreißigern noch immer aus wie ein Schulbub. Das hilft ihm bei seinem Job, den man zunächst als brutale Form der Kompensation deuten muss: Charles „Little“ Bigger ist Auftragsmörder.

Aber Thompson zurrt in diesem im Original 1953 unter dem Titel „Savage Night“ erschienen Roman die Knoten früh sehr fest zu. Bigger kommt ins Örtchen Peardale im Bundesstaat New York und mietet sich in einer miesen Pension ein. Er soll auf den richtigen Moment warten, um den ehemaligen Mafia-Buchmacher Jake Winroy, der in einem anstehenden Gerichtsprozess wohl aussagebereit sein wird, umzubringen.

Bald wird uns klar, dass Bigger diesen Job nicht will. Er war schon raus aus dem Gewerbe, hat seit Jahren unter falscher Identität weit weg gelebt. Man hat ihn zurückgezwungen, und je länger der sowieso schwer Lungenkranke in Peardale hockt, desto quälender wird seine Ahnung, dass auch er zum Abschuss freigegeben ist.

Killen und verschwinden

Killer und Zielperson spiegeln einander. Jake, ein ehemals wuchtiger Kerl, zum Wrack verfallen, will weder weiter zur Mafia gehören noch vor Gericht aussagen. Er will auch nicht in Peardale als Friseur arbeiten, wo seine in besseren Zeiten geangelte und nun gefährlich unzufriedene Frau Fay, eine Ex-Nachtclubsängerin, lustlos die Pension führt. Jake hat gar keine Optionen mehr, Bigger hat noch eine: den Job durchziehen und dann schnell verschwinden, bevor seine Auftraggeber ihm final gratulieren.

Eine fiese Patsche in einer fiesen Welt ist das eine, was wir von einem Jim-Thompson-Roman erwarten dürfen. Das andere ist ruchlose emotionale Manipulation, der Missbrauch von Lust und Liebe als Werkzeug und Waffe. Bigger benutzt Fay, um den stets panisch fluchtbereiten Jake in Reichweite zu halten. Fay benutzt Bigger, um ihren lästigen Verlierer von Mann los zu werden und wieder Anschluss ans Halbweltleben der Großstadt zu finden. Sollte Bigger Schwächen zeigen, wird Fay fraglos wieder gegen ihn auf Jake setzen.

Billig und vulgär: Pulp eben

„In die finstere Nacht“ ist ein schönes Beispiel für das, was man in Deutschland seit Mitte der Neunziger, seit Quentin Tarantinos gleichnamigem Film, gemeinhin Pulp Fiction nennt, für einen billigen, vulgären, effekthascherischen Groschentext, der seine unschönen Eigenschaften aber so zielbewusst und gekonnt einsetzt, dass er wie die korrekte Zielerfassung des Billigen, Vulgären, Effekthascherischen in unserer Wirklichkeit (oder jedenfalls in unseren Vorstellungen von ihr) wirkt.

Der Autor Martin Compart, im Lauf der Jahre Herausgeber diverser Krimreihen, hat gegen diese mediengeschichtlich keineswegs akkurate Verwendung des Begriffs Pulp unlängst heftig Protest eingelegt. Sein Einwand ist allerdings ein wenig weltfremd. Begriffe, erst recht Fremdwörter, werden in einer lebendigen Sprache beständig umgedeutet.

Mit dem Lehnwort Pulp hat das Deutsche eine griffige Bezeichnung für jene Art des unfeinen Krimis, die es hierzulande am schwersten hat. Man darf sogar hoffen, sie hat jetzt einen Kampfbegriff. Pulp ist der Gegenentwurf zur Literaturleiter-Emporarbeitungsbemühung mancher Krimiautoren, die neben ein paar prächtigen Texten auch regalmeterweise Schreckvitrinen-Nippes hervorbringt.

Keine Paranoia, eher Kernschmelze

Bigger erzählt im Lauf des Romans immer fahriger, fiebriger, gehetzter. Er misstraut allem und jedem, er überlegt bei jedem kleinen Schritt, in welche Falle der führen könnte, und ruiniert sich dabei. Manche Kritiker deuten das als Verfolgungswahn, als Fehlfunktion also. Aber das Herausragende an „“In die finstere Nacht“ ist, dass eben umgekehrt ein Schuh draus wird. Der kleine Bigger erfasst völlig korrekt, wie unterhöhlt, instabil, intrigenreich seine Welt ist, durchseucht von Tricksern mit bösen Absichten wie ihm selbst. Aber mit der vollen Erkenntnis des Übels kommt kein Verstand klar. Bigger ist ein Erkenntnisreaktor ohne Kühlkreislauf, seine Erzählung das Protokoll einer Kernschmelze.

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