Jubiläum im Laboratorium Still got the Blues

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Das Laboratorium versorgt Stuttgart mit musikalischen Spielarten, die weder als hipp noch als zeitgemäß gelten. Dennoch oder gerade deshalb finden hier über 100 Veranstaltungen von Blues über Weltmusik bis Rock statt. Ein Besuch in einer Spielstätte, die seit 40 Jahren einen kulturellen Bildungsauftrag erfüllt in einer Stadt, in der man es mit Bildung nicht immer leicht hat.

Die Macher des Laboratorium um Gründerin Heidi Schmid (ganz rechts) Foto: Martin Stollberg
Die Macher des Laboratorium um Gründerin Heidi Schmid (ganz rechts) Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Da will man seine Ruhe haben. Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Im Schlampazius ob all der persönlichen Niederlagen der vergangenen Woche unbeobachtet in das Bier weinen, sich über dieses Museum der Kneipenkultur freuen, die Dokumente längt vergangener Jahre, ja Jahrzehnte genießen, kurz, sich über einen Rückzugsort freuen, in dem die Uhr Ende der 80er stehen geblieben ist. Und plötzlich steht Farin Urlaub neben einem. Der Sänger der nach eigenen Angaben besten Band der Welt, Die Ärzte, mustert das Interieur des Schlampazius, während man selbst versucht, die Halbe vor Schreck nicht auf den Boden krachen zu lassen.

Der Wirt Ramon, ein Vertreter jener Spezies, der mit den Jahren der Nachname verlustig geht, ohne dass es einen Unterschied macht, ist da deutlich cooler. Zielsicher greift er zwischen eine Kubafahne und ein Plakat der „Langen Nacht der Museen“ vom Anfang der Nullerjahre, zieht eine Konzertkarte der Ärzte hervor, Baujahr frühe 90er, und wedelt damit fröhlich vor der Nase von Farin Urlaub, Rod, Bela B und etlichen Mitgliedern der Ärzte-Crew herum, die an diesem Donnerstagabend die Stammbesetzung des Schlampazius dezent aus der Fassung bringen. An den beiden Folge-Abenden werden Die Ärzte zweimal vor ausverkauftem Haus in der Schleyer-Halle vorspielen. Dieser Donnerstag ist aber der letzte freie Abend ihrer Tour, den Band und Anhang noch einmal gemeinsam stilvoll zelebrieren wollen. Klar, dass man sich da das Schlampazius für den Auftakt-Absacker heraussucht. Selbst eine der kommerziell erfolgreichsten Bands Deutschlands kommt eben nicht alle Tage in den Genuss, in vierzig Jahre Kneipengeschichte eintauchen zu können.

Das Lab versorgt Stuttgart mit Blues und Co.

Hätten Die Ärzte mehr Freizeit in Stuttgart eingeplant, sie hätten vielleicht die wenigen Schritte genommen, um sich im Laboratorium, der Spielstätte neben dem gleich alten Schlampazius, eines der unzähligen Konzerte anzusehen, die hier stattfinden. Geschadet hätte ihnen die musikalische Nachhilfe gewiss nicht. Das Lab versorgt Stuttgart mit Blues, mit Weltmusik und weiteren Spielarten, die sonst keine Lobby und kein Zuhause haben. Das Musikprogramm ist dabei jenseits aller Coolness-Codes.

Wenn man die Geschichte einer Lokalität verstehen will, die seit 40 Jahren einem Bildungsauftrag nachkommt in einer Stadt, in der es die Bildung nicht immer leicht hat, reicht es nicht, nur eine Person erzählen zu lassen.

Ein Mensch darf im Fall Laboratorium auf keinen Fall fehlen: Heidi Schmid, die das Lab einst mit ihrem Mann Randolf „Randi“ am 27. September 1972 ins Leben gerufen hat. Randi weilt seit zwölf Jahren nicht mehr unter den irdischen Konzertveranstaltern. Der Besuch bei seiner Witwe in Ostfildern sollte auf dem Lehrplan jeder Schule stehen, denn Heidi Schmid ist ein 70 Jahre altes Lexikon der Stuttgarter Populärkultur auf zwei Beinen.