Jubiläum Die Tagesschau wird 60

Ariane Holzhausen, 26.12.2012 09:21 Uhr

Hamburg - Es ist jeden Abend das Gleiche. Erst Ta-ta, ta ta ta taaa, dann die höfliche Begrüßung, die etwas aus der Zeit gefallen wirkt: „Guten Abend, meine Damen und Herren“ – und schon nimmt ein geschätztes Abendritual seinen Lauf. Rund neun Millionen Zuschauer versammeln sich allabendlich vor dem Bildschirm, um von der „Tagesschau“ zu erfahren, was auf der Welt passiert ist. Sie erfahren das alles von einem Vorleser oder einer Vorleserin, wie man sie heute kaum noch im Fernsehen sieht: Der Ton ist sachlich, die Sprache präzise, bisweilen auch bürokratisch. Man könnte geradezu meinen, jetzt, an ihrem sechzigsten Geburtstag sei die „Tagesschau“ noch ganz die Alte.

Dabei sah die als „Mutter aller Nachrichtensendungen“ viel gepriesene „Tagesschau“ noch ganz anders aus, als sie am 26. Dezember 1952 erstmals auf Sendung ging. Zunächst gab es nur montags, mittwochs und freitags eine Sendung, die aus dem Restmaterial der Kino-„Wochenschau“ zusammengebastelt wurde. Das waren bunte und boulevardeske Bilder, weder von Politik noch von Sprechern war etwas zu sehen. Das erste Gesicht der „Tagesschau“ wurde dann Karl-Heinz Köpcke, der im Jahr 1959 erstmals im Bild zu sehen war. Da lief die „Tagesschau“ längst täglich. Die britische BBC wurde zum Vorbild, seriöse Nachrichten und Kommentare sollten stets streng voneinander getrennt sein. In Zeiten, in denen noch gut die Hälfte aller Fernsehzuschauer die Sendung verfolgten, gehörte es schnell zum guten Ton, während der fünfzehn spannenden Minuten Weltgeschehen nicht anzurufen und die Moderatoren für eine Art Regierungssprecher zu halten.

Längst sind die Nachrichten online immer und überall

Heute sitzt um 20 Uhr keiner mehr aufgeregt auf dem Sofa. Längst sind Nachrichten online immer und überall verfügbar – und dennoch behauptet sich die älteste Quotenkönigin der Republik als Marktführerin. „Die ‚Tagesschau‘ ist keine Sendung, sondern pure Gewohnheit. Die kann man auch in Latein verlesen“, hat einst der RTL-Chef Helmut Thoma gelästert – und damit seinen Neid offenbart, dass die Privatsender mit ihren Nachrichtensendungen nicht gegen das ARD-Flaggschiff ankommen konnten.

Mit seiner These, der Erfolg der „Tagesschau“ beruhe auf Gewohnheit, lag Thoma nicht falsch. Aber da sich Glaubwürdigkeit an Rituale knüpft, liegt hier die Stärke der Nachrichtensendung. Modernisierungen gab es über die Jahre viele, doch nie wurde radikal, stets nur vorsichtig verändert. Hier wurde ein wenig an der Fanfare gefeilt, da etwas am Design.

Die Meinung früher: Frauen sind als Sprecher zu emotional

Den Verantwortlichen ist schon früh aufgegangen, dass es sich bei der „Tagesschau“ um eine Art Heiligtum handelt. Dem Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke war 1974 im Sommerurlaub ein Schnurrbart gewachsen, den er stehen ließ, um eine Schramme zu verdecken. Es hagelte Proteste, der Schnauzer musste wieder ab. Lange hatte man sich auch Gedanken gemacht, ob es wohl gut wäre, eine Frau ans Sprecherpult zu lassen. Das würde doch sehr von den Inhalten ablenken, meinten viele. Andere wiederum glaubten, dass Frauen für diese Aufgabe zu emotional seien. Viele Überlegungen später – es war erst im Jahr 1976 so weit – durfte Dagmar Berghoff als Erste beweisen, dass auch Frauen Nachrichten vorlesen können.

