Berlin - Als sich die Dinge in Berlin zuspitzen, weilt Joachim Gauck noch in Wien. Er ist Gast bei einer Podiumsdiskussion. Was denn nun, nach dem Rücktritt von Christian Wulff, aus seinen einstigen Ambitionen auf das Amt des Bundespräsidenten werde? „Rufen Sie doch Frau Merkel an“, antwortet Gauck gelassen.
Im Laufe des Abends wird klar, dass man sich das Telefonat mit Merkel schenken kann. Die CDU-Chefin hat dem Druck der FDP nachgegeben, die sich am Nachmittag überraschend für Gauck ausgesprochen und damit das Ende der Koalition riskiert hatte. Abends um Viertel nach Neun sitzt er, eingerahmt von CDU-Chefin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel im Kanzleramt. Beide schlagen ihn gemeinsam für das Amt des Bundespräsidenten vor. Damit ist der Weg frei für Gauck. Eine Sensation ist das, eine spektakuläre Wendung in seinem ohnehin ereignisreichen Leben. Gauck, der Theologe, der stets das Hohe Lied der Freiheit predigt, soll erster Mann im Staat werden.
Für den 72-Jährigen geht damit ein Traum in Erfüllung, der eigentlich schon zu Ende geträumt schien. Denn als er Ende Juni 2010 nach drei Wahlgängen letztlich doch gegen den Kandidaten der schwarz-gelben Koalition unterlag, glaubte niemand mehr, dass Gauck eine zweite Chance bekommen sollte. Am allerwenigsten wohl er selbst. Artig applaudierte er, als das schwarz-gelbe Lager Wulff feierte. Wohl wissend, dass schon damals viele in Reihen von Union und FDP lieber ihn gewählt hätten als den Niedersachsen. Wohl wissend auch, dass die einflussreichsten Medien des Landes ihn favorisiert hatten. Er war der gefühlte Bundespräsident, Wulff am Ende der Gewählte.
Gauck ist alles andere als ein Rot-Grüner
Ihm stand damals im Wege, dass mit Rot-Grün die Falschen darauf gekommen waren, ihn zu nominieren. Der Grüne Jürgen Trittin war es, der auf die Idee hatte, den ostdeutschen Pastor gemeinsam mit der SPD der schwarz-gelben Koalition als überparteilichen Kandidaten vorzuschlagen. Das war listig und letztlich aussichtslos zugleich. Denn zum einen wollte Merkel damals ein Signal schwarz-gelber Geschlossenheit aussenden, zum anderen setzte sie mit Wulff auf einen Kandidaten, der ihr nach dem Rücktritt des am Ende unkalkulierbaren Horst Köhler als die risikoärmere Variante erschien.
Gauck ist zwar der Kandidat von Rot-Grün geblieben. Aber er ist alles andere als ein Rot-Grüner. In manchen Fragen stockkonservativ, stur und eigensinnig, in anderen Fragen liberal bis in die letzte Phase seines Körpers. Wer Freiheit als Lebensthema ersonnen hat und zwei Diktaturen erlebte, der kann einem wahren Liberalen nicht gleichgültig sein. Ein Freigeist ist er, nicht zu führen, nicht zu berechnen. Und damit sicher keine Figur an der Spitze des Staates, wie sie die auf Berechenbarkeit setzende Merkel schätzen würde.
Gauck kam 1940 in Rostock zur Welt. Als er sechs Jahre alt war, verschwindet sein Vater lange Zeit in einem Lager in Sibirien, deportiert wegen angeblicher „antisowjetischer Hetze“. Das erklärt die unbarmherzige Härte, mit der er den Sozialismus im Allgemeinen und die ehemalige DDR im Speziellen brandmarkte. Zu Wendezeiten war der evangelische Pfarrer prägendes Mitglied des Neuen Forums und Bürgerrechtler der ersten Stunde. Nach der Wiedervereinigung wurde er Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, die sich der Aufarbeitung des Spitzelunrechts der DDR verschrieb.
