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Jonathan Franzen Die Freiheit der anderen

Julia Schröder, vom 09.09.2010 06:27 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Jetzt ist er also da: "Freiheit", der lang erwartete neue Roman von Jonathan Franzen, vor gut einer Woche erst im amerikanischen Original ("Freedom") erschienen und jetzt schon, aus dem Manuskript übersetzt und schnell noch um eine Woche vorgezogen, auf Deutsch.

Die Hektik des Vorgangs, medial vergleichbar hektisch begleitet (die erste Rezension der deutschen Übersetzung brachte die FAZ bereits am Samstag; am Donnerstagnachmittag hatte der Verlag den 730-Seiten-Fahnenabzug als pdf-Datei an die Redaktionen geschickt), könnte merkwürdig anmuten bei einem Autor, der behauptet, einer Erscheinung unseres modernen Lebens wie dem Internet reserviert gegenüber zu stehen. Aber bei Jonathan Franzen, dem auf seine ebenso reservierte wie brillante Weise immer noch jungenhaft wirkenden, die großen Auditorien seiner Lesereisen begeisternden Schriftsteller des Jahrgangs 1959, ist die Sache nicht so einfach.

Korb für Oprah Winfrey


Als 2001 sein Roman "Die Korrekturen" erschien, hatte Franzen der Talkshowgöttin Oprah Winfrey einen Korb gegeben, trotzdem wurde das Buch zum Weltbestseller. Allerdings kam der Autor, um der vom Verlag angepeilten Wiederholung des Erfolgs aufzuhelfen, nicht umhin, das neue Buch auf der Internetplattform Youtube zu bewerben. Setzen die Reste der Gutenberg-Galaxis in den Staaten also mit Recht große Hoffnungen auf den Mann, der keine Probleme mit dem Format der Fußstapfen von Updike und Roth zu haben scheint?

Auch ästhetisch ist die Sache ja nicht so einfach. In dem einzigen größeren Prosawerk, das er in den neun Jahren seit den "Korrekturen" veröffentlicht hat, seinem autobiografischen Buch "Die Unruhezone" (2007), bekannte Franzen sich zu Kafka als Lehrmeister der offen Form; an Thomas Mann, mit dessen "Buddenbrooks" seine "Korrekturen" verglichen wurden, lehnte er dagegen die "tödliche Frostigkeit formaler Perfektion" ebenso ab wie das beruhigende, bürgerlich-gebildete Sich-Runden der Handlung.

Gleichwohl ist "Freiheit" wieder der Roman einer Familie geworden, und neben der Überschaubarkeit des Personals ist die Perfektion der Romankonstruktion unübersehbar; sogar der Schluss hat, nach allen Höhen und Tiefen, wieder das verhalten Optimistische eines behutsamen Aufbruchs, mit dem "Die Korrekturen" ihre beglückten Leser entlassen hatten.

Vielleicht hat Franzen die Phase, in der einer mit anstrengenden, dickleibigen Büchern gegen die Wand des Publikumsdesinteresses rennt, mit seinem Debüt "Die 27te Stadt" und seinem Zweitling "Schweres Beben", deren Originalausgaben vor den "Korrekturen" um 1990 erschienen, einfach hinter sich gebracht. Jedenfalls kommt der Leser seines jüngsten Opus nicht immer umhin, sich zu fragen, ob "Freiheit" wirklich mehr ist als die Vervollkommung eines bewährten Rezepts.

Franzen weiß, wie es auf der Welt zugehen sollte


In der Zwischenzeit aber kann er sich getrost und ohne Reue der wie immer ungeheuer einfallsreichen Erzählkunst dieses Schriftstellers überlassen, der so viel darüber weiß, wie es in seiner Welt - den USA der Generationen, die die Jahrtausendwende als Erwachsene erlebt haben - zugeht, und trotzdem nicht aus den Augen verliert, wie es zugehen sollte auf der Welt.

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise", heißt es zu Beginn der jüngsten (von Rosemarie Tietze besorgten) Übersetzung von Tolstois "Anna Karenina", und dementsprechend muss auch jeder Roman über eine unglückliche Familie auf seine Weise überzeugen. Tolstoi wird irgendwann viel gelesen in "Freiheit", wenn auch - obwohl es vielleicht besser passen würde - nicht der Ehebruchsroman "Anna Karenina", sondern "Krieg und Frieden". Aber da ist schon sehr viel passiert in der glücklichen Familie, die die Berglunds für eine Weile waren.

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