Journalisten-Thriller: „Spotlight“ Ende eines Schweigekartells

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Im Jahr 2001 beginnt die örtliche Tageszeitung im katholisch geprägten Boston mit Recherchen über sexuellen Missbrauch durch Priester. Tom McCarthys Spielfilm zeigt, wie sich Journalisten dabei auch eigenen Fehlern stellen müssen.

Die Journalisten des „Boston Globe“ (von links:  Rachel McAdams, Mark Ruffalo, 


Brian d’Arcy James, Michael Keaton und  John Slattery) debattieren, ob sie sich an die Verbrechen der Priester  in ihrer Stadt wagen sollen Foto: Verleih
Die Journalisten des „Boston Globe“ (von links: Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Brian d’Arcy James, Michael Keaton und John Slattery) debattieren, ob sie sich an die Verbrechen der Priester in ihrer Stadt wagen sollenFoto: Verleih

Stuttgart - Der Arbeitsplatz von Journalisten in einer Zeitungsredaktion darf ruhig laut, beengt und ungemütlich sein. So haben das Spielfilme wie „Die Unbestechlichen“ (1976) über die Enthüllung des Watergate-Skandals oder die TV-Serie „Lou Grant“ über die Nachrichtenjagd in Los Angeles erzählt. Nicht, dass Hollywood schon immer etwas gegen Print-Journalisten gehabt hätte, im Gegenteil. Das Unheimelige des Arbeitsplatzes, wird uns nahegelegt, sorgt dafür, dass der Journalist dort wirklich nur seine nächste Geschichte in die Tastatur hackt, dass er sich ansonsten draußen in der Stadt herumtreibt, die er besser kennen sollte als seine Westentasche. So kann er, lautet die Wunschvorstellung, all ihre Funktionsstörungen öffentlich machen, bevor sie gefährlich werden.

Macht und Grenzen der Presse

In Zeiten, in denen auch halbwegs gebildete Zeitgenossen „Lügenpresse“ kreischen, wenn die Medien Fakten vermelden oder Ansichten zu bedenken geben, die nicht zum eigenen Weltbild passen, kommt noch einmal ein US-Film über die Macht und Grenzen journalistischer Neugier daher: „Spotlight“. Er geht sogar in sechs Kategorien ins Oscar-Rennen, darunter bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptrolle. Wird da eine nostalgisch verklärte Abschiedsparty geschmissen?

So leicht fällt der Ausschluss einer möglichen Filminterpretation selten: Nein, Nostalgie ist nicht die Triebfeder des von dem Regisseur Tom McCarthy und dem Autor Josh Singer an einem realen Fall entlang geschriebenen Drehbuchs. „Spotlight“ geht dorthin, wo es doppelt weh tut: hinein in die Kindesmissbrauchshistorie des Erzbistums Boston, aber auch hinein in eine Gesellschaft, die gewusst, weggeschaut, geschwiegen hat. Teil dieser Vertuschungs­gesellschaft war die Zeitung „The Boston Globe“, eigentlich eine der journalistischen Qualitätsinstanzen der USA.

Abseits des Trubels

Laut, ungemütlich, hektisch geht es auch hier an vielen Arbeitsplätzen zu. Aber ein paar, die besonders wichtig sind für die Handlung des Films, liegen nicht im täglichen Krisenstrudel des Newsrooms, sondern abseits in einer Art Kellerbüro. Hier arbeitet ganz nach eigenem Gusto eine kleine Elitetruppe, Spotlight genannt, die befreit ist von den Zwängen des Alltags. Sie darf die besonderen, nachhaltigen Geschichten recherchieren. Gründlichkeit geht dabei vor Termindruck. Das unansehnliche Kabuff ist der Journalistenhimmel.

Wie in vielen klugen Filmen wird auch in „Spotlight“ nicht jede interessante Aussage in Dialoge verpackt. McCarthy („The Station Agent“, „Ein Sommer in New York – The Visitor“) zeigt die Arbeitsplätze der Spürhunde so, dass nicht nur deren Herausgenommensein aus Befehlsketten und Alltagstrott klar wird. Der Ort mischt auf seltsame Weise Abgeschoben- und Abgehobensein, legt nahe, wie schnell man hier im eigenen Saft schmoren kann, wie klein der Kreis derer ist, die das eigene kollektive Tun kritisch hinterfragen.