Jörg Kachelmann Die Stunde der Glaubwürdigkeit
Carolin Leins, vom 05.09.2010 09:48 Uhr
Mannheim - Jörg Kachelmann, das ist der Strahlemann, der die Wettervorhersage auf dem Fernsehbildschirm revolutioniert hat. Der mit zerzaustem Haar vor der wolkenverhangenen Karte steht und erzählt, dass es "suppt" und "schifft". Er ist der populärste deutsche Meteorologe, lässig, lustig, redegewandt, mit einem millionenschweren Unternehmen im Rücken.
Doch dieses Bild hat sich auf einen Schlag verändert. Am 20. März, als Jörg Kachelmann von den Olympischen Winterspielen in Vancouver zurückkehrte, wurde er am Flughafen in Frankfurt festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Anfang Februar, in der Nacht vor seiner Abreise nach Kanada, seine langjährige Freundin mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann kam in Untersuchungshaft nach Mannheim. Bei einem Gerichtstermin Ende März sagte er zu Journalisten, er sei unschuldig. Seine Anwälte legten vergeblich Haftbeschwerde ein. Am 29. Juli, nach 132 Tagen, wurde der ARD-Moderator überraschend aus dem Gefängnis entlassen. Laut dem Oberlandesgericht Karlsruhe kann nicht ausgeschlossen werden, dass das mutmaßliche Opfer Jörg Kachelmann mit einer Falschaussage schwer belastet hat.
Die berufliche Zukunft ist offen
Der Prozess wird dem Wettermann dennoch gemacht. Und egal, wie dieser ausgeht - Kachelmanns Image hat in den vergangenen Monaten schwer gelitten, seine berufliche Zukunft ist offen. Boulevardblätter wie Nachrichtenmagazine zitierten nicht nur ausführlich aus den Ermittlungsakten und Gutachten. Auch sein Privat- und Sexualleben wurde ausgebreitet, Exfreundinnen durften seitenfüllend "auspacken". In vielen Medien ging es mehr um die Frage, was für ein Mensch Jörg Kachelmann ist - ganz gleich, was er möglicherweise getan hat oder nicht. "Zu verhandeln ist aber nicht seine Persönlichkeit", sagte der Berliner Strafverteidiger Ulrich Wehner der dpa. Der Vorwurf laute nicht: "allgemeine Fehlbehandlung von Frauen".
Jörg Kachelmann, geboren 1958 in Lörrach, aufgewachsen in der Schweiz, ist vom Medienstar zum Gejagten der Presse geworden. Das Interesse der Öffentlichkeit an dem Fall ist gewaltig. Wie am Tag seiner Freilassung Ende Juli werden sich am Montag Dutzende von Reportern, Kamerateams und Schaulustige vor dem Mannheimer Justizgebäude positionieren. 48 Medienvertreter sind im streng abgeriegelten Gerichtssaal zugelassen, mehr als doppelt so viele hatten sich beworben.
Es steht Aussage gegen Aussage
Die zentrale Frage der Verhandlung wird sein: Was geschah in jener Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 in der Schwetzinger Wohnung des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers? Es steht Aussage gegen Aussage. Es geht um die Glaubwürdigkeit von Kachelmann und die Glaubwürdigkeit der Frau, die ihn angezeigt hat.
Gut zwei Dutzend Zeugen sollen gehört werden. Zu deren Identität macht das Landgericht Mannheim aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Angaben. Laut der "Bild"-Zeitung sind darunter neun Frauen aus Kachelmanns Umfeld sowie die Eltern des mutmaßlichen Opfers. Außerdem sind mehrere Gutachter wie Rechtsmediziner und Psychologen geladen. Die Frau, die als Nebenklägerin auftritt, soll erst an einem der letzten Prozesstage aussagen, vermutlich am 13. Oktober. Ob Medien oder Besucher sie und die anderen Freundinnen je zu Gesicht bekommen, ist fraglich, da das Gericht die Öffentlichkeit ausschließen kann. Die Aussagen der Frauen werden dann nur zusammengefasst vom Vorsitzenden Richter Michael Seidling bekannt gegeben. Mit einem Urteil wird nicht vor Ende Oktober gerechnet.