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Judas Priest in Stuttgart Der Geruch von Schweiß, Bier und alten Jeansjacken

Von Jens H. Krumeich 

Judas Priest wechseln bei ihrem Stuttgarter Konzert dutzendfach das Outfit. Ihre Show übertreibt und ist doch groß – nicht nur, weil die Band eine Ikone der schwulen Kultur ist.

Judas Priest spielen in Stuttgart kein bisschen angestaubten Heavy Metal. Ikonen der Schwulenkultur sind sie ohnehin. Weitere Bilder vom Auftritt in der Schleyerhalle zeigt die folgende Fotostrecke. Foto: buehnengraben.de / Martin Olbrich 19 Bilder
Judas Priest spielen in Stuttgart kein bisschen angestaubten Heavy Metal. Ikonen der Schwulenkultur sind sie ohnehin. Weitere Bilder vom Auftritt in der Schleyerhalle zeigt die folgende Fotostrecke.Foto: buehnengraben.de / Martin Olbrich

Stuttgart - An diesem Montagabend liegt ein Geruch irgendwo zwischen Secondhandladen und Eckkneipe in der Luft. Es riecht nach Schweiß, Bier und alten Jeansjacken. Das Stuttgarter Publikum wartet mit Bierbechern in der Hand in ärmellose Aufnäher verzierten Kutten auf ein langersehntes Event: Judas Priest sind zurück auf deutschen Bühnen und präsentieren in der Schleyerhalle mit Klassikern wie „Breaking the Law“, „Turbo Lover“ oder „Living After Midnight“ und ein paar Songs vom aktuellen Album „Redeemer of Souls“ einen 95-minütigen Beweis dafür, warum die Band einen festen Platz im Heavy-Metal-Olymp innehat.

64 Jahre, so alt ist der Judas-Priest-Sänger Rob Halford mittlerweile. Eine imposante Erscheinung mit kahlem, tätowierten Schädel und schwarz gefärbtem Bart. Jetzt stapft er in Sonnenbrille, schweren Stiefeln, einem langen schwarzen Ledermantel, gestützt auf einem stattlichen schwarzen Spazierstock mit Silberknauf über die große Bühne und 5000 Zuschauer sind gebannt. Den Titel „Metal God“ haben die Fans dem Frontmann der Band aus Birmingham in Anlehnung an den Song „Metal Gods“ vor Ewigkeiten verliehen. Längst hält Halford die Markenrechte daran inne, weil er es wertschätze, so bezeichnet zu werden. Und überhaupt: „I don’t wan’t anybody else to be the Metal God but me“, wie er mal bei „Later with Jools Holland“ explizierte.

Der vornehme Schwule des Heavy Metal

Der kultisch verehrte Halford ist ein Phänomen. Er sei zum „stately homo“, zum vornehmen Schwulen, des Heavy Metal geworden, gab Rob Halford im Sommer dem englischen Guardian zu Protokoll. Als homosexueller Mann in der vermeintlichen Macho-Domäne des Heavy Metal nimmt er als prominentestes Beispiel für sexuelle Vielfalt eine besondere Stellung ein.

Außerdem ist der Einfluss auf dessen Geschichte unverkennbar. Halford gehörte mit Judas Priest zu den Pionieren, die dem Hardrock die Blues-Wurzeln kappten und daraus den Heavy Metal, wie man ihn heute kennt, kreierten. Mit seiner über viereinhalb Oktaven verfügenden Stimme pendelte der Frontmann zwischen lautem Kreischen und hohem Quieken bis hin zu einem tiefen Grollen, das aus dem Zwerchfell zu kommen scheint.

Judas Priest übernimmt in den 1970ern Teile des Motorrad- und Lederfetisch und definiert damit das Erscheinungsbild einer entstehenden musikalischen Subkultur entscheidend mit. Ergänzt wird das durch eine klar homosexuelle Konnotation, die den Zeitgenossen nicht auffiel. So erfolgte Halfords offizielles Outing zwar erst 1998 in einem MTV-Interview, doch führte er viel früher die Ästhetik und Symbolik der meist schwulen BDSM-Lederszene in das Genre ein. Zu dem Zeitpunkt war Halford gerade im selbst gewählten Ruhestand und bei Judas Priest von seinem Imitator Tim „Ripper“ Owens ersetzt. Fünf Jahre später meldete er sich zum Dienst zurück. Mehr als eine Dekade liegt das nun zurück. Nach der als Abschiedstournee angekündigten 2011er Welttour sind Judas Priest wieder da.

