Joachim Gauck und Roland Ostertag Im Kampf um Hotel Silber
Thomas Borgmann, 18.02.2011 11:28 Uhr
Joachim Gauck lässt sich von Roland Ostertag (rechts) nicht vereinnahmen. Foto: Rudel
Joachim Gauck lässt sich von Roland Ostertag (rechts) nicht vereinnahmen. Foto: Rudel
""Ich will auch eine Distanz halten, weil ich die Details nicht kenne.""
Joachim Gauck an Roland Ostertag

Stuttgart - Wo Joachim Gauck auftritt in diesen Zeiten, strömen die Menschen. Ursprünglich wollte der Pfarrer, DDR-Bürgerrechtler, erster Chef der nach ihm benannten Gauck-Behörde und "Bundespräsident der Herzen" am Mittwochabend im Literaturhaus am Berliner Platz aus seinem neuen Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" lesen. Doch der Ansturm war so stark, dass man sich dazu gezwungen sah, in den Schillersaal der Liederhalle auszuweichen. Dort lauschten 400 Leute, ausverkauft.

Roland Ostertag wiederum, der streitbare Stuttgarter Architekt, versteht sich aufs Inszenieren. Dabei achtet er durchaus darauf, seine Person nicht zu kurz kommen zu lassen. Uneitel zu sein, hat ihm noch niemand vorgehalten. Am 19. Februar übrigens, wird Ostertag achtzig Jahre alt; drei Tage vor seinem Ehrentag hat er sich selbst ein Geschenk gemacht: Als Vorstand des Architekturforums Baden-Württemberg war es ihm geglückt, Gauck nach Stuttgart zu holen. Doch sein Wunsch, der "Bundespräsident der Herzen" würde ihn wortmächtig und uneingeschränkt im Kampf um das Hotel Silber, die einstige Stuttgarter Gestapozentrale am Karlsplatz, unterstützen, erfüllte sich nicht.

Bereits für Erhaltung plädiert


Bereits im November 2010 hatte der bundesweite Verein "Gegen Vergessen - für Demokratie", dem Joachim Gauck als Präsident vorsteht, in einer Entschließung an die Stuttgarter Planungsträger appelliert, "diesen historischen Ort als Zeugnis des NS-Gewaltregimes in seiner baulichen Substanz zu erhalten, in geeigneter Weise in den Gesamtkomplex einzufügen und zu einem NS-Dokumentationszentrum in würdiger Form zu gestalten".

Jetzt, im Schillersaal der Liederhalle, war Joachim Gauck spürbar auf Ausgleich bedacht - fast schien es so, als wollte er Ostertag und seine Mitstreiter zur Mäßigung ermahnen: "Wer nichts Positives mehr sieht, wer krampfhaft auf die Erinnerung setzt, der wird neurotisch." Er selbst sei in die Details um das Hotel Silber nicht eingeweiht, wolle deshalb "Distanz halten" und vertraue darauf, dass man bei Stadt und Land wisse, worum es an diesem historischen Ort gehe. Gauck nannte Ostertag einen "Aktivisten" und fragte ihn spontan: "Sind Sie eigentlich Stuttgarter?" Der Saal quittierte das mit Heiterkeit - Ostertag wiederum wirkte ein ums andere Mal, als wäre ihm recht unbehaglich. Der gefühlte Bundespräsident ließ sich partout nicht von ihm vereinnahmen. Gaucks spätere Lesung wiederum berührte seine Zuhörer tief - langanhaltender Beifall.

Am Samstag also feiert Roland Ostertag, der gebürtige Ludwigsburger, der sein Arbeitsleben in Braunschweig und Stuttgart verbracht hat, seinen 80. Geburtstag. Aus dem einstigen Mitarbeiter des legendären Architekten Rolf Gutbrod, der eine erfolgreiche Laufbahn als Planer, Hochschullehrer und Präsident der Bundesarchitektenkammer hinter sich hat, ist ein unerbittlicher Kritiker der hiesigen Verhältnisse geworden: Ob Stuttgart 21, ob die Lusthausruine im Schlossgarten, ob die Weißenhofsiedlung, das Hotel Silber, das neue Königsbauquartier oder der viele Beton in der Stadt - überall sieht Ostertag Defizite, Gedankenlosigkeit und blankes Profitdenken. Davon hat ihn auch Joachim Gauck nicht abgebracht.
Kommentare (11)
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FEB
18
Harald Berner, 21:44 Uhr

@ Jon

Mir wäre es lieber bei Untaten gewisser Herren, die Berichterstatter würden Ross und Reiter nennen - z.B. Betrügereien bei dem Rentner über den Tische gezogen werden - Kaffeefahrten etc. - aber nein immer schön vernebelt, dass die herren auch weitermachen können und nicht erkannt werden! Sicher problematisch, aber diese Herrschaften könnten ja Stellung beziehen, was Sie vorziehen nicht zu tun, weil Justiz und dubiose Rechtsanwälte diese schützen! Die Justiz kann manchmal auch nichts dafür, da sollten die Politiker deutlichere Gesetze schreiben die man auch versteht und keines Kommentars bedarf! Oder braucht man einen Kommentator für die Bibel oder den Koran? Nein! @ Jon ich habe mich auch geschämt, als die Grenzen fielen, sind die Versicherungsvertreter und sonstige Händler und Vertreter regelrecht über die Bevölkerung hergefallen und niemand hat Einhalt geboten! Kein Kohl, und kein Genscher ohne deren Verdient zu schmälern aber da wurden Sie ausgehebelt! Windige Geschäftemacher gehören auf eine einsame Insel verbannt aber nicht in der Südsee da wär’s viel zu warm Grüße an die Brüder im Osten der Republik - weitermachen und kämpfen!

FEB
18
M, 19:25 Uhr

Ostertag

Ein ansprechender Bericht über Stuttgarts "Dagegen-Architekten"

FEB
18
Jon, 17:20 Uhr

@Harald Berner

Ja dafür haben wir nun Herrn Wulff, einen weiteren dieser korrupten Grössen der Republik, aber wenigstens belästigt er einen nicht auch noch mit seinen moralinsauren Vorträgen zur Deutungshoheit über die DDR-Geschichte. Was er zur Erinnerung der jüngeren Geschichte beiträgt, kennen wir bis zum Erbrechen und brauchen es ebenso wenig wie seine staatstragenden Beiträge zur politischen Moral. Er ist ja gut angekommen in der CDU regierten Republik, was seine Landsleute aus dem Osten so beizutragen hätten über die Segnungen der neuen Republik interessiert ihn wohl wissentlich eher weniger. Da beschäftigt sich der feine Herr schon lieber mit Gewissensschnüffelei und Verfolgung Andersdenkender. Ich will nicht missverstanden werden, das Unrecht der DDR Diktatur muss thematisiert werden, aber doch bitte im Diskurs und unter Einbeziehung der Täter und derer die keine Gegner des Systems waren. Wie es läuft wenn das Widersprüchliche nicht in das Neue integriert wird, haben wir ja zur Genüge nach 1945 erlebt. Herrn Wulffs Gequake ist wenigstens so irrelevant, dass es keinen weiteren Schaden anrichtet, Herr Gauck genießt ja zu allem Übel auch noch hohes Ansehen und sein autoritäres moralisches Geschwätz wird leider ernst genommen.

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