Als im Frühjahr 2012 verkündet wurde, dass große Neuerungen ins Haus stehen, waren viele Zuschauer entsetzt. Nicht nur ein neues Studio wird in Kürze eingeweiht, die Moderatoren sollen auch Grafiken auf einem berührungsempfindlichen Bildschirm erklären. Der Sturm der Empörung brach endgültig los, als vermeldet wurde, dass die ARD die berühmte Titelmelodie abschaffen wolle. Der große Aufruhr zum 60. Geburtstag der „Tageschau“ ist ein Kompliment. In Zeiten, in denen sich jeder immer und überall Nachrichten abholen kann, könnten solche Modernisierungen egal sein. Aber mit ihrer altmodischen Darreichung von Nachrichten hat die Sendung ihren Ruf von Seriosität und Glaubwürdigkeit jahrzehntelang aufgebaut. Darum wird der Chefredakteur der Redaktion ARD-Aktuell, Kai Gniffke, nicht müde, die Modernisierungen schnell wieder ins Licht der Seriosität zu rücken.

Das neue Studio wird bald zu sehen sein

Die Erkennungsmelodie werde nicht entsorgt, sondern – wie in der Vergangenheit bereits dreimal geschehen – nur überarbeitet, betonte Gniffke in unzähligen Interviews. Das neue Studio für knapp 24 Millionen Euro sei nur nötig, weil die vorhandene Technik, die Funktionalität und das Design nicht mehr zeitgemäß seien. Außerdem setze man auf eine Realkulisse, nicht auf Virtualität wie beispielsweise die „heute“-Sendung im ZDF: „Je realer etwas ist, desto glaubwürdiger ist es auch“, erklärte Gniffke, um dem Zweiten gleich noch eins mitzugeben und die Echtheit der „Tagesschau“ hervorzuheben. Vielleicht ist der wichtigste Punkt aber auch der: die Nachrichten werden weiterhin vorgelesen.

Dieses steife Verharren in Formalitäten – auch wenn die Begrüßungs-und Abschiedsfloskel minimal variieren –, all das Ritualisierte kann man leicht als muffig abtun. Man kann es aber auch begrüßen, dass hier Verlässlichkeit herrscht ohne Anbiederung an die Jugend, ohne Coolnessfaktor.

Die Tagesschau digitalisiert sich auf ganzer Linie

Um den Anschluss an die Internet-Generation aber nicht zu verlieren, digitalisiert sich die „Tagesschau“ inzwischen auf ganzer Linie, von der Online-Ausgabe bis zu den Apps.

Wichtige Sendezeit der „Tagesschau“ wird damit gefüllt, auf diese Inhalte zu verweisen und den Zuschauern so zu vermitteln, dass sie sich um ihre journalistische Grundversorgung keine Sorgen machen müssen. Für ein gebührenfinanziertes Unternehmen, zumal durch die neue Haushaltsabgabe gut versichert, sind solche Ange­bote leicht zu verkünden. Verlagshäuser, die um die Finanzierbarkeit von Qualitätsjournalismus wirtschaftlich kämpfen müssen, sehen diese Entwicklung kritisch. Gniffke hat darauf eine simple Antwort: „Gäbe es die ‚Tagesschau‘ nicht, würde das Geld bei den Verlagen trotzdem nicht sprudeln“, sagte er im „Medium-Magazin“, seine Redaktion sei „nicht schuld daran, dass es erst wenige funktionierende Erlösmodelle für Qualitätsjournalismus gibt“.

Die Seriosität ist das Pfund, mit dem die Sendung wuchert

Mit sechzig ist die „Tagesschau“ nicht zu jung für eine Frischzellenkur. Aber wie in der Vergangenheit kommt es auch jetzt wieder auf das richtige Maß an, damit die Wiedererkennbarkeit garantiert bleibt. Wenn das Ergebnis der Modernisierung nur modisch ausfiele, wäre das eine Gefahr für das Ansehen der Sendung. Ihre Altehrwürdigkeit und Seriosität sind das Pfund, mit dem die alte Tante „Tagesschau“ weiter wuchern kann.