Joachim Gauck ist ein Menschenfischer, ein begnadeter Redner, ein Charismatiker, aber auch ein Sturkopf. Ein Versöhner war er nie. Mit seiner kompromisslosen Haltung gegenüber allem, was unter der Überschrift DDR subsumiert werden kann, hat er die ostdeutsche Bevölkerung tief gespalten in glühende Anhänger und hasserfüllte Gegner. Kein Wunder, dass die Linke sich mit ihm in herzlicher Feindschaft verbunden sieht.
Am Rednerpult ist Gauck ein Polit-Poet
Nach der Wahl Wulffs gab es aber auch im rot-grünen Lager nicht wenige, die insgeheim erleichtert waren, dass es nichts wurde aus der Präsidentschaft Gaucks. Denn Gauck provozierte und polarisierte wie eh und je. So ging er, der sich selbst gern einen „Demokratielehrer“ nennt, empört auf Distanz zu Erwin Sellering, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidenten, weil dieser die DDR nicht einen „Unrechtsstaat“ nennen wollte. „Unfassbar“ seien derlei Verharmlosungen, tadelte Gauck. Noch schwerer zu schlucken war für das linke Lager, dass Gauck im vergangenen Herbst über die Globalisierungsgegner der Occupy-Bewegung herzog.
Er warf den Demonstranten, mit denen SPD und Grüne sympathisierten, „romantische Vorstellungen“ vor. Dieser Anti-Kapitalismus sei „unsäglich albern“ und die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst „abscheulich“. Auch für jene, die gegen den Tiefbahnhof Stuttgart 21 demonstrierten hatte Gauck wenig übrig. Er halte nichts von Protesten, die „aufflammen, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Am meisten brachte er Rot-Grün allerdings gegen sich auf, als Gauck dem ehemaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin für seine umstrittenen Thesen zum Thema Integration einen mutigen Mann nannte. Gauck attestierte Sarrazin: „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik“. Die Politiker müssten erkennen, dass „ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen“.
Am Rednerpult ist Gauck ein Polit-Poet. Wenn er über Freiheit spricht, ist es ihm ein Leichtes, Menschen zu Tränen zu rühren. Allerdings hat er bisher keinen Beleg dafür erbracht, dass er über dieses wolkige Thema hinaus zu den konkreten Problemen dieser Zeit einen Beitrag leisten kann. Gauck hat beispielsweise bisher außer seiner Kritik an der Occupy-Bewegung nur wenig Erhellendes über die Schulden- und Finanzmarktkrise zum Besten gegeben. Das musste er auch nicht, weil er bisher nur gefühlter Präsident war. Das wird er ändern müssen – wenn er gewählt ist.


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@h.morun
Es gibt also bestimmte Gruppierungen, die nicht kritisiert werden dürfen? Da denken Sie aber nicht gerade objektiv.
Nichts spricht gegen Gauck – oder?
Art 3 (3) des Grundgesetzes lautet: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Folglich spricht leider nichts gegen einen Bundespräsidenten Joachim Gauck, obwohl sich das FDP-Präsidium einmütig für ihn ausgesprochen hat – oder? So wird er wohl nach Artikel 54 (1) des Grundgesetzes zwar „...ohne Aussprache von der Bundesversammlung...“, jedoch mit fragwürdiger Begründung und einhelliger Absprache im Vorfeld gewählt – so wahr uns Gott helfe beziehungsweise: wenn Gott uns nicht noch hilft.
Mehr als ein Eigentor
All jene, die sich für besonders schlau hielten, haben womöglich ein spielentscheidendes Eigentor geschossen: Seit gestern weiß jeder, daß SPD und Grüne nicht nur wegen ESM und Eurobonds keine Alternative zu Merkel sind. Dazu war nicht nur die Gemeinsamkeit mit der FDP (!) und dem allgemein vorherrschenden Politikstil (Stichwort Direktwahl) zu groß. Gaucks Bemerkung zur Occupy-Bewegung hätte ausgereicht, diesen Mann vehement abzulehnen: Ausgerechnet zum größten Problem der Zeit wird wohl nur Niveauloses von ihm zu erwarten sein. Piraten und Linke werden diesen Mißgriff für sich zu nutzen verstehen.