Jonathan Franzen Die Freiheit der anderen
Julia Schröder, 09.09.2010 06:27 Uhr
 Foto: dpa
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Walter und Patty Berglund, heißt es zu Beginn, "waren die jungen Pioniere von Ramsey Hill gewesen - die ersten College-Absolventen, die sich ein Haus an der Barrier Street kauften, nachdem der alte Stadtkern von St. Paul drei Jahrzehnte zuvor auf den Hund gekommen war". Sie schuften sich ab, um aus einer baufälligen Villa ein Heim für sich und ihre beiden hoffnungsvollen Kinder Joey und Jessica zu machen, um sie herum tun weitere junge Familien es ihnen nach, es ist die perfekte kleine Welt, die ihre perfekte kleine Mittelstandsethik formuliert hat. Bis Joey, ein von seiner Mutter Patty vergötterter kleiner Satansbraten, anfängt, mit dem unstandesgemäßen Nachbarsmädchen herumzumachen.

Bis Patty sich Walters ganz anders geartetem besten Freund in die Arme wirft. Bis der Umweltschützer und Vogelfreund Walter die Nase voll hat vom Gutsein im kleinen Maßstab und beginnt, das ganz große Feigenblatt des Naturschutzes für einen republikanischen Milliardär und Umweltvernichter zu schneidern.

Das Unglück des Einzelnen


Aus wechselnden Perspektiven erfahren wir, woher das Unglück jedes Einzelnen stammt: wie Patty, von ihrer großbürgerlich- liberalen New Yorker Familie als unbegabtestes Kind verspottet, sich nach der ungesühnten Vergewaltigung durch einen Schulkameraden allein dem Basketball und später der Häuslichkeit verschrieb; warum Walter aus - Obacht, Dylanologen! - Hibbing, Minnesota, Sohn eines nichtsnutzigen Alkoholikers, seine Lebensaufgabe darin sieht, die traumatisierte Patty und die Umwelt zu retten; dass Patty mit ein bisschen weniger Rettung und ein bisschen mehr hemmungslosem Sex eher gedient gewesen wäre, den sie nach jahrzehntelangem Aufschub von Walters bestem Freund, dem ungezähmten Rockmusiker Richard, bekommt (was auf Dauer nichts hilft); dass Walter, dies irgendwann erfahrend, ja gar nicht anders kann, als sich mit seiner ihn anschmachtenden Mitarbeiterin Lalitha einzulassen; wie Joey, von Kindesbeinen an der "designierte Versteher" seiner Mutter, vom eigenen skrupellos opportunistischem Geschäftssinn an den Rand des moralischen Untergangs gebracht wird.

Satirische Übertreibungen bleiben aus


Franzen lässt dabei kaum ein dramaturgisches Register ungezogen und kaum einen spannungsfördernden Kunstgriff aus. So bringt er Pattys Sicht der Dinge mit zwei großen autobiografischen, quasi therapeutischen Manuskripten aus ihrer Feder ins Spiel - die dann natürlich, als Realien im Roman auftauchend, dessen Ablauf ganz schön dynamisieren. - Wie er allerdings die mit großem Aufwand als Inbegriff von Jugend, Unschuld und Schönheit aufgebaute Lalitha zur einzigen wirklich tragischen Figur des Romans macht, indem er sie brutalstmöglich daraus entfernt, wird man ihm ein bisschen übelnehmen dürfen.

Das alles kommt weitgehend ohne die satirischen Übertreibungen aus, die passagenweise an den "Korrekturen" auffielen. Einzig den Teil der US-amerikanischen Gesellschaft, der hauptsächlich dazu beigetragen hat, den Ruf der Nation im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu ruinieren, straft Franzens Sarkasmus ebenso lustvoll wie gnadenlos ab: die heuchlerischen Profiteure der Regierung Bush, die neokonservativen Lobredner der Ressourcenverschwendung, die Vordenker des Irakfeldzugs und all die Schmeißfliegen, die damit ihren Reibach gemacht haben.

Freiheit auf Kosten der anderen


Das Thema des Romans ist die Frage, was die Bewohner der westlichen Welt mit der Freiheit, ihrer fetischisierten größten Errungenschaft, anfangen. Die einen wollen frei von Bindungen sein, die anderen die Freiheit erlangen, sich binden zu können. Für den einen bedeutet Freiheit, sich in die Stille der Natur zurückzuziehen, für den anderen, diese Stille mit seinem Lärm zu beleben.

Es siegen fast immer diejenigen, die sich die Freiheit auf Kosten der anderen nehmen, und die meisten finden nichts dabei, wenn andere für ihre Freiheit bezahlen. Jonathan Franzen lässt das für einmal am Ende gut ausgehen: in der blessierten Familie Berglund. Er muss uns nicht sagen, dass es sich meist nicht so verhält. Wir sind so frei, darüber zu lachen und zu weinen, denn wir wissen es ja.

Jonathan Franzen: Freiheit. Roman. Deutsch von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeldt. Rowohlt Verlag, Reinbek. 734 Seiten, 24,95 Euro.
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