Viel besser als die Vorband UFO, aber ...

Dass der Auftritt kein bisschen angestaubt daherkommt liegt zum einem an der enormen Ausstrahlung des Frontmanns, aber auch am beeindruckenden Spiel der Band. Scott Travis’ markantes Double-Bass-Drum-Spiel ist im positiven Sinne erschlagend. Bestes Beispiel dafür ist der brachiale Evergreen „Painkiller“. Ian Hill am Bass hält sich vornehm zurück, während die doppelten Leadgitarren von Urgestein Glenn Tipton und dem Mit-Dreißiger Richie Faulkner seit jeher ein Markenzeichen des Judas-Priest-Sounds sind: schnell und virtuos, aber niemals öde.

Nicht einmal Faulkners übertriebenen Rockstarposen können diesen Eindruck schmälern. Das ist wichtig zu erwähnen, wagt man den Vergleich mit der Vorband UFO. Den Hardrock-Urgesteinen aus England, bei denen Michael Schenker lange Gitarre spielte, gelingt es nämlich zu keiner Zeit, sich von einem routinierten Altherrenrock zu lösen. Bester Beleg für diese Ödnis ist Vinnie Moore, Schenkers Nachfolger an der E-Gitarre. Dieser imitiert die Soli seines Vorgängers haargenau. Für Eigenständigkeit bleibt da kein Raum. Langeweile macht sich breit, die nicht einmal von veritablen Klassikern wie „Rock Bottom“ und natürlich „Doctor, Doctor“ vertrieben werden kann.

... eben auch routiniert

Professionelle Routine lässt sich bei Judas Priest freilich ebenso wenig leugnen, allerdings ist die Präsentation beeindruckend. Das zeigt schon die Eröffnung. Nachdem Black Sabbaths „War Pigs“ als Intro vom Band erschallt, geht es los mit einem Stück vom aktuellen Album: „Dragonaut“ ist sicher nicht mit den Großtaten von einst zu vergleichen, aber grundsolider Heavy Metal. „Metal Gods“ vom sechsten Studioalbum, dem großen Durchbruch „British Steel“ hebt das Konzert auf eine andere Ebene.

Halford ist exzellent bei Stimme; die ist noch immer so schrill, so exaltiert und voller Variationen wie früher und für einen Mit-Sechziger durch und durch beeindruckend. Die obligatorischen Hits werden zunehmend ekstatisch aufgenommen. Der Refrain der zornigen Outlaw-Hymne „Breaking the Law“, die einst unter dem Eindruck des Thatcherismus und der perspektivlosen Lebenswirklichkeit der tristen Midlands entstand, wird lautstark skandiert.

Im Hintergrund: das jeweils passende Plattencover

Im Hintergrund untermalen martialische Bilder auf den großen LCD-Wänden die Songs visuell. Zudem erscheint vor jedem Stück kurz das Cover-Artwork des jeweiligen Albums. Das kann man seltsam finden, doch passt es zum durchaus kulturkonservativen Selbstverständnis eines schon immer selbstreflexiven Genres. Klischees gehören bekanntlich seit jeher zur Außenwirkung des Heavy Metal dazu.

Mit spielerischer Leichtigkeit gelingt es Halford aber, diese ironisch zu brechen, ohne zur peinlichen Selbstkarikatur zu werden. Fünfzehn Mal wechselt er in Stuttgart das Outfit, lässt dabei weder „Denim“ noch „Leather“ aus. Von der klassischen Lederkluft bis hin zum bodenlangen Jeansmantel voller Aufnäher ist alles dabei. Gegen Ende des Konzerts fährt er dann mit einer Harley Davidson auf die Bühne, in SM-Bikerkluft gekleidet, mit Ledermütze und einer Reitgerte in der Hand. Handschellen und Peitsche baumeln ohnehin an der Hose.

Sichtbar genießt Halford sein überzeichnetes Auftreten. Das darf er auch. Denn musikhistorisch betrachtet hat er damit Grundlegendes für die Akzeptanz Homosexueller geleistet. Dass Judas Priest darüber hinaus mühelos mit jüngeren Epigonen mithalten und als Live-Act absolut beeindrucken können, steht ohnehin außer Frage